Jolle verarbeitet ihre Höhen und Tiefen auf „Sunny Side Up:/Down“

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„Alle Märchen sind gelogen“… Mit diesem Satz hat Musikerin Jolle wohl ihren bisher größten Durchbruch erlebt. Denn der Track „Märchenwald“ mit Rapper CRO als Feature-Gast ging Anfang 2025 ziemlich viral. Seitdem hat die Sängerin immer mehr Songs herausgebracht. Nun erschien ihr lang erwartetes Debütalbum.

Jolle zeigt darauf, dass sie auch ohne große Feature-Gäste Musik machen kann. Auffällig ist nämlich, dass das Album komplett ohne andere Artists auskommt. Nach dem Erfolg von „Märchenwald“ stellt sie damit ganz bewusst ihre eigene Stimme und ihre eigene Geschichte in den Mittelpunkt. Wie hat sie das umgesetzt und was handelt sie in ihrer ersten Debüt-LP ab, ist nun die Frage.

Märchen treffen auf Realität

Das Album trägt den Titel „Sunny Side Up:/Down“ und behandelt, wie man sich schon aus dem Namen herleiten kann, ihre Hochs und Tiefs. Sehr persönliche und introspektive Texte beschreiben musikalisch Jolles Umgang mit psychischen Problemen wie Depressionen, Bipolare Störung und Suizidgedanken, aber auch mit ihrem Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, welches sie in Interviews bereits öfter öffentlich besprochen hat.

Beginnend mit dem schon bekannten Track „Alle Märchen sind gelogen“ gibt Jolle ihren Hörer:innen einen Reality-Check. Nicht alles ist so, wie man es sich vorgestellt hat, und das wahre Leben birgt größere Hindernisse, als es oft romantisiert dargestellt wird. Das Lied als Prolog bereitet bereits darauf vor, denn im Album kommen immer wieder verspielte Märchenbilder vor.

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Ups and Downs

Der Schlüsseltrack des Albums ist definitiv „Plusminus“. Denn in diesem zeigt Jolle die Dualität auf, die ihr Leben hat. Von „Heute ist ein schöner Tag, Sunny Side is Up“ bis hin zu „Heute ist kein schöner Tag, Sunny Side is Down“. Darin beschreibt sie die Schwankungen und dass es Tage gibt, die ihr leichter fallen, aber schnell auch wieder zu Tagen werden, die ihr schwerfallen.

Das wird besonders durch die Bridge deutlich, in der sie mit einer verzerrten Synth-Stimme zu hören ist. Das Ganze klingt schon fast so, als würde sie hinter einer Wand performen, ihre Stimme ist verzogen und nur schwer verständlich. Dadurch wird auch musikalisch das Gefühl vermittelt, das sie inhaltlich beschreibt.

„Was bleibt von mir übrig, wenn ich alles geb … Plusminus null.“

Das zeigt, dass sie merkt, dass sie trotz der Anstrengung, sich zu verstellen und alles zu geben, am Ende trotzdem das Gefühl hat, leer zu sein. Plus und Minus gleichen sich aus und übrig bleibt nichts – „plusminus null“.

Aufarbeitung persönlicher Erfahrungen

Die Tracks „Danke für nichts“ und „Frei“ greifen persönliche Themen auf. Während „Danke für nichts“ mit Zeilen wie „Ich bin am Leben, doch mag’s nicht“ zu den dunkelsten Stücken des Albums gehört und Jolles Einsamkeit sowie ihre Suizidgedanken thematisiert, erinnert sie sich in „Frei“ zunächst an die Leichtigkeit ihrer Kindheit.

In der zweiten Strophe kippt die Stimmung jedoch: Die ruhigere Melodie und Zeilen wie „Rasen immer schöner auf der anderen Seite“ oder „Baue Flieger aus Papier, doch ich bin viel zu schwer dafür“ zeigen, wie schwer es ihr inzwischen fällt, dieses Gefühl wiederzufinden.

Damit arbeitet sie vermutlich auch zugleich ihre schwierige Kindheit auf, über die sie bereits öffentlich gesprochen hat. „Die Gedanken bleiben frei“ erklingt mit einer verzerrten Synth-Stimme. Nicht nur der Text, sondern vor allem die Produktion vermittelt hier einen bestimmten emotionalen Zustand.

