Hallo Volte im Interview: „Wir lösen ein, was wir damals angefangen haben“
Nach 18 Jahren haben sich Jörn Dege, Konrad Feldmeier, Daniel Fritz und Benjamin Speh wieder zusammengefunden und unter dem Namen „Hallo Volte“ ihr Debütalbum „Wenigstens Wir“ veröffentlicht.
Etwa die Hälfte der zwölf Songs ist über zwanzig Jahre alt, die andere brandneu. Dazwischen liegen ein halbes Leben und die Erkenntnis, dass manche Dinge erst beim zweiten Anlauf wirklich rund werden.
Wir haben mit der Band über vorauseilende Wehmut, organisierte Fernproben und die Frage gesprochen, was passiert, wenn man einen Trennungssong von 2003 auf eine Four-to-the-Floor-Bassdrum legt.
Offenbar schreibt man mit zwanzig und mit vierzig doch über ähnliche Dinge.
Bandreunion zum 40.Geburtstag
BANDUP: Ihr habt bereits von 2002 bis 2004 zusammen Musik gemacht, damals noch unter dem Namen „Seitenweise“. Dann habt ihr nach 18 Jahren wieder zusammengefunden. Wie fühlt es sich an, jetzt wieder gemeinsam Musik zu machen? Was hat sich verändert?
Hallo Volte: Es fühlt sich immer noch ein bisschen surreal an. Dass wir noch einmal zu viert in einem Raum stehen, damit hat keiner von uns gerechnet, geschweige denn, dass wir zusammen Musik machen und sie auch noch veröffentlichen.
Angefangen hat es eher zufällig: Jörn wollte uns 2022 zu seinem 40. Geburtstag einladen und dachte, da war doch was, vielleicht spielen wir ein paar alte Sachen, nur zum Spaß. Er hatte 16 Jahre lang keine Gitarre in der Hand gehabt und musste sich erst mal wieder eine kaufen.
Daraus wurde ein kleines Weihnachtskonzert in Sigmaringen, und plötzlich standen da Leute, die wir zwanzig Jahre lang nicht gesehen hatten. Das war so ein magischer Abend, dass wir danach dachten: Vielleicht machen wir doch noch mal was.
Und dann stellte sich heraus, dass Konrad in Berlin längst einen Raum hatte, in dem man alles aufnehmen kann, als hätte er jahrelang auf diesen Anruf gewartet.Verändert hat sich vor allem die Logistik.
Damals sind wir praktisch ins Jugendhaus eingezogen, Proberaum und Konzertraum waren dasselbe. Heute haben alle Jobs und Familien, in der Band gibt es zusammen fünf Kinder.
Wir treffen uns ein paar Wochenenden im Jahr in Berlin und nehmen dort auf, geprobt wird zu Hause, jeder für sich zu Playalongs mit den Spuren der anderen. Dazwischen laufen ein Chat und ein gemeinsamer Ordner, in dem Dateien hin und her gehen, mit Fragen wie: Wie viel Verzerrung braucht die Gitarre?
Auch musikalisch hat sich etwas verschoben: Konrad spielt den Bass heute auf dem Synthesizer statt auf dem E-Bass, das hat die alten Sachen auf einen Schlag erneuert. Gleich geblieben ist, dass wir uns so lange kennen, dass wir uns schnell verständigen und uns aufeinander verlassen können, auch wenn von jemandem mal wochenlang nichts kommt.
Nach 20 Jahren endlich auf Vinyl gepresst
BANDUP: Euer Debütalbum „Wenigstens wir“ ist am 02. Oktober erschienen. Wie fühlt es sich an, nach dieser langen Vorgeschichte jetzt tatsächlich euer erstes Album in den Händen zu halten?
Hallo Volte: Wie ein großes Geschenk. Dass es diese Platte überhaupt gibt, ist mehr als unwahrscheinlich, und eigentlich ist damit schon alles gewonnen. Es geht uns nicht darum, daraus jetzt ein Riesending zu machen.
Aber wenn man so viel hineingesteckt hat, merkt man natürlich, dass es einem nicht egal ist, ob es gehört wird.
Besonders freut uns, dass es eine richtige Platte geworden ist, auf Vinyl, gepresst bei R.A.N.D. Muzik in Leipzig, mit Illustrationen von Anna Haifisch und dem Artwork von Jim Kühnel.
Allein der Herstellungsprozess war faszinierend. Im Presswerk hieß es zum Beispiel, zum Glück seien auf der B-Seite ein paar Songs leiser, sonst hätte nicht alles draufgepasst. Den Satz verstehen wir bis heute nicht ganz.
Live stellen wir das Album am 18. Oktober um 18 Uhr im Deutschen Literaturinstitut Leipzig vor, bei freiem Eintritt. Wie früher im Jugendhaus laden wir alle einfach in unseren Proberaum ein, diesmal einen geliehenen.
„Wir lösen gewissermaßen ein, was wir damals angefangen haben.“
BANDUP: Einige eurer Songs haben über 20 Jahre darauf gewartet, veröffentlicht zu werden. Wie fühlt es sich an, heute einen Song zu spielen, den ihr Anfang der 2000er geschrieben habt, und warum habt ihr euch dazu entschieden, diese jetzt noch zu veröffentlichen?
Hallo Volte: Das ist ganz unterschiedlich. Ehrlich gesagt: Manche der alten Songs sagen uns heute nichts mehr, manches ist schlicht peinlich, und wir sind froh, dass damals noch nicht alles dokumentiert wurde.
Bei anderen waren wir selbst überrascht, wie gut sie uns gefallen und was sich da über die Jahrzehnte hinweg erhalten hat. „Reisemöglichkeit“ ist so ein Fall.
Bei einer Probe vor etwa anderthalb Jahren war Jörn gerade an dem Punkt, an dem er alles, was von ihm kam, für alten Quatsch hielt.
Dann hat Ben den Song angestimmt, nach und nach sind alle eingestiegen, erst nur instrumental, und plötzlich ging da etwas Großes auf. Jörn hätte fast losgeheult. Spätestens da war klar, dass der Song auf die Platte muss.
Und warum jetzt? Weil wir vieles damals nie zu Ende gebracht haben. Als wir 2004 auseinandergegangen sind, war „Ein Versuch“ noch ein Fragment, ohne Refrain und ohne dritte Strophe.
Bei unserem ersten Treffen in Berlin im Frühjahr 2023 war die Idee: Lasst uns bei diesem halben Ding von damals ansetzen und es fertig machen.
Heute ist es für uns ein Brückensong, halb damals, halb jetzt. Wir lösen gewissermaßen ein, was wir damals angefangen haben. Und ja, „ein Versuch war es wert“.
„Offenbar schreibt man mit zwanzig und mit vierzig doch über ähnliche Dinge„
BANDUP: Wie habt ihr es geschafft, dass diese unterschiedlichen Entstehungszeiten der Songs am Ende trotzdem wie ein gemeinsames Album klingen?
Hallo Volte: Ungefähr die Hälfte der Songs ist alt, die andere Hälfte neu, der jüngste, „Die üblichen Wunder“, ist erst Anfang dieses Jahres entstanden. Dass das trotzdem nach einer Platte klingt, liegt vor allem daran, dass alle Songs heute durch dieselben Hände gehen.
Jörn bringt eine Skizze mit Text, Akkorden und Melodie mit, und Konrad, Ben und Dani machen daraus erst den eigentlichen Song, und zwar jedes Mal anders, als er es sich hätte ausmalen können.
Dani hat am Schlagzeug ein Gespür für die Dramaturgie eines Songs, Ben bringt die Gitarren nach vorn, Konrad legt mit Synth-Bass, Orgel und Flächen den Boden und sorgt für ein paar Achtziger-Farben. Aufgenommen ist alles auf dieselbe Weise: Schlagzeug in Berlin, der Rest bei uns zu Hause, Jörns Gesang im Schlafzimmer, anfangs so heiß aufgenommen, dass unser Mischer Paddy Bohr ihn nachsingen ließ. Gemischt hat alles Paddy, ein alter Freund von Konrad, und dass die Platte wie aus einem Guss klingt, ist nicht zuletzt ihm zu verdanken.
Und dann gibt es Fäden, die sich durch alle zwölf Songs ziehen, ohne dass wir das geplant hätten: Licht, Fenster, das Warten auf „später“. Rhythmisch tauchen immer wieder punktierte Achtel auf.
Offenbar schreibt man mit zwanzig und mit vierzig doch über ähnliche Dinge.
Eine Brüchigkeit, die auch nach 20 Jahren noch bleibt
BANDUP: Einige der alten Songs habt ihr für das Album musikalisch komplett neu gedacht, etwa „Feuerwerk“, der ursprünglich nur mit Gitarre gespielt wurde und später zu einem Disco-Stück wurde. Was muss ein alter Song für euch mitbringen, damit ihr ihn nach 20 Jahren noch einmal hervorholt und neu interpretiert?
Hallo Volte: Er muss uns heute noch etwas sagen, und zwar nicht nur als Erinnerung. Nostalgie ist ein Motor dieses Projekts, das geben wir gern zu, aber ein Song, der nur nostalgisch funktioniert, reicht nicht. Bei „Feuerwerk“ war die Substanz schon da.
Jörn hat ihn 2003 geschrieben, ein leiser Trennungssong, den er bei Konzerten zwischendurch allein mit Gitarre gespielt hat. Im Herbst 2023 hat Ben ihn wieder ausgegraben, zu Hause ein Demo gebaut und eine Four-to-the-Floor-Bassdrum daruntergelegt, die von Anfang bis Ende durchläuft. Dazu kamen ein Synth-Bass, der nach vorne geht, ein Instrumentalteil, den es früher gar nicht gab, und am Schluss ein Gitarrensolo. Musikalisch ist der Song komplett umgebaut.
Aber der Text und die Art, wie Jörn ihn singt, sind wie damals, die Brüchigkeit ist geblieben, sie liegt jetzt nur in einem ganz anderen Bett.
Das ist rückblickend ein Glücksfall, und live ist „Feuerwerk“ inzwischen der Song, auf den wir uns alle am meisten freuen. Ein alter Song muss also etwas haben, das unter einem neuen Arrangement nicht verschwindet, sondern deutlicher wird.
Warum „Wenigstens wir“?
BANDUP: Der Albumtitel stammt aus der Zeile „wenigstens wir, wir haben es kommen sehn / wenigstens wir konnten die Aussicht genießen“ aus eurem Song „Ein Versehen“. Was steckt für euch in diesen Zeilen und warum sollten genau diese Worte über eurem Debüt stehen?
Hallo Volte: „Ein Versehen“ ist der allererste Song, den Jörn geschrieben hat, im Sommer 2002: Sommerferien, bestes Wetter, und trotzdem kam nur so ein melancholisches Ding heraus. Er steht als ältester Song ganz am Ende der Platte, das Album kehrt also zu seinem eigenen Anfang zurück. Dass es „Wenigstens Wir“ heißen muss, war schnell klar.
In den Zeilen steckt das Gefühl vieler Bands, die irgendwo in der Kleinstadt aufwachsen: Man passt nicht ganz in das, was es dort gibt, also tritt man gemeinsam die Flucht in den Proberaum an und baut sich etwas Eigenes. Ein Wir, das sich behauptet, auch wenn ringsherum einiges schiefgeht. Gleichzeitig hat der Titel nach mehr als zwanzig Jahren Anlauf natürlich eine selbstironische Note.
Wenigstens wir haben es kommen sehen, wenigstens wir konnten die Aussicht genießen: Das ist vorauseilende Wehmut, Melancholie zum Mitsingen.
Anna Haifischs Illustration auf dem Cover passt genau dazu, ein trauriger Wellensittich, der in den Spiegel schaut.
Zugängliche Melodie mit melancholischer Färbung
BANDUP: Eure Musik verbindet melancholische Texte mit tanzbaren, teilweise fast euphorischen Sounds. Was reizt euch an diesem Gegensatz und warum funktioniert für euch gerade diese Kombination so gut?
Hallo Volte: Man hört Musik ja, um Dinge zu fühlen, die man sonst nicht so fühlt, und beim Schreiben ist es ähnlich. Es ist eine Art Selbstgespräch, und das hat bei Jörn fast immer eine melancholische Färbung.
Dann kommen Konrad, Ben und Dani und bringen ganz andere Elemente hinein, mehr Spaß, mehr Lockerheit, mehr Tempo. Erst aus dieser Reibung entsteht, was Hallo Volte ausmacht. Uns gefällt der Effekt, wenn eine Melodie sofort zugänglich ist und die Texte auf den ersten Blick plausibel klingen, und man sich erst beim zweiten Hören fragt, was da eigentlich los ist.
