Gesellschaftskritik & postmigrantischer Rap im großen Stil: Ebows „Typologie eines Lebens“
Was schon vor dem Erscheinen von Ebows fünftem Album klar war: Ebow verkauft sich nicht und biedert sich nicht an, Ebow macht genau das, was sie für richtig hält und hat trotzdem noch ein paar Überraschungen dabei. Ihr neues Album „Typologie eines Lebens“ erhebt den Anspruch eines Gesamtkunstwerkes, das sich rund um die Künstlerin und ihre Lebensrealität(en) dreht.
Ebow spielt schon immer gern mit kleinen Snippets und Einspielern. Sie erweitert ihre Songs damit um zusätzliche Stimmen und Verweise, die über die eigentlichen Raptexte hinaus auf gesellschaftliche Diskurse und eine bestimmte Text- und Musikkultur verweisen.
Bei „Typologie eines Lebens“ kommt noch ein viel größeres Artwork dazu als bisher: Die Musikvideos sind aufwendiger in Szene gesetzt und erzählen kleine Geschichten. Ebow hatte anlässlich des Albumreleases sogar eine kleine Ausstellung in Berlin laufen. Sie erfüllt hier ihre Aussage, die sie mal in einem ByteFM-Fragenformat „Kurz und Schmerzlos“ getätigt hat: „Bombastisch oder reduziert?“ „Bombastisch!“.
Konzept Typologie: Die Merkmale der Ebow
„Typologie eines Lebens“ verkörpert insgesamt ähnlich konzeptige Elemente wie beispielsweise „Lux“ von Rosalía: Neben der Einbindung eines Chors und Streichern spielt Ebow mit Gedichtsschnipseln.
Der Albumtitel „Typologie eines Lebens“ gibt dabei die Richtung für die gesamte Platte vor. Eine Typologie beschreibt die Einteilung anhand bestimmter Merkmale – und genau damit arbeitet Ebow auf mehreren Ebenen. Sie macht sichtbar, welchen Gruppen und Lebensrealitäten sie sich zugehörig fühlt: der queeren Community, der Arbeiterklasse und der kurdischen Diaspora.
Gleichzeitig setzt sie diese unterschiedlichen Facetten zu einem persönlichen Gesamtbild zusammen. Auch musikalisch spiegelt sich diese Vielschichtigkeit wider: Auf der einen Seite steht die hart rappende Ebow, die Haltung zeigt und klare Ansagen macht, auf der anderen eine fast soulige Ebow, die träumt, zweifelt und sich verletzlich zeigt. Inhalt und Form greifen hier ineinander: Das Album erzählt nicht nur von den unterschiedlichen Facetten ihrer Identität, sondern macht sie auch musikalisch hörbar.
Die Einzelteile: Queere Love Stories, Postmigrantisches Leben und Gastarbeitertum
Ebow ist eine der wichtigsten Stimmen in Deutschland, was Queerness und insbesondere Lesbisch-Sein anbelangt. Dabei tritt sie in manchen Songs sehr dominant auf und durchbohrt ihr Subjekt der Begierde mit ihrem Blick. Fast könnte man sie im klassischen Mackertum verorten – dabei ist es einfach wahnsinnig erfrischend, dass eine Frau diesen aktiven, fordernden Part einnimmt.
Besonders hervorsticht „BUTCH IM TANK (L.M.S.)“ der an Ebows Pride-Hymne „Lesbisch“ aus dem Jahr 2024 anschließt und genau zum rechten Zeitpunkt dieses Jahr releast wurde. Daneben gibt es „Für immer“ und „Club 1990“ – Songs, die einfach Spaß machen und Liebesgeschichten erzählen.
Arbeit, Migration und soziale Realität
Eine weitere Vorab-Single, „ARBAYT“, sticht auch noch hervor und nimmt Bezug auf die aktuelle Debatte um Migrant:innen und ihren Mehrwert für Deutschland. Zudem zeigt Ebow, was es bedeutet, als (Gast)Arbeiter:innenkind aufzuwachsen und sich den eigenen sozialen Aufstieg hart zu erarbeiten – und wie fragil dieser sein kann. Denn das Geld, das man verdient, kommt oft nicht nur einem selbst zugute, sondern wird innerhalb der Familie und des eigenen Umfelds verteilt. Dazu kommt, dass der Umgang mit Geld und finanziellem Vermögen nicht selbstverständlich vermittelt wird.
Im Musikvideo stellt Ebow einen direkten Bezug zu heutigen Arbeiter:innen, Lieferant:innen her, deren Arbeitsbedingungen und Rechte bis heute oft wenig Beachtung finden. Gleichzeitig schlägt sie die Brücke zu den Gastarbeiter:innen der vergangenen Generationen. Auf „ARBAYT“ folgen dabei Teile der Gedichte von Semra Ertan aus dem Gedichtband „Semra Ertan. Mein Name ist Ausländer“ und verdeutlichen die prekäre Lage der Menschen damals.
Ein Song, der hittet und auch viel Resonanz bei Ebows Fans findet, ist „Novoline“. Ebow erzählt in wechselnden Perspektiven (mit Unterstützung eines Chors) von der Glücksspielsucht ihres Vaters, die Spielrunde als einen Ort, der ihm immer wieder eine verheißungsvolle Zukunft und einen einzigen Ausweg aufzeigt. Daneben legt Ebow ihre eigene Perspektive als Tochter, die auch immer an ihren Vater geglaubt hat, aber sich von diesem im Stich gelassen fühlt. Damit trifft Ebow einen Nerv, den schon Apsilon mit seinem Song „Baba“ gekitzelt hat.
Feature-Gäste und soulige Einflüsse
Neben Ebow sind auch einige Feature-Gäste vertreten „G.O.A.T.“s – „Greatest of them all“ wie jemand in den sozialen Medien schreibt und wohl das Albumcover mit der Ziege zeitgleich interpretiert. Dabei ist Joy Denalane auf der Zukunftsvision „Neues Leben“, der queere Artist FAYIM auf dem Track „Club 1990“ oder die kurdische Sängerin SAVO auf dem Track „Heval“ – um nur ein paar zu nennen. Alle weiß Ebow jedoch sehr zu schätzen und spricht ihnen sowie den Producern auf Instagram eine persönliche Widmung aus.
Mit ihrem Album „Typologie eines Lebens“ übt Ebow Gesellschaftskritik, promotet queeres Begehren und ist die Stimme eines postmigrantischen Raps, der unter die Haut geht. Das Ganze ist in großem Stil angelegt à la Rosalía – mit Chor, einer Reihe von Feature-Gästen, Streichern und intertextuellen Referenzen.











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