Apsilon lässt auf „Glanz Null“ die heile Welt in Scherben liegen
November 2024. Apsilon steht vor der ausverkauften Columbiahalle in Berlin und performt sein Debütalbum „Haut wie Pelz“. Spätestens hier war klar: Apsilon ist oben angekommen und begeistert Massen. Zwei Jahre nach seinem Debüt, am 24. Juli 2026 liefert der Berliner Rapper mit „Glanz Null“ ein konzeptionelles Schwergewicht ab. Er hatte es bereits im Januar mit einem mysteriösen Prolog angekündigt.
Die unter dem Label URBAN erschienene Platte zwingt uns, genau dorthin zu schauen, wo der kindliche Optimismus in der Realität zerschellt. Dabei verwebt Apsilon das Private so tief mit dem Politischen, dass gesellschaftliche Narben in jedem Song omnipräsent sind. Auf 14 Songs, angeführt von der Leadsingle „Weg hier raus“ welche bereits Ende Mai erschien, treibt Apsilon uns durch Angst, Hoffnung, Trauer und Wut zugleich.
Bereits das Cover bereitet auf einen emotionalen Sturzflug vor: Ein hell erleuchtetes Kind fällt in die Tiefe als Symbol für den Moment, in dem das Urvertrauen erlischt. Der „Glanz“ zeichnet den naiven, kindlichen Blick auf die Welt – ein „Zahnlückenlächeln“ und Augen, die in einem weißen Ballack-Trikot leuchten und einfach nur das Jetzt mit Neugierde einfangen. Doch dieser Glanz bekommt Risse. Im Laufe des Erwachsenwerdens wird er geraubt durch Rassismus, familiären Druck und die Schattenseiten unserer Gesellschaft.
Die „Null“ markiert den harten Aufprall auf den Boden der Tatsachen. Sie beschreibt den Zustand der Desillusionierung, in dem alle Vorstellungen einer heilen Welt als Lügen entlarvt werden.
„Gebor’n mit einem Glanz, uns wurde eine heile Welt prophezeit, heh // Schon sekunde Null, erster Atemzug sagten sie bei jedem Schrei: ‚Keine Angst, wird alles gut'“
Doch für Apsilon ist die Null kein rein negativer Endpunkt. Die Null ist ein Ausgangspunkt, ein Nährboden für einen radikal ehrlichen Neuanfang ohne aufgesetzte und schönmalerische Hoffnungsversprechen.
Sommermärchen als Albtraum
Der Song „Sommermärchen“, der bereits als Singleauskopplung erschien, hat durch seinen Inhalt und lyrischen Charakter bereits vor Release für Aufsehen gesorgt. Apsilon kontrastiert seine Kindheitserinnerungen an den 4. April 2006 – seinen neunten Geburtstag und gleichzeitig den Tag des brutalen NSU-Mords an Mehmet Kubaşık. Während der kleine Arda im Trikot der deutschen Nationalmannschaft bei der „WM im eigenen Land“ mitfiebert, sieht der Vater die rassistische Realität Deutschlands. Opfer werden zu Tätern gemacht. Die damals noch ungeklärten rechtsextremistischen Morde des NSU werden als „Dönermorde“ bezeichnet und Menschen mit Migrationshintergrund zugeschoben. „Sommermärchen“ entfaltet durch dieses schonungslose Abbild einer Realität eine Aussagekraft, die kein politisches Referat erreichen könnte. Es ist die Realisation, dass die „Welt zu Gast bei Freunden“ für manche schon damals mehr Schein als Sein war.
Besonders bewegend macht den Song sein Ende. Nach einem Konzert spricht ihn eine Frau an und erwähnt, dass heute Apsilon’s Geburtstag sei – „was für ein Zufall“. Denn an diesem Tag wurde vor fast zwanzig Jahren ihr Vater von einem Rechtsextrimisten erschossen: die unübersehbare Anspielung auf Mehmet Kubaşık und dessen Tochter Gamze.
Radikale Grenzziehung gegen die Mitte
In „Keiner von Euch“ zieht er eine kompromisslose Trennlinie zwischen sich und der politischen Mitte. Er schießt scharf gegen Markus Lanz, Anne Will und Cem Özdemir. Besonders direkt trifft es Vizekanzler Lars Klingbeil, der Apsilon auf Instagram folgte:
„Wallah, reicht mit Yappa, Yappa, bitte sag ma‘, Vizekanzler // Warum folgst du mir auf Insta? Halt ma‘ lieber bisschen Abstand // Ich will nichts mit den’n zu tun hab’n, die das Land hier an die Wand fahr’n // Wir häng’n nicht mit Cem-Özdemir-Kanaken, Bruder, lass ma’“
Apsilon verweigert sich dem bequemen Konsum migrantischer Narrative durch eine weiß geprägte Öffentlichkeit, die Haltung nur so lange vermarktet, wie sie nicht zwickt. Diese Wut speist sich aus verschiedensten Erfahrungen, welche letztlich zumeist in politischer Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und dem ganz alltäglich stattfindenden Rassismus münden.
Kalter Sound und überraschende Symbiosen
Musikalisch entfernt sich „Glanz Null“ von den warmen Bläsern des Debüts. Das Team um seinen Bruder Arman Yolci, Bazzazian und Ralph Heidel sorgt für einen Sound aus Klavieren, Synthesizern und Live-Drums, der oft metallisch und unruhig wirkt. Gleichzeitig lässt er aber Raum für Momente der Überwältigung, erzeugt durch melodische Instrumentals. Der Klang bespielt somit genau diese vorher beschriebene Diskrepanz zwischen „Glanz“ und „Null“.
Auch die Features fügen sich nahtlos in diese Welt ein. Berq verleiht „Kaputte Diamanten“ mit seiner Gebrochenheit eine tiefe Melancholie. Am überraschendsten ist jedoch Ikkimel auf „Souvenir“. Fernab von ihrem gewohnten Image zeigt sie sich hier verletzlich und introspektiv in einem Duett über eine unmögliche Liebe in einer ungleichen Welt.
Fazit: Salz in der Wunde
„Glanz Null“ ist ein Langläufer, eine ehrliche, subjektive Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, Rassismus und den gesellschaftlichen Problemen des alltäglichen Lebens. Trotz der Schwere verweigert sich das Werk der totalen Resignation. Die „Null“ ist letztlich auch eine Chance, die Augen neu zu öffnen. Allein die durchaus polarisierenden Inhalte, welche Apsilon in seinen Zeilen behandelt, sorgen dafür, dass man diese Platte hören muss. Sie ist neben musikalischer Finesse eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen bei denen oft genug die Augen verschlossen werden. Trotz der Chance „Null“ sind Apsilon’s Worte meist das Salz in den Wunden unserer Gesellschaft. Aber gerade deshalb ist „Glanz Null“ genau das was HipHop immer war und heutzutage etwas verloren hat. Es ist das Spiegelbild einer unbequemen Realität und ein musikalischer Protest für Veränderung.
Ende Oktober startet Apsilon seine große „Glanz Null“-Tour. Wer die emotionale Intensität und den geballten Frust dieser Platte live erleben will, sollte sich rechtzeitig um Tickets bemühen.
Aktuell sind keine Konzerte eingetragen.










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