Das kennen wir aus der Kindheit, als wir englischsprachige Songs im Radio mitgesungen haben, ohne ein Wort zu verstehen, und trotzdem glaubten, genau zu wissen, worum es geht.
Meistens war man eher enttäuscht, wenn man später den echten Text kannte. So eine eingängige, leichte Unverständlichkeit wollten wir immer selbst herstellen.
Die Songs müssen deshalb auch nicht eins zu eins verstanden werden. Wir freuen uns jedes Mal, wenn jemand darin etwas hört, auf das wir selbst nicht gekommen wären.
Gelobt von Urgesteinen der Hamburger Schule
BANDUP: Dirk von Lowtzow hat euch nach eurer EP „Anderswo“ mit den Worten „Hören Sie diese Band!“ empfohlen, auch Bernd Begemann hat eure Musik gelobt. Wie fühlt es sich an, wenn Künstler, deren Musik euch vielleicht selbst geprägt hat, plötzlich eure eigene Musik hervorheben?
Hallo Volte: Ein bisschen wie unter der Decke schweben. Tocotronic gehören zu den Bands, die uns geprägt haben, seit wir als Jugendliche in Sigmaringen Radio gehört haben.
Jörn hat Dirk von Lowtzow vor zwei Jahren beim Literarischen Herbst in Leipzig kennengelernt, über einen gemeinsamen Freund hat er dann die EP gehört. Schon seine erste Reaktion war toll.
Später haben wir gefragt, ob er uns ein paar Sätze schreiben würde, und dann kam: „Die Schönheit der vorauseilenden Wehmut, die Schönheit der Revolte: Hallo Volte. Hören Sie diese Band!“ Die Reaktionen im Bandchat waren eindeutig. Von Bernd Begemann kam: „Ich mag das sehr, es ist eeeeeaaasy im besten Sinne.“ Auch darüber freuen wir uns bis heute.
So eine Empfehlung öffnet Türen. Man konkurriert auf Knopfdruck ja nicht nur mit allem, was gerade erscheint, sondern mit allem, was es je gab. Da hilft jeder Moment, in dem jemand denkt: Moment, das hör ich mir mal an. Danke dafür, Dirk und Bernd.
Grundwissen durchs Wiener Radio
BANDUP: Welche Musik hat euch als Band in den letzten Jahren besonders begleitet? Gibt es Bands oder konkrete Alben, die euch während des Entstehungsprozesses von „Wenigstens wir“ besonders inspiriert haben?
Hallo Volte: Bei der Entstehung der Platte haben einige von uns seltsamerweise kaum Musik gehört. Und ansonsten hören wir heute schon eher unterschiedliche Sachen.
Allerdings haben wir gemeinsame Grundausbildung, die kommt aus dem Radio: FM4 aus Wien, das man in Sigmaringen gerade noch empfangen konnte, und vor allem „Salon Helga“ von Grissemann und Stermann am Freitagabend.
Da liefen Element of Crime, Stereo Total und Tocotronic, so kam die Hamburger Schule über Wien nach Sigmaringen. Wie sehr uns diese eine Sendung geprägt hat, haben wir erst neulich im Bandchat gemerkt, als wir unsere wichtigsten Songs sammeln sollten. Außerdem haben wir als 80s-Kids alle eine Schwäche für den Synth-Pop dieses Jahrzehnts.
BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdet ihr unserer Community aktuell gern ans Herz legen?
Hallo Volte: Nichtseattle mit ihrem Album „Große Liebe“. Katharina Kollmann bringt das ganz Private und das Politische in denselben Satz, ohne dass eines das andere erschlägt, viel besser, als wir es selbst hinbekommen.
Beim Video kamen Jörn die Tränen: Es wird gar nicht viel gezeigt, man sieht nur diese Erschöpfung. Wer in Leipzig ist: Im November spielt sie im UT Connewitz gemeinsam mit der Leipziger Band Frau Lehmann, die wir auch sehr empfehlen können.

Gewinnspiel
BANDUP verlost auf Instagram zwei Vinyls des Albums “sunny side up/:down” von jolle.








