Madeline Juno über Anomalie Pt. 2, KI-Musik & neue Lebensabschnitte

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Mit „Anomalie Pt. 2“ schließt Madeline Juno ein besonderes Kapitel ab. Was als EP-Idee begann, wurde zu einem Doppelalbum voller Retrospektive, Introspektion und persönlicher Wendepunkte. Im Interview spricht sie über die Entstehung des Albums, die Herausforderungen im Live-Geschäft und warum hohe Ticketpreise nicht automatisch hohe Künstler-Einnahmen bedeuten. Außerdem verrät sie, warum Features für sie schwierig sind, welche Rolle KI in der Musikbranche spielen sollte und natürlich auch um ihren neuen Lebensabschnitt als werdende Mutter.

Ich hoffe und glaube fest daran, dass für uns als Gesellschaft die Konzertkultur nie ganz aussterben kann und wird, und wir uns immer nach menschlicher Verbindung sehnen werden.

Ein Full Circle Moment über zwei LPs

BANDUP: Warum heißt dein Doppelalbum Anomalie und was hat zu dem Entschluss geführt, dem Konzept eines Doppel Albums zu folgen?

Madeline Juno: „Anomalie“ war der letzte Song, den ich für das Vorgänger-Album „Nur zu Besuch“ geschrieben hatte. Nach der Entstehung merkte ich, dass er in meinen Augen nicht zum Rest passt oder zumindest so besonders ist, dass er eigentlich ein eigenes, neues musikalisches Zuhause bräuchte – „vielleicht eine EP“ dachte ich damals. Aus dieser Idee entstanden so viele Songs, mehr als 20, dass man sich intern nicht einmal auf 12 Songs einigen konnte, weil jeder von uns unterschiedliche unverzichtbare Favoriten hatte.

So entstand die Idee eines Doppelalbums, denn das allein war eine Anomalie für mich, das hatte ich noch nie gemacht oder überhaupt je in Erwägung gezogen. Ursprünglich stand Anomalie für musikalisches Ausprobieren und freischwimmen – am Ende war es eine lange Reise weg von gewohnten Sounds, hin zu neuen, zurück zu meinen Wurzeln. Ein Full Circle Moment über zwei LPs.

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Warum verzichtest du auf Features?

BANDUP: Auf Anomalie Pt. 1 und 2 sind keine Feature-Gäste zu hören. Gibt es dafür einen speziellen Grund?

Madeline Juno: Ja und nein. Ich schreibe meine Songs immer im Hinblick auf das Album, an dem ich gerade arbeite, und weniger mit der Haltung „mal zu gucken, ob das was ist oder nicht“. Das bedeutet meistens, die Songs sind mir selbst so wichtig und stecken so voller meiner Gedanken, dass es mir persönlich schwerfällt, eine zweite Strophe zu streichen und Platz zu schaffen für jemanden, der mit drauf springen könnte. Ich glaube, essenziell ist mir die Authentizität der Songs insgeheim oft wichtiger, als kommerziell zu denken.

BANDUP: Du hast für Anomalie Pt. 2 mit Namen zusammengearbeitet, wie zum Beispiel Wieland Stahnecker, die dich schon eine ganze Weile begleiten und auch auf deinen vorherigen Alben zu finden sind. Wie wichtig ist dir diese Vertrautheit beim gemeinsamen Schreiben und Produzieren – und könntest du dir auch vorstellen, einmal komplett ohne dieses eingespielte Umfeld zu arbeiten?

Madeline Juno: Sowohl Wieland Stahnecker als auch Joschka Bender sind langjährige Freunde und Bandkollegen von mir, da steckt enorm viel Sicherheit und Vertrautheit im Raum, wenn wir zusammen Musik machen. Aber natürlich habe ich schon vor unserem „Dreier-Gespann“ viele Jahre meines Lebens alleine für mich geschrieben oder mit vielen verschiedenen Kollegen kollaboriert.

