Gruppe Blumenstrauß im IntervieW: „Unsere Songs dürfen so verschieden sein wie wir“
Die Band Gruppe Blumenstrauß macht Indie-Rock mit Haltung. Seit ihrer Gründung 2019 kämpfen sie dafür, dass inklusive Bands nicht als Sonderfall, sondern als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden.
Mit ihrem Debütalbum „Freier Fall“ haben sie ihren Sound gefunden: prägnante Songs mit gesellschaftlicher Relevanz.
Im Interview sprechen sie über demokratisches Songwriting, die Unterstützung durch die Hans-Thomann-Stiftung und warum sie fordern, auf allen Bühnen gleichberechtigt mitzumischen. Ihre Botschaft ist klar: Musik für alle bedeutet auch, dass alle repräsentiert werden müssen.
Wir haben mit der Band über ihre Erfahrungen in der Musikszene, inspirierende Begegnungen mit Fans und ihre Vision einer bunteren, inklusiveren Gesellschaft gesprochen.
Wir wollen mit unserer Musik zeigen, dass es egal ist, welche Merkmale einem Menschen von der Gesellschaft zugeschrieben werden.
BANDUP: Eure Band hat sich 2019 gegründet und seit 2022 spielt ihr live. Wie habt ihr euch alle kennengelernt und wie kam es dazu, dass ihr zusammen Musik macht?
Gruppe Blumenstrauß: Tatsächlich haben wir uns durch ein Casting als Band zusammengefunden. Die Aktion Mensch hat ein Projekt gefördert, in dem Menschen mit Behinderungen unterstützt wurden, um auch an der Musikwelt teilhaben zu können.
Teilweise kannten wir uns schon vorher. Andi und Cindy waren zum Beispiel schon in derselben Krabbelgruppe.
Vielfalt statt Einheitsbrei
BANDUP: Ihr legt viel Wert auf Mitbestimmung in diversen Formen. Zum Beispiel wird bei euch demokratisch beschlossen, in welche Musikrichtung es gehen soll oder wie der Song textlich gestaltet wird. Inwiefern hat dieser Prozess Vor- aber vielleicht auch Nachteile?
Gruppe Blumenstrauß: Uns ist wichtig, dass alle Bandmitglieder gleichermaßen etwas zum Entstehungsprozess unserer Songs beitragen können. Das klingt zunächst nach dem Nachteil, dass die Entstehung unserer Musik viel Kompromisse erfordert.
In Wirklichkeit ist das aber Teil unseres Selbstverständnisses: Für uns dürfen unsere Songs so verschieden sein, wie wir verschiedene Menschen in der Band sind. Dass wir uns als demokratische Band verstehen, heißt nicht, dass immer alle jeden Song perfekt finden müssen.
Wir arbeiten auch viel in kleineren Teilteams und uns ist wichtiger, dass alle grundsätzlich mit allem einverstanden sind, was wir veröffentlichen, als dass alles wie aus einem einheitlichen Guss klingt. So einfarbig ist weder die Welt noch unsere Band und das finden wir genau richtig!
Ein Album mit musikalischer Identität
BANDUP: Ihr veröffentlicht seit mittlerweile vier Jahren Musik und habt vor „Freier Fall“ bereits zwei EPs herausgebracht. Was bedeutet es für euch, jetzt euer erstes Album in den Händen zu halten und warum hat sich dieser Moment für euch richtig angefühlt?
Gruppe Blumenstrauß: Wir haben seit dem Beginn der Band eigene Songs geschrieben. Am Anfang war uns wichtig, dass wir schnell etwas veröffentlichen können. So kam es zu den beiden EPs.
2025 haben wir dann alle gemeinsam Lust gehabt, mal einen Tonträger mit längerer Spielzeit aufzunehmen. Wir haben in diesem Jahr viele Songideen gehabt und so kam es, dass sich ein richtiges Album nun genau richtig angefühlt hat.
Und wir sind verdammt stolz: Auf dem Album haben wir unsere musikalische Identität gefunden, nichts vorher klang so nach Gruppe Blumenstrauss wie diese 11 Songs.
„Bookt so, dass nicht nur weiße Cis-Männer auf der Bühne stehen„
BANDUP: Euer Motto lautet „Musik für alle!“, nicht nur als künstlerischer Anspruch, sondern auch als gesellschaftliche Haltung. Was wünscht ihr euch von Veranstalter*innen, Booker*innen und Hörer*innen, damit inklusive Bands nicht mehr als Sonderfall, sondern als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden?
Gruppe Blumenstrauß: Hier sind wir immer etwas zwiegespalten. Auf der einen Seite bietet die Tatsache, dass wir eine inklusive Band sind, oft die Möglichkeit, hierfür besonders ins Scheinwerferlicht zu geraten.
Menschen finden toll, dass wir ein inklusives Konzept haben und diese Besonderheit kann uns helfen, Türen zu öffnen.
Gelebte Inklusion beginnt aber dort, wo diese Kategorie eigentlich keine Rolle mehr spielt. Das erleben wir insbesondere, wenn wir nicht per se als inklusiver Act gelistet werden, sondern einfach Teil normaler Festivalprogramme sind.
Dass Inklusion bei uns Thema ist, sollen die Menschen dann eher an unserer Musik und der vermittelten Haltung erkennen als an einem Label, das man uns aufklebt.
Unsere Botschaft an Booker*innen und Veranstalter*innen ist hier ähnlich wie bei FLINTA*-Artists: Bookt so, dass nicht nur weiße Cis-Männer auf der Bühne stehen.
Wichtig für eine diverse und bunte Gesellschaft ist, dass alle repräsentiert werden, eben auch in Kunst und Kultur. Das betrifft Frauen und Queers, migrantische Perspektiven, aber eben auch die von Menschen mit Behinderungen!
Finanzielle Förderung ist essenziell
BANDUP: Die Hans-Thomann-Stiftung hat euch mit Equipment unterstützt. Wie wichtig sind solche konkreten Unterstützungen für eure Arbeit als Band und wo liegen für euch generell noch Hürden, wenn es darum geht, Musik zu machen und auf Bühnen zu kommen?
Gruppe Blumenstrauß: Unterstützung bekommen wir von vielen Stellen. So sind wir als „Gruppe Blumenstrauss“ nicht einfach eine Band aus fünf Privatpersonen, sondern werden von der „Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach“ getragen, bei der Alex als Pädagoge arbeitet.
Menschen mit Behinderungen sind in unserer Gesellschaft noch weit davon entfernt, die gleichen Zugänge zu Ressourcen zu haben wie Menschen ohne Beeinträchtigungen. Deshalb sind Förderungen und Unterstützungen für uns elementar wichtig, um in der Musikbranche mithalten zu können.
Der Thomann-Stiftung sind wir sehr dankbar für die Cases, die sie uns z.B. für unsere Technik gesponsert haben. Hürden erleben wir dagegen eher im Booking. Selbst wenn Festivals uns buchen, traut man uns oft nicht zu, als normale Band mitten im Line-Up das Publikum zu begeistern und wir werden eher auf kleinere Bühnen mit frühen Slots gebucht.
Wir erleben aber auch viele positive Beispiele, die es anders machen möchten. Das Nonstock-Festival im Odenwald, das Pferdefest an der Mosel oder das KommZ-Festival in Aschaffenburg sind gute Beispiele für Veranstaltungen, die Inklusion als festen Bestandteil ihres Konzeptes berücksichtigen.
Access All Areas für alle
BANDUP: Songs wie „Access All Areas“ und „Hier spielt die Musik“ thematisieren sehr konkret eure Erfahrungen als inklusive Band in der Musikszene. Welche Situationen haben euch dazu gebracht, diese Themen so direkt anzusprechen, und was muss sich aus eurer Sicht dringend ändern?
Gruppe Blumenstrauß: Wir schreiben unsere Songs so, dass alle Mitglieder Themen einbringen können. Unser Gitarrist Andi hat schon auf unserer ersten EP mit dem Song „So wie ich bin“ ein klares Statement für mehr Toleranz in unserer Gesellschaft gesetzt.
Auch auf dem aktuellen Album war uns wichtig, diese Perspektive wieder einzubringen. Wir wollen nicht ausschließlich über Inklusion und unsere Vision einer besseren Welt singen, aber diese Sichtweise eben genau so wenig künstlich weglassen.
Situationen wie das eben genannte Booken in frühe Slots auf die Randbühnen haben uns z.B. zu „Access All Areas“ inspiriert, in dem wir mit dem Bild des Backstagepasses fordern, auf allen Bühnen ganz normal mitmachen zu dürfen.
„Wir verstehen unsere Band als Mutmacher“
BANDUP: Ihr zeigt auf der Bühne, dass Inklusion und Musik selbstverständlich zusammengehören. Welche Bedeutung hat es für euch, zu wissen, dass ihr damit vielleicht auch anderen Menschen Mut macht? Gab es schon Begegnungen mit Fans, die euch besonders berührt haben?
Gruppe Blumenstrauß: Wir wollen mit unserer Musik zeigen, dass es egal ist, welche Merkmale einem Menschen von der Gesellschaft zugeschrieben werden.
Gute Musik entsteht dort, wo Menschen gemeinsam voller Leidenschaft an etwas arbeiten und sich hierbei auf ihre Stärken konzentrieren.
Gerade erleben wir in Deutschland, dass es Kräfte gibt, die das sehr stark in Frage stellen. Wir verstehen unsere Band als Mutmacher, aber genauso auch als politisches Statement, dass Inklusion für uns weiterhin ein wichtiges Ziel unserer Gesellschaft bleiben muss.
Um direkt auf eure Frage zu antworten: Ja, wir haben schon oft gehört, dass wir Menschen inspiriert haben, ähnliche Projekte anzufangen oder dass Zuschauer*innen berührt davon waren, wie selbstverständlich wir miteinander auf der Bühne agieren.
BANDUP: Wenn ihr heute auf eure ersten Songs zurückblickt: Was würdet ihr sagen, hat sich bei euch als Band am meisten verändert, musikalisch, aber auch in eurem Zusammenspiel?
Gruppe Blumenstrauß: Am Anfang hat vor allem Alex, der die Band als Pädagoge koordiniert, die meisten Anteile am Songwriting gehabt.
Gemeinsam haben wir dann nach und nach neue Methoden erprobt, wie alle Mitglieder stärker an diesen Prozessen beteiligt werden können.
Gerade unsere zweite EP „Mit dem Hoodie durch die Stadt“ lebt von diesem sehr starken Miteinander im Songwriting und wurde aus unserer Perspektive dafür auch etwas experimenteller.
„Freier Fall“ fühlt sich jetzt genau nach uns an. Wir haben unseren Sound gefunden, aber das fühlen Bands natürlich oft genau im Moment des gerade aktuellen Releases.
Mit welchem Artist würdet ihr gerne zusammenarbeiten?
BANDUP: Habt ihr einen Artist, mit dem ihr gerne mal zusammen etwas schreiben oder auf der Bühne stehen wollt?
Gruppe Blumenstrauß: Ein Feature mit einer der Bands, mit denen wir uns verbunden fühlen, wäre mal toll. Das sind zum Beispiel „Kochkraft durch KMA“, für die wir schon öfter Support spielen durften oder „LYGO“, deren Drummer Daniel uns bei unseren Studioaufnahmen immer mit voller Kraft begleitet.
Mit welcher Band wir gemeinsam auftreten wollen würden, beantwortet jeder von uns sehr verschieden. Antworten reichen hier von den Scorpions (Farid) über Mono Inc. (Andi) bis hin zu Tocotronic (Alex) oder Maroon 5 (Cindy).
BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdet ihr unserer Community aktuell gern ans Herz legen?
Gruppe Blumenstrauß: Wir sind seit einigen Jahren mit der Trierer Band „Alpina Weiss Bescheid“ befreundet. Wir spielen immer wieder gemeinsam Konzerte und halten uns auf dem Laufenden.
Auch die Alpinas haben gerade ihr erstes Album in die Welt gesetzt und hier gibt es von uns eine klare Empfehlung. Wer auf Dreamy New Wave in inklusivem Gewand steht, ist hier genau richtig!
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Gewinnspiel
BANDUP verlost auf Instagram eine Vinyl des Albums “Bildet Banden” von Marlo Grosshardt.








