Spotify, wir müssen reden – Was steckt hinter dem Streaming‑Dilemma?
Miese Bezahlung der Künstler*innen, fragwürdiger Umgang mit KI-generierter Musik und nun auch noch Kriegswaffen-Investitionen in Millionenhöhe – Spotify liefert regelmäßig Gründe für heftige Kritik. Aktuell kehren deshalb immer mehr Künstler*innen dem Streamingdienst den Rücken – und mit ihnen auch einige User, die ihr Abo kündigen. Das fällt nach jahrelangem Musikstreamen und unzähligen Playlists nicht leicht – trotzdem: Spotify, wir müssen mal dringend reden.
Deerhoof, Skee Mask, King Gizzard & The Lizard Wizard oder Xiu Xiu: All das sind Bands oder Künstler*innen, die in den letzten Wochen ankündigten, ihre Musik von der schwedischen Streamingplattform Spotify zu entfernen. Die Alternative-Rock-Band Xiu Xiu schrieb dazu auf Instagram:
MILLIONENINVESTITIONEN IN WAFFENTECHNOLOGIE
Der letzte Anlass für den Boykott: Die jüngsten Investitionen von CEO Daniel Ek, die bei einigen Künstler*innen das Fass zum Überlaufen brachten. Dass Ek Geld in Kriegswaffen steckt, ist dabei nichts Neues – bereits seit 2021 investiert er in das Münchner Start-Up Helsing, das KI-gesteuerte Waffen wie Angriffsdrohnen entwickelt, die auch in der Ukraine eingesetzt werden. Im Juni wurde dann allerdings bekannt: Ek hat weitere 694 Millionen Dollar in das Unternehmen investiert – und ist damit nicht mehr nur Beteiligter, sondern einer der Vorsitzenden des Start-Ups.
Die Frage, die sich viele Künstler*innen nun stellen: Will ich mit meiner Musik die Finanzierung von KI-Waffen unterstützen? Die deutsche Indie-Pop-Musikerin Paula Paula appelliert in einem Video an andere Musikschaffende und ihre Fans: “All unser Idealismus, den wir an den Tag legen, um weiterhin Musik zu machen […], führt dazu, dass noch mehr Waffen gebaut werden können. Ich kann es echt nicht mehr fassen. Und das, was wir tun können, ist diesen Streamingdienst zu verlassen.”
Sie spricht dabei auch ein weiteres Problem an: Streamingplattformen wie Spotify werden gerade regelrecht von KI-generierter Musik geflutet. Spotify reagiert allerdings wenig darauf und kennzeichnet die Tracks nicht – für Paula Paula ein unfairer Wettkampf für echte Musiker*innen, die mit dem Output an neuen Songs nicht mithalten können.
PRO-RATA-MODELL: FÜR KLEINE INDIE-ARTISTS BLEIBT wenig ÜBRIG
Auch hinsichtlich der Bezahlung sieht es für Musiker*innen schlecht aus – ein Kritikpunkt, der Spotify schon sehr lange vorgeworfen wird. Von den Abo-Geldern bleibt am Ende kaum etwas bei den Artists hängen, lediglich 0,3 und 0,5 Cent erhalten sie pro Stream. Die Bezahlung erfolgt nach dem sogenannten “Pro-Rata-Modell” und variiert, je nachdem, wie viel auf Spotify in einem Monat gestreamt wird und wie viel Gelder dabei durch Abos und Werbung eingenommen wurden. Von den Abo-Geldern behält Spotify laut dem ZDF ein Drittel für sich, ein Teil geht an die GEMA und den Rest erhalten Labels. Diese geben 10 bis 20 Prozent ihrer Einnahmen dann an die Künstler*innen ab, je nach Verträgen.
Eine Studie der Goldmedia-Analyse zeigt eine ähnliche Verteilung bei Streamingdiensten im Allgemeinen:

Für Spotify gilt dabei: Je häufiger ein Song gestreamt wird, desto mehr Geld wird für den Song ausbezahlt – am Ende zählt dabei jedoch, wie groß der Anteil eines Songs an allen Songaufrufen innerhalb eines Landes ist. Heißt konkret: Wer ohnehin schon bekannt ist und millionenfache Streams erzielt, kassiert bei Spotify ordentlich. Für Künstler*innen mit geringeren Streamingzahlen sieht es weniger rosig aus – laut einer Studie der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien verdienen 72,3 Prozent der Musikschaffenden weniger als 500 Euro pro Jahr mit Musikstreaming.
ALTERNATIVEN ZU SPOTIFY – STREAMING GEHT AUCH ANDERS
Spotify gehört zwar weltweit zu einem der erfolgreichsten Streamingdienste, im März 2025 verzeichnete das Unternehmen 678 Millionen aktive Nutzer. Dennoch gibt es zahlreiche Alternativen, die für Künstler*innen wie User*innen interessant sein können. Da sind zum einen andere große Plattformen wie Deezer oder YouTube Music – die investieren zwar nicht in KI-Waffen, und Deezer markiert KI-generierte Musik sehr deutlich, trotzdem sind diese Plattformen teilweise sogar schlechter, was die Bezahlung der Artists angeht.
Als vielversprechende Alternative gilt zum Beispiel Tidal, das unter anderem von Jay-Z ins Leben gerufen wurde. Der Dienst setzt auf hohe Klangqualität und faire Bezahlung, hier liegt die durchschnittliche Auszahlung pro Stream bei 1,28 Cent. Eine weitere spannende Option ist der Dienst Qobuz aus Frankreich, der sich besonders auf HiFi-Qualität spezialisiert hat und sogar rund 1,8 Cent pro Stream an Künstler*innen bezahlt – und damit sechsmal so viel wie Spotify.
GOODBYE SPOTIFY? SO FÄLLT DER ABSCHIED LEICHTER
Nichtsdestotrotz wissen auch wir: So leichtfertig kann man sich von Spotify nicht trennen. Spotify ist für viele ein täglicher Begleiter seit mehr als zehn Jahren und umfasst unzählige Lieblingssongs, sorgfältig kuratierte Playlists sowie eine Flut an gespeicherte Alben und Künstler*innen. Und nicht zu vergessen: Einen so persönlich zugeschnittenen Algorithmus mit Musikempfehlungen, Release Radar und Musikmixen, dass man fast schon meint, Spotify kennt einen besser, als man sich selbst. Das aufzugeben, fällt nicht leicht.
Zumindest in Sachen Playlist-Transfer gibt es jedoch Mittel und Wege: Tools wie Tune My Music helfen, Playlists in kürzester Zeit in neue Streaminganbieter zu übertragen. Darüber hinaus bieten Plattformen wie Tidal oder Deezer ebenfalls eine Art Release Radar an oder stellen kuratierte Playlisten und individuelle Mixe zusammen.
Doch aus all diesen Herausforderungen könnte auch eine positive Veränderung entstehen: Vielleicht ist jetzt wieder der richtige Moment, Musikentdeckungen nicht mehr (nur) in die Hände von Algorithmen und künstlicher Intelligenz zu legen und wieder auf Empfehlungen echter Menschen zu setzen – durch Musikmagazine und Musikjournalist*innen. Wir bei BANDUP möchten euch mit sorgfältig ausgewählten Songs und Alben Musik abseits eurer Filterblasen präsentieren und Artists eine Plattform bieten, die sonst im Algorithmus-Strudel untergehen – mit News, Interviews und spannenden Themen aus der Musikwelt.