Die Stimmung kippt auf dem Album immer wieder zwischen positiven Texten und emotionalen Themen. Lieder wie „Gewinner“ und „Träumer“ zeigen, dass Jolle trotzdem nicht aufgegeben hat. Sie macht mit der Zeile

„Ich bin ein Träumer, der an übermorgen glaubt“

deutlich, dass es nicht nur einen nächsten Tag, sondern weitere Tage in der Zukunft gibt. Gerade dadurch wirken die positiven Songs nicht wie ein Gegensatz zu den dunklen Liedern, sondern eher wie ein Teil des gleichen Erlebens.

Ein Märchen ohne klassisches Happy End

So schließt sie dann auch das gesamte Album ab. Trotz des Titels „6 Fuß unterm Beet“ und den Anspielungen auf den Tod endet das Album mit dem Satz: „Und wenn ich nicht gestorben bin, bin ich heut noch am Leben.“ Dieser rundet auch das Märchenthema vom Anfang wieder ab.

Jolles Soundwelt

Musikalisch funktioniert dieses Wechselspiel besonders gut. Besonders die Synth-Elemente schaffen eine eindringliche Atmosphäre. Teilweise klingt es so, als würde Jolle einem direkt und verzerrt ins Ohr singen. In den Songs wird ihre Stimme teilweise so stark verzerrt, dass sie wie durch eine Wand oder einen langen, hallenden Gang klingt. Dadurch entsteht der Eindruck von Distanz und Abwesenheit und vielleicht auch von einer Art Dissoziation von den eigenen Gefühlen.

Für die Produktion des Albums arbeitet Jolle unter anderem mit Bazzazian, Bombays und Leon Milla zusammen und ist auch selbst an der Produktion beteiligt. Gerade dadurch wirkt der Sound nicht wie eine reine Begleitung zu ihren Texten, sondern wie ein eigener Teil der Erzählung und klingt musikalisch sehr stark nach Jolle selbst.

Jolle verbindet verspielt-lyrische, aber auch tiefgründige, introspektive Texte über emotionale und schwierige Themen wie Depressionen und Suizid. Trotzdem ist das Album musikalisch nicht nur melancholisch und langsam, sondern teilweise ziemlich peppig. Insbesondere ihre Synth-Elemente schaffen eine eindringliche Atmosphäre.

Das bewusste Kippen zwischen positiven lyrischen und musikalischen Elementen – von schnellen Beats und hoffnungsvollen Texten hin zu langsamen, traurigen und ernüchternden Momenten – schafft eine vielschichtige Erfahrung und lässt das Album nicht als hoffnungslose Darstellung psychischer Probleme dastehen.

Persönlich, aber nicht hoffnungslos

Genau diese Mischung macht eine der größten Stärken des Albums aus. Jolle verarbeitet sehr persönliche Themen, ohne dass die Musik dadurch durchgehend schwer oder bedrückend wird. Die Songs dürfen traurig, wütend, hoffnungsvoll und teilweise sogar leicht sein.

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Sie arbeitet ihre Erfahrungen auf, bringt sie lyrisch aber nicht romantisiert an ihre Hörer. Ihre Märchenreferenzen schaffen es, mit Kindheitsbildern erwachsene Themen zu besprechen. Passend dazu sind auch ihr gemaltes Albumcover sowie ihre Live-Auftritte mit Teddybären am Mikrofon. Die kindlich-verspielte Ästhetik steht dabei immer im Kontrast zu den teilweise sehr schweren Themen des Albums.

Damit ist das Album sehr persönlich und passt gut zu Jolles bisherigem Stil. Durch ihren sowieso schon offenen Umgang mit ihren Erfahrungen in Interviews macht es auch Sinn, dass sie diese Themen auf ihrem Debütalbum so direkt verarbeitet. „Sunny Side Up:/Down“ erzählt dabei kein klassisches Märchen mit einem Happy End. Vielmehr zeigt Jolle, dass das Leben aus einem ständigen Wechsel zwischen „Sunny Side Up“ und „Sunny Side Down“ besteht.

„Sunny Side Up:/Down“ setzt vielleicht keinen völlig neuen Maßstab im deutschsprachigen Indie-Pop, überzeugt dafür aber durch Ehrlichkeit und die persönliche Art, mit der Jolle ihre Erfahrungen verarbeitet. So bleibt am Ende ein hoffnungsvoller Eindruck zurück: Jolle zeigt, dass auch nach schwierigen Phasen wieder bessere Tage kommen können und dass es sich lohnt, weiterzumachen.

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