Jo Nara im Interview über Liebe, Sichtbarkeit und den eigenen musikalischen Weg

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Johannes Holzinger ist in einer musikalischen Familie aufgewachsen und macht heute als Jo Nara seine eigene Musik zwischen Pop, Soul und Melancholie, mal auf Englisch, mal auf Dialekt. Im Interview erzählt er, wie er seinen eigenen Weg gefunden hat und was hinter seiner neuen Single „Take It For Granted“ steckt.

Hi & servus, ich bin Jo Nara! 🙂 Ich bin österreichischer Singer-Songwriter und mache Alternative Pop aus den Alpen. Besonders an meiner Musik finde ich die Mischung verschiedener Stile und Sprachen.

BANDUP: Du beschreibst dein Projekt als Suche nach einem Ankommen bei dir selbst. Wo stehst du heute auf diesem Weg und was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Jo Nara: Ich glaube, man kommt eigentlich nie so richtig an, aber ich war bestimmt noch nie so “nah” an mir selbst dran, was sich wirklich fantastisch anfühlt! Vor rund 1,5 Jahren habe ich mich bewusst dazu entschlossen, meinen Bürojob an den Nagel zu hängen und mich ganz der Musik zu verschreiben. Auch wenn das Musikerdasein natürlich