„Anderssein ist eine Superkraft“ – Elijah Presly über Neurodivergenz, Musik und Mut

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Elijah Presly ist Musiker, Maler, Autor und Vater – ein Künstler, der sich jeder Schublade verweigert. Mit seinem Album „Anderssein ist eine Superkraft“ hat er Artists wie Cassandra Steen, Henning Wehland und Ferris MC vereint und schafft damit ein Statement für Neurodivergenz und Menschlichkeit. Als Mensch mit Autismus, Sehbehinderung und Legasthenie weiß er, was es bedeutet, anders zu sein – und macht daraus seine größte Stärke. Im Interview mit BANDUP spricht er über seinen Weg vom Kickbox-Vizeweltmeister zum Künstler, über das Mannheim Music Lab als kreative Keimzelle und darüber, warum seine aktuelle Lesetour mehr ist als nur Literatur. Eine Begegnung mit einem Menschen, der aus Wunden Werke macht – nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verantwortung.

BANDUP: Elijah, für alle, die dich zum ersten Mal kennenlernen: Wer bist du jenseits der Musik – und was macht dich als Mensch aus?

Ich bin nicht nur Musiker.

Ich bin Vater.

Ich bin Maler.

Ich bin Autor.

Ich bin ein suchender, fühlender, manchmal zweifelnder, aber immer hoffender Mensch.

Jenseits der Bühne bin ich jemand, der sehr genau hinschaut – auf Zwischentöne, auf Brüche, auf das, was Menschen nicht sagen. Ich lebe mit Autismus, mit einer Sehbehinderung, mit Legasthenie – und genau das hat mich gelehrt, die Welt anders zu lesen. Nicht schneller. Nicht lauter. Sondern tiefer.

Ich denke viel über Würde nach. Über Gerechtigkeit. Über Verletzlichkeit. Über die Frage, warum wir als Gesellschaft so oft Stärke mit Härte verwechseln. Als Humanist glaube ich an den Wert jedes einzelnen Menschen – unabhängig von Leistung, Herkunft oder Perfektion. Mich interessiert nicht das Label. Mich interessiert der Kern.

Als Vater lerne ich jeden Tag Demut. Mein Sohn erinnert mich daran, dass Liebe keine Theorie ist, sondern eine Handlung. Dass Präsenz wichtiger ist als Prestige. Dass ein Kind nicht fragt, wie erfolgreich du bist – sondern ob du da bist.

Meine Kunst – ob Musik, Malerei oder Literatur – ist keine Flucht. Sie ist Verarbeitung. Sie ist Haltung. Sie ist mein Versuch, Brücken zu bauen zwischen Schmerz und Schönheit. Zwischen Anderssein und Stärke.

Was mich als Mensch ausmacht?

Empathie. Tiefe. Widerspruch.

Und der unbedingte Wille, aus Wunden Werke zu machen – nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verantwortung.

Ich glaube daran, dass Anderssein keine Schwäche ist.

Ich glaube daran, dass Sensibilität eine Kraft ist.

Und ich glaube daran, dass wir als Gesellschaft heiler werden könnten, wenn wir einander wirklich zuhören würden.

BANDUP: Dein Album „Anderssein ist eine Superkraft“ mit Artists wie Cassandra Steen, Henning Wehland und Ferris MC – wie ist es dir gelungen, so unterschiedliche Musiker*innen für dieses Projekt zu gewinnen und wieso hast du diese Auswahl getroffen?

Elijah Presly: Es war kein klassisches A&R-Casting.

Es war Begegnung.

Henning Wehland habe ich ganz direkt über WhatsApp gefragt. Ohne Umwege. Ohne großes Management-Theater. Ich habe ihm den Song geschickt, die Idee dahinter, den Text. Seine Antwort war nicht „Schick mal die Konditionen“, sondern: Er hat mir einfach seinen Feature-Part zurückgeschrieben.

Das war seine Antwort. Kunst.

Kurz darauf standen wir in Hannover im Studio und haben aufgenommen. Es ging schnell, ehrlich, konzentriert. Wenig Ego, viel Substanz. Danach folgte eine intensive Phase mit Sessions – insgesamt 25 Songs sind in dieser Zeit entstanden. Nicht alle kamen aufs Album, aber sie hatten alle etwas zu sagen. Geschichten, die man aus Interviews nicht kennt. Brüche. Zweifel. Narben.

Henning hat ein bewegtes Leben. Und genau das hat mich interessiert. Nicht der Name allein, sondern der Mensch dahinter. Wenn jemand Höhen und Tiefen durchlebt hat, bekommt seine Stimme eine andere Wahrhaftigkeit. Diese Tiefe hört man. Und „Anderssein ist eine Superkraft“ lebt von Wahrhaftigkeit, nicht von Image.

Bei Cassandra war es ähnlich – ihre Stimme trägt Seele. Und Seele ist für mich politisch. Nicht parteipolitisch, sondern menschlich. Sie kann Stärke und Verletzlichkeit gleichzeitig transportieren. Genau das wollte ich.

Ferris MC wiederum bringt eine radikale Ehrlichkeit mit. Er ist unbequem, kantig, reflektiert. Und Anderssein ist eben nicht glatt. Es reibt. Es polarisiert. Es stellt Fragen.

Die Auswahl war also keine Genre-Entscheidung.

Sie war eine Haltungs-Entscheidung.

Soul, Rock, Hip-Hop – das sind nur Formen.

Was mich interessiert hat, war: Wer hat wirklich etwas erlebt? Wer kann über Scheitern sprechen, ohne sich kleiner zu machen? Wer versteht, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist?

Ich glaube, gelungen ist es mir, weil ich selbst nichts gespielt habe. Ich bin nicht auf Menschen zugegangen als „Produkt“, sondern als Mensch. Als Vater. Als jemand, der mit Autismus, Sehbehinderung und Legasthenie lebt und genau daraus Kraft zieht.

Das Projekt war nie ein kalkulierter Karriereschritt.

Es war ein inhaltlicher Auftrag.

Und wenn ein Projekt ehrlich ist, spüren das andere Künstler*innen.

Dann geht es nicht um Unterschiedlichkeit –

sondern um gemeinsame Haltung.

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BANDUP: Du startest im Februar deine Lesetour durch Deutschland – von Berlin über Frankfurt bis Hamburg. Was können die Menschen dort erwarten, und wie unterscheidet sich eine Lesung für dich von einem Konzert?

Elijah Presly: Es ist eine musikalische Lesung – und sie hat bereits kraftvoll begonnen.

Der Tourauftakt in Berlin war ein volles Haus. Intensive Atmosphäre. Tiefe Gespräche. Mit Reema alias Sarah Müller-Westernhagen war das kein gewöhnlicher Abend, sondern ein Dialog zwischen Wort und Musik. Berlin hat gezeigt: Dieses Format trägt. Es berührt. Es schafft Nähe.

Jetzt geht es weiter nach Frankfurt ins Kulturhaus – mit Charles Shaw, der Stimme hinter Milli Vanilli, und Isaac Roosevelt, der mit Lionel Richie tourte.

Und wir stehen damit im Rhein-Main- und südwestdeutschen Raum, der einst das Herz der deutschen Musikindustrie war.

Elvis Presley war in den 50ern hier stationiert.

Falco nahm in Frankfurt Platten auf.

Sony Music war über Jahrzehnte hier ansässig. Studios, Produzenten, Labels – Frankfurt war kultureller Puls.

Und genau dieses Erbe tragen wir weiter.

Was erwartet die Menschen?

Keine klassische Lesung mit Wasserglas und Distanz.

Kein reines Konzert mit Lichtshow und Applaus-Routine.

Es ist ein Raum, in dem ich aus „Anderssein ist eine Superkraft“ lese – über mentale Gesundheit, Neurodivergenz, Vatersein, Würde, Scheitern. Und die Musik vertieft diese Gedanken. Sie trägt, was zwischen den Zeilen steht.

Der Unterschied zum Konzert?

Ein Konzert bewegt den Körper.

Eine musikalische Lesung bewegt das Innere.

Hier geht es um Begegnung.

Um Stille, die genauso stark ist wie ein Refrain.

Um Geschichte – musikalisch und menschlich.

Berlin war der Beweis: Dieses Format lebt.

Frankfurt wird zeigen: Diese Region kann wieder klingen.

BANDUP: In deiner Autobiografie beschreibst du deinen Weg vom Kickbox-Weltmeister zum Musiker. Welche Parallelen siehst du zwischen dem Ring und der Bühne – und was hat dir der Sport für deine Musik mitgegeben?

Elijah Presly: In meiner Autobiografie beschreibe ich meinen Weg vom Leistungssport zur Kunst – genauer gesagt: vom Kickboxen, wo ich Vizeweltmeister und Deutscher Meister wurde, zur Bühne.

Viele denken, das seien zwei völlig verschiedene Welten. Für mich sind sie näher beieinander, als man glaubt.

Der Ring und die Bühne haben eine entscheidende Parallele:

Du stehst allein.

Im Ring gibt es keinen Filter. Keine Maske. Keine Ausrede.

Auf der Bühne auch nicht.

Im Sport lernst du Disziplin. Du lernst, morgens aufzustehen, wenn niemand klatscht. Du lernst, weiterzumachen, wenn es weh tut. Du lernst, dass Talent nichts ohne Ausdauer ist. Diese Haltung trage ich heute in meine Musik.

Ein Kampf dauert Minuten – aber vorbereitet hast du dich monatelang.

Ein Song dauert drei Minuten – aber manchmal entstehen dafür Jahre an Erfahrung.

Kickboxen hat mir Körpergefühl gegeben. Rhythmus. Timing. Distanzgefühl. Auch auf der Bühne geht es um Timing. Um Energie. Um das Lesen des Gegenübers. Im Ring liest du den Gegner. Auf der Bühne liest du den Raum.

Und noch etwas: Demut.

Im Sport wirst du geschlagen. Du verlierst. Du gewinnst. Beides ist vergänglich. Das schützt dich vor Größenwahn. Und es lehrt dich, Respekt zu haben – vor dem Gegenüber und vor dir selbst.

Als Humanist sehe ich den Sport nicht als Gewalt, sondern als Schule der Selbstkontrolle. Du lernst, deine Kraft zu regulieren. Deine Aggression zu transformieren. Das hat mir später geholfen, Schmerz nicht destruktiv, sondern kreativ zu verarbeiten.

Vielleicht ist das die größte Parallele:

Im Ring kämpfst du gegen einen Gegner.

In der Kunst kämpfst du gegen deine eigenen Zweifel.

Und beides verlangt Mut.

Der Sport hat mir Standfestigkeit gegeben.

Die Kunst hat mir Richtung gegeben.

Das Mannheim Music Lab als kreative Heimat

BANDUP: Das Mannheim Music Lab ist mehr als nur ein Studio – es ist eine kreative Keimzelle. Wie entstand diese Idee, und was bedeutet dir dieser Ort als sicherer Raum für Kreativität?

Elijah Presly: Ich hatte irgendwann keine Lust mehr auf diesen ewigen Berliner Spotify-Pop-Major-Sound. Auf das Warten. Auf freie Slots im Kalender von Produzenten. Auf den Moment, in dem Kreativität von Budgets oder Terminketten abhängig wird.

Ich hatte das Glück, mit großen Produzenten arbeiten zu dürfen – Menschen, die für Johannes Oerding, Xavier Naidoo, Herbert Grönemeyer, Christina Stürmer, Silbermond, Sido oder Falco gearbeitet haben. Ich habe gesehen, wie große Produktionen entstehen. Aber ich habe auch gesehen, wie abhängig man in diesem System wird.

Mein Ziel war immer Unabhängigkeit.

Nicht aus Trotz – sondern aus Haltung.

Ich wollte ein eigenes Producer-Kollektiv gründen. Mit Jungs, die ich seit über zehn Jahren kenne. Aus meiner Heimat. Menschen, die nicht nur technisch stark sind, sondern kulturell geprägt von diesem Raum zwischen Mannheim, Heidelberg, Worms, Frankfurt. Ein Raum, der musikalisch mehr Geschichte in sich trägt, als viele wahrhaben wollen.

Mannheim ist keine Randnotiz.

Es ist Soul. Es ist Crossover. Es ist Hip-Hop, der früh amerikanisch dachte.

Die Söhne Mannheims haben diese Durchlässigkeit geprägt – ich beziehe mich hier rein auf die Musik, auf den Soul-Gedanken, auf das Crossover-Verständnis. Aber auch Persönlichkeiten wie Quincy Jones, der oft in der Region war, oder die Geschichten rund um frühe Klangideen, die später in internationale Produktionen wie bei Michael Jackson weitergedacht wurden – das alles hat hier Resonanzräume gehabt. Künstler wie Terence Trent D’Arby lebten zeitweise in Frankfurt. Welt-Hits, Genres, musikalische Identitäten – sie wurden hier mitgeschrieben.

Nach 15 Jahren in der professionellen Musikbranche war es für mich logisch:

Ich gründe das Mannheim Music Lab.

Nicht als Business-Office.

Sondern als Keimzelle.

Als die Herberger-Studios in ihrer ursprünglichen Geisteshaltung nicht mehr existierten, war mir klar: Dieser Spirit darf nicht verschwinden. Ich wollte den Geist von Menschen wie Michael Herberger weitertragen. Und auch die Erinnerung an ältere Weggefährten wie Billy Davis oder Stephan Ullmann – Produzenten, die nicht mehr unter uns sind, aber deren musikalische Handschrift Teil dieser Region ist.

Das Mannheim Music Lab ist für mich ein sicherer Raum.

Hier darf man ausprobieren. Scheitern. Neu denken.

Hier entsteht Musik nicht nach Algorithmus, sondern nach Seele.

Hier muss kein Song nach 20 Sekunden „hooken“, weil ein Streaming-Report es sagt.

Hier geht es um Substanz.

Als Humanist glaube ich daran, dass Kreativität Raum braucht – nicht nur akustisch, sondern menschlich. Einen Raum ohne Angst. Ohne Labeldruck. Ohne künstliche Trends.

Das Mannheim Music Lab ist unser Ort, an dem wir wieder selbst bestimmen, wie wir klingen.

Und vielleicht ist genau das heute das Radikalste, was man tun kann:

Unabhängig fühlen. Unabhängig denken. Unabhängig produzieren.

BANDUP: Du wurdest mal als „unmusikalisch“ abgestempelt und aus dem Schulchor geworfen – heute lebst du von deiner Kunst. Was würdest du jenem Musiklehrer heute sagen, wenn du ihm begegnen würdest?

Elijah Presly: Wenn ich diesem Musiklehrer heute begegnen würde, würde ich ihm wahrscheinlich nicht wütend begegnen. Sondern ruhig.

Ja, ich wurde als „unmusikalisch“ abgestempelt.

Ich wurde aus dem Schulchor geworfen.

Und ja – wegen ein paar Falco-Tapes, die ich damals vertickt habe, bekam ich sogar einen Verweis.

Aus heutiger Sicht fast ironisch.

Ich denke, sie lagen falsch.

Aber ich glaube nicht, dass sie böse waren.

Sie haben nur sehr eng definiert, was „musikalisch“ bedeutet.

Musikalität ist nicht nur sauberes Intonieren im Chor.

Sie ist Gefühl. Rhythmus. Haltung. Ausdruck.

Ich war vielleicht kein braver Chorsänger.

Aber ich war schon immer ein Erzähler.

Malen war schon früh mein Ding. Theater spielen auch. Ich habe Rollen gefühlt, bevor ich sie verstanden habe. Ich habe Farben gespürt, bevor ich sie benennen konnte. Ich habe Texte geschrieben, bevor ich wusste, dass das später einmal mein Beruf wird.

Was würde ich ihm sagen?

Vielleicht so etwas wie:

„Danke.

Sie haben mich nicht zerstört – Sie haben mich herausgefordert.“

Manchmal ist ein Urteil wie „unmusikalisch“ kein Ende, sondern ein Widerstand, gegen den man wachsen muss. Als neurodivergenter Mensch habe ich früh gelernt, dass Systeme oft nur das fördern, was in ihr Raster passt. Alles andere wird als Störung empfunden.

Aber Anderssein ist keine Störung.

Es ist eine andere Frequenz.

Ich würde ihm nicht beweisen wollen, dass er falsch lag.

Mein Leben hat das längst getan.

Ich lebe heute von meiner Kunst – als Musiker, Maler, Autor. Nicht, weil ich ins Raster gepasst habe. Sondern weil ich meinen eigenen Klang gesucht habe.

Vielleicht würde ich ihm am Ende einfach sagen:

„Sie haben damals nur gehört, was ich nicht konnte.

Zum Glück habe ich irgendwann gelernt zu hören, was ich kann.“

BANDUP: Dein Projekt thematisiert Neurodivergenz nicht als Defizit, sondern als Identität. Welche Reaktionen hast du bisher von Menschen bekommen, die sich in deiner Geschichte wiederfinden – und hat dich eine besonders berührt?

Elijah Presly: Die stärksten Reaktionen kommen nicht in Kommentarspalten.

Sie kommen nach Veranstaltungen.

Leise. Zögerlich. Mit brüchiger Stimme.