Ich glaube, verschiedene Arten zu schreiben und zu produzieren haben verschiedene Vor- und Nachteile, und whatever works and feels best ist valide. Ich kann mir vorstellen, dass sich mein Schreibprozess unweigerlich ändern wird, wenn mein Kind auf der Welt ist. Auch wieder viel alleine und von Zuhause zu schreiben, kann ich mir gut vorstellen.

Neuer Lebensabschnitt = neue Themen?

BANDUP: Kannst du dir vorstellen, eines Tages Songs über deine Schwangerschaft und auch dein Kind zu schreiben? Oder möchtest du diesen Part deines Lebens lieber privat halten?

Madeline Juno: Ich habe schon einige Songs während meiner Schwangerschaft geschrieben, die von den vielen Veränderungen in mir drin und meinem Privatleben handeln. Ich glaube, mich selbst kennend, wird mich diese neue Lebenslage bewegen und bestimmt zu neuen Texten und Songs inspirieren.

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Mehr Informationen

BANDUP: Vor Kurzem hast du in einem rund zehnminütigen Video offen über die finanziellen Einnahmen deiner Deutschlandkonzerte im Rahmen der Anomalie Pt. 1-Tour 2025 gesprochen. Damit wolltest du unter anderem zeigen, dass hohe Ticketpreise nicht automatisch bedeuten, dass Musiker*innen entsprechend viel daran verdienen. Wo siehst du aktuell die größten Probleme im Live-Geschäft und was müsste sich ändern, damit Künstler*innen fairer an den Einnahmen beteiligt werden?

Madeline Juno: Ein großes Problem, meiner Einschätzung nach, ist, dass wir in einer so instabilen und finanziell für unsere Gesellschaft schwierigen Zeit leben. Die Menschen geben wahrscheinlich aktuell lieber ein Mal im Jahr mehr Geld für eine teure Konzertkarte eines internationalen Acts oder einer großen Produktion im Stadion oder einer Arena aus, als für zehn Tickets für kleinere Konzerte nationaler Artists.

Mein Punkt hat gar nicht sein sollen, dass die Einnahmenverteilung für die Artists selbst per se unfair ist. Vielmehr sind die Kosten einer Tournee einfach extrem hoch und tendenziell durch Inflation und die Weltlage, zum Beispiel seit der Pandemie, die letzten Jahre immer weiter gestiegen. Bei immer geringer werdender Kaufkraft, aussterbender Festival-Landschaft und einer immer größer werdenden Konkurrenz unter den Musikschaffenden. Man hat eben seine Kosten, die bleiben oder eher wachsen, während man selbst logischerweise als letztes verdient.

Ich glaube, am Ende müssten man Produktionskosten so niedrig wie möglich halten, dementsprechend Aufmachung von Shows weniger ausschmücken und in Showkonzepte investieren. Außerdem müsste man die Ticketpreise höher ansetzen, als viele meiner Kolleg*innen und ich selbst es für richtig und angemessen halten würden, um mit größeren Gewinnen rauszugehen.

Was in der Musikbranche passieren muss

BANDUP: Was muss sich deiner Meinung nach allgemein ändern, damit die Musikbranche wieder attraktiv für junge Artists bleibt?

Madeline Juno: Ich hab keine Ahnung, ganz ehrlich. Ich möchte aktuell mit niemandem tauschen, der gerade erst beginnt, Musik zu schreiben oder zu veröffentlichen, gerade erst in diese Branche eintaucht oder versucht, Fuß zu fassen, da einfach alles so konfus und unbeständig geworden ist. Was ich klar sagen kann, oder was meiner Meinung nach passieren müsste, ist, dass KI-generierte Musik, wenn sie nicht verboten werden kann, viel besser und klarer als solche gekennzeichnet werden muss.

Für Hörer*innen muss klar sein, dass da kein Mensch, keine Persönlichkeit, keine Seele, keine erlebte Erfahrung oder kein wirklich kreativer Output dahinter steckt. Ich hoffe und glaube fest daran, dass für uns als Gesellschaft die Konzertkultur nie ganz aussterben kann und wird, und wir uns immer nach menschlicher Verbindung sehnen werden. Und ich hoffe, dass KI-„Künstler“ nie werden ersetzen können, was uns Menschen-gemachte Kunst geben kann. Ein Gefühl von Zugehörigkeit und Menschlichkeit.

Retrospektion und Introspektion

BANDUP: Du hast 2025 in einer Ausgabe von „deep und deutlich“ über die ungesunde Beziehung mit deinem Ex-Freund gesprochen. Mittlerweile hast du die Beziehung in einer Therapie aufgearbeitet und vor allem verarbeitet. Wie viel von den Erfahrungen, die du in dieser Beziehung gemacht hast, fließt in deine Songs ein?

Madeline Juno: Anomalie Pt. 2 ist zumindest nicht intended so zu wirken, als stecke ich in einer Beziehungskrise, das könnte nicht weiter weg von meiner Realität sein. Viel mehr stecken in dem Album Retrospektion und Introspektion. Es geht öfter um herausfordernde Situationen in einer Freundschaft (Funkstille, Untertitel, Bei aller Liebe) und Aufarbeitung von Erlebtem in zurückliegenden Beziehungen mit einer Art Draufsicht aus der Gegenwart (Homescreen, Wärst du mir nie passiert).

Des Weiteren gibt es Songs, die nur „für mich“ sind. Sie handeln von meinem Innenleben (in meinem Kopf, suffering in style, Frieden im Herz), über meinen Bruder, den ich über alles liebe (Godzilla, Pakt), Verlust eines geliebten Menschen (Indigo) oder einfach nur von gesunder, glücklicher Liebe (gläubig, nicht mit dir). Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist alles sehr autobiografisch.

Es ist valide, Schlussstriche zu ziehen

BANDUP: Hast du einen Rat für Menschen, die sich in einer schwierigen oder belastenden Beziehung befinden und vielleicht noch nicht den Mut gefunden haben, etwas zu verändern – oder sich ihre Situation selbst noch nicht vollständig eingestehen zu können? Und was können Freund*innen oder Angehörige tun, um unterstützend da zu sein, ohne die betroffene Person unter Druck zu setzen oder den Kontakt zu verlieren?

Madeline Juno: Was mir selbst dabei geholfen hätte, mich schneller aus schwierigen und belastenden Beziehungen zu ziehen, wäre zu verstehen, dass ich nicht erst „beweisen muss“, dass es mir schlecht genug geht, um eine Situation nicht mehr aushalten zu wollen oder zu können und gehen zu müssen.

Dass es valide ist, Schlussstriche zu ziehen, wenn eine Situation oder eine Beziehung dich dauerhaft unwohl fühlen lässt oder innerliche Konflikte auslöst. Auch sich Menschen anzuvertrauen, die einen gut kennen und lieb haben, ist kein Zeichen von Schwäche oder keine Niederlage, sondern kann so heilsam und hilfreich sein, einen weniger alleine fühlen lassen und Perspektive geben.

BANDUP: Du wurdest schon in jungen Jahren bekannt und hast früh große Aufmerksamkeit für deine Musik bekommen. Heute stehst du an einem ganz anderen Punkt im Leben: Du hast geheiratet und wirst bald zum ersten Mal Mutter. Wenn du mit heutigem Blick auf deinen bisherigen Weg zurückschaust – gibt es etwas, das du vielleicht anders machen würdest?

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Madeline Juno: Ich glaube, heute würde ich der jüngeren Madeline wünschen, sie hätte sich ab und zu mal mehr Pausen und eine Auszeit erlaubt, denn meine Babypause ist tatsächlich das erste Mal, dass ich mir ein gutes halbes Jahr eine Pause genehmige.

Eine Empfehlung von Madeline

BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdest du unserer Community aktuell gern ans Herz legen?

Madeline Juno: Aktuell bin ich total begeistert von ABSOLUTELY – das ist die kleine Schwester von RAYE, absoluter Geheimtipp. Außerdem, meine Lieblingskünstlerin Phoebe Bridgers hat ein neues Album draußen, „Lost Weekend“ – sehr zu empfehlen! Großartig finde ich auch Rosalías Album „LUX“.

Künstler*innen: