Bilderbuch „∞+1“ Review: Unendlich, aber nur eine halbe Stunde

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Vier Jahre nach „Gelb ist das Feld“ sind Bilderbuch zurück, und zwar nicht mit der nächsten Stufe der Entspannung, sondern mit dem Gegenteil. „∞+1“, gesprochen „unendlich plus eins“, ist das achte Studioalbum der Band aus Wien und ihr unruhigstes seit „Schick Schock“. Zehn Songs, viele davon unter drei Minuten, die klingen, als hätte jemand die gesamte Popgeschichte in einen Mixer geworfen und auf die höchste Stufe gestellt. Das ist nicht immer bequem. Es ist aber genau das, was man von dieser Band nach 20 Jahren noch wollen sollte.

Zuerst die Nachricht, dann die Musik

Das Album kommt mit einem Einschnitt: Gitarrist Michael Krammer, seit den Anfängen dabei und mit seinem Spiel für einen guten Teil des Bilderbuch-Sounds verantwortlich, hat die Band verlassen. An seiner Stelle steht seit dem Sommer Uche Yara, die zuletzt mit ihrem Solo-Projekt für Aufsehen gesorgt hat. Man könnte daraus ein Drama machen.

Bilderbuch machen daraus ein Video in der Arktis, Kübel über den Köpfen, und ein Album, das den Abschied gar nicht erst thematisiert. Nicht der Verlust wird inszeniert, sondern die Tatsache, dass es weitergeht. Das ist typisch für diese Band: Krisen werden nicht ausgestellt, sie werden überspielt, im wörtlichen Sinn.

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Was passiert hier eigentlich?

Der Opener „Finstere Erleuchtung“ legt die Regel des Albums fest: Maurice Ernsts Stimme kommt durch Verzerrer und Vocoder, fast kühl, während die Gitarre darunter das genaue Gegenteil macht und sich in Funk-Licks verliert. Dieser Kontrast, kalte Stimme gegen warmes Instrument, zieht sich durch die ganze Platte und ist ihr eigentliches Konzept, mehr als jedes Thema in den Texten.

Dann kommen die Stilbrüche im Minutentakt. „Was in dieser Welt“ beginnt als Sommer-Funk und kippt mitten im Song in ein Metal-Riff, das keiner bestellt hat. „Irgendwo“, die erste Single, ist ein Maschinengewehr aus Industrial-Gitarre und Groove. „Zahlen als Beweis“ ist Disco mit Breakbeats, glänzend produziert und der einzige Song, bei dem die Kälte nicht Stilmittel ist, sondern einfach kalt bleibt. „Push Reality“ dagegen ist der Song, den man von diesem Album behalten wird: ein Big-Beat-Brett, das klingt, als hätten die Chemical Brothers ein Wiener Kaffeehaus übernommen, dazu die beste Textzeile der Platte:

„Oh du und dein Mama in Retreats / Neue Nase, neues Leben, OMG.“

Mehr Gegenwartsdiagnose braucht es nicht.

Die zweite Hälfte lässt ein bisschen Luft. „Unterwasser“ schwebt mit Synthesizern, „Baby Junkie“ ist das Herz des Albums, zwei Minuten warme Stimme über fast nichts, der verletzlichste Moment, den Bilderbuch seit „Bungalow“ aufgenommen haben. „Wahrscheinlich war es der Lippenstift“ ist der Live-Kracher, „Ist es denn ein Wunder“ der Pop-Song, „Mehr als fair“ der ruhige Ausklang. Dann ist Schluss, nach etwa einer halben Stunde.

Wo es hakt

Genau da liegt das Problem. „∞+1“ verspricht im Titel Unendlichkeit und liefert zehn Skizzen. Mehrere Songs enden, bevor sie ihre zweite Idee ausgespielt haben, „Baby Junkie“ und „Zahlen als Beweis“ sind kaum länger als zwei Minuten. Das ist als Haltung konsequent, Maximalismus in der Verdichtung, aber es sorgt dafür, dass das Album beim ersten Hören eher durch einen hindurchrauscht als dass es hängen bleibt. Man braucht drei, vier Durchläufe, bis die Songs voneinander unterscheidbar sind. „Gelb ist das Feld“ hatte das umgekehrte Problem, zu viel Ruhe. „∞+1“ ist die Überkorrektur.

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Textlich bleibt es bei dem, was Bilderbuch immer gut konnten: Deutsch, Englisch, Wienerisch in einem Satz, Konsum, Körper, Beziehungen, alles gleichzeitig und ohne Moral. Das ist charmant und manchmal auch beliebig. Die Zeile „Du kannst nicht glauben, was du siehst, also push reality“ sagt viel. Vieles andere auf dem Album sagt vor allem, dass es gut klingt.

Warum es trotzdem ein gutes Album ist

Weil es keine andere deutschsprachige Band gibt, die nach 20 Jahren noch so klingt, als wüsste sie selbst nicht, was im nächsten Takt passiert. „∞+1“ ist nicht das beste Bilderbuch-Album, dafür ist es zu kurz und zu rastlos. Aber es ist das lebendigste seit langem, und es beantwortet die Frage, ob die Band ohne Krammer noch Bilderbuch ist, in zehn Songs mit Ja. Wer nur einen hören will: „Push Reality“. Wer wissen will, ob da noch Herz drin ist: „Baby Junkie“. Wer das Album verstehen will: beide hintereinander.

Live gibt es das Album auf der „∞+1“-Tour zu hören, Termine im BANDUP-Konzertkalender.

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