Menschen sagen mir:

„Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, falsch zu sein.“

Oder: „Ich dachte immer, mit mir stimmt etwas nicht – bis ich deine Geschichte gehört habe.“

Das berührt mich, weil ich genau dieses Gefühl kenne.

Ich spreche über Autismus, über Sehbehinderung, über Legasthenie nicht als Leidensliste, sondern als Teil meiner Identität. Neurodivergenz ist für mich kein Defizit, das repariert werden muss. Es ist eine andere Art, Welt wahrzunehmen. Intensiver. Detailreicher. Manchmal anstrengender – aber auch tiefer.

Besonders bewegt hat mich eine Mutter nach einer musikalischen Lesung.

Sie kam mit Tränen in den Augen auf mich zu und sagte:

„Mein Sohn ist autistisch. Heute hat er zum ersten Mal gesagt: Mama, vielleicht bin ich gar nicht kaputt.“

Das sind Momente, die größer sind als Streamingzahlen, größer als Applaus.

Oder Jugendliche, die mir schreiben:

„Ich dachte, ich muss mich verstellen, um zu funktionieren. Jetzt versuche ich, mich zu verstehen.“

Als Vater trifft mich das doppelt.

Ich weiß, wie prägend frühe Zuschreibungen sind.

„Zu sensibel.“

„Zu still.“

„Zu wild.“

„Zu anders.“

Unser Bildungssystem bewertet oft Anpassung – nicht Originalität.

Und genau da setze ich an.

Ich will nicht romantisieren. Neurodivergenz kann fordern. Sie kann erschöpfen. Aber sie kann auch kreativ machen, empathisch, visionär. Wenn wir aufhören, nur die Abweichung zu sehen, und anfangen, das Potenzial zu erkennen.

Was mich am meisten berührt?

Wenn Menschen nach einem Abend bleiben – nicht für ein Foto, sondern für ein Gespräch. Wenn sie ihre Geschichte teilen. Wenn sie sagen: „Danke, dass du das aussprichst.“

Dann weiß ich:

Es geht nicht nur um Kunst.

Es geht um Würde.

BANDUP: Die Hommage „In deinen Adern“ widmest du dem verstorbenen Produzenten Stephan Ullmann. Was bedeutet dir dieser Song persönlich, und wie hat dich die Zusammenarbeit mit ihm geprägt?

Elijah Presly: „In deinen Adern“ ist für mich kein Song.

Es ist ein Abschied, der nie wirklich endet.

Als wir ihn aufgenommen haben, hatte ich Tränen in den Augen. Einen Kloß im Hals. Wir haben nichts „glattgezogen“. Keine Emotion technisch begradigt. Manche haben sich tatsächlich darüber geärgert, dass wir ihn roh gelassen haben – nicht perfekt quantisiert, nicht klinisch sauber produziert.

Aber Trauer ist nicht quantisiert.

Sie kommt in Echtzeit.

Ich habe am 6.11.2024 meinen Vater verloren.

Am 7.11.2024 starb mein Produzent Billy Davis.

Und Stephan Ullmann war bereits 2020 gegangen.

Verluste machen demütig.

Ich glaube nicht, dass man so etwas wirklich verarbeitet. Man lernt, damit zu leben. Mit der Lücke. Mit dem Echo.

Billy habe ich einen eigenen Song gewidmet.

Und Stephan habe ich seinen wundervollen Song aus seinem Album „In deinen Adern“ in meiner eigenen Interpretation gewidmet. Das war für mich die ehrenhafteste Form, Zuneigung zu zeigen. Nicht, indem ich etwas Neues über ihn schreibe – sondern indem ich das weitertrage, was er selbst geschaffen hat.

Stephan war kein lauter Produzent. Er war präzise. Sensibel. Er hat Räume geöffnet. Er hat zugehört. Und er hat mir gezeigt, dass Produktion nicht nur Technik ist, sondern Haltung. Dass ein Song atmen darf. Dass Imperfektion oft der ehrlichste Moment ist.

Die Zusammenarbeit mit ihm hat mich geprägt, weil sie mir gezeigt hat:

Musik ist Beziehung.

Nicht Produkt.

Wenn ich „In deinen Adern“ singe, ist das nicht Nostalgie.

Es ist Dankbarkeit.

Dankbarkeit für gemeinsame Stunden im Studio.

Für Gespräche über Klang, über Leben, über Zweifel.

Für das Vertrauen.

Vielleicht war es genau deshalb richtig, den Song roh zu lassen.

Weil Liebe und Verlust nicht steril sind.

„In deinen Adern“ ist für mich ein Versprechen:

Dass Menschen weiterleben – in dem, was sie hinterlassen.

In Melodien.

In Erinnerungen.

In uns.

BANDUP: Deine Musik bewegt sich zwischen Pop, Rap, Soul und Club-Sound – bewusst genre-übergreifend. Woher kommt diese Weigerung, dich in Schubladen pressen zu lassen, und ist das auch ein Statement?

Elijah Presly: Ich bin in einer Region groß geworden, in der Musik nie eindimensional war.

Rhein-Main, Rhein-Neckar, Südwesten – hier lief Soul neben Hip-Hop, Rock neben Gospel.

Welcher deutschsprachige Act war sechs Wochen lang mit einem deutschen Titel in den USA auf Platz 1?

Wer hat 1982 mit seiner ersten Rap-Nummer bereits europäische Charts gesprengt, Rock gemacht, Rap gemacht, Soul gemacht?

Das war Falco.

Genau mit diesem Geist bin ich groß geworden. Mit Falco. Mit Xavier Naidoo. Mit den Söhne Mannheims. Mit amerikanischen Einflüssen, die hier nie Fremdkörper waren. Diese Region war immer Crossover. Immer Hybrid. Immer neugierig.

Mit 17 wurde ich bei einer Session von meinem Freund Isaac Roosevelt vor 600 Leuten auf die Bühne geholt – auf einen Cat-Stevens-Song zu freestylen. Kein vorbereiteter Rap-Beat. Kein Genre-Schild. Einfach Musik. Spontanität. Mut.

Vielleicht habe ich da verstanden: Musik ist kein Regal im Plattenladen.

Sie ist Ausdruck.

Ich glaube tatsächlich, dass Deutschland oft ein Schubladen-Land ist.

„Bist du Rapper?“

„Bist du Pop?“

„Bist du Singer-Songwriter?“

Als müsste man sich entscheiden, bevor man beginnt.

In meiner Heimat existierte dieses Denken nie so stark. Hier war das Selbstverständliche: Soul trifft Deutschpop. Rap trifft Kirchenchor. Club trifft Liedermacher.

Meine Weigerung, mich festlegen zu lassen, ist deshalb weniger Trotz – mehr Identität. Ich bin musikalisch neugierig. Ich liebe 808s genauso wie Streicher. Ich liebe Spoken Word genauso wie Hooklines.

Und ja, vielleicht ist es auch ein Statement.

Ein Statement gegen Reduktion.

Als Humanist glaube ich, dass Menschen komplex sind.

Warum sollte meine Musik es nicht sein?

Vielleicht ist mein Stil am Ende tatsächlich meine Schublade.

Aber sie hat viele Fächer.

BANDUP: Zum Abschluss: Welchen Song – egal ob von dir oder von jemand anderem – würdest du unseren Leser*innen ans Herz legen, wenn sie gerade einen Mutmacher brauchen?

Elijah Presly: Wenn es um einen deutschsprachigen Mutmacher geht, würde ich tatsächlich „In diesem Moment“ von Roger Cicero empfehlen.

Warum?

Weil der Song nicht schreit. Er predigt nicht. Er zwingt dich nicht zur Euphorie.

Er erinnert dich einfach daran, dass genau jetzt – in diesem scheinbar unspektakulären Moment – dein Leben stattfindet. Und dass Würde nichts mit Perfektion zu tun hat.

Manchmal ist Mut nicht der große Sprung.

Manchmal ist Mut, im Moment zu bleiben.

Und wenn ich einen englischsprachigen Song wählen müsste, dann wäre es „Man in the Mirror“ von Michael Jackson.

Weil dieser Song eine einfache, aber radikale Wahrheit enthält:

Veränderung beginnt bei dir selbst.

Nicht im Außen.

Nicht im Applaus.

Nicht in politischen Parolen.

Sondern im Spiegel.

Als Humanist glaube ich, dass Mut oft leise beginnt – in Selbstreflexion, in Ehrlichkeit mit sich selbst. Beide Songs tragen das in sich: Verantwortung, Hoffnung, Würde.

Und wenn ich ganz persönlich werde:

Ein Mutmacher ist immer der Song, der dich daran erinnert, dass du nicht kaputt bist – sondern unterwegs.

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Manchmal braucht man keine perfekte Hymne.

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Man braucht ein Lied, das einem sagt:

Du darfst trotzdem weitergehen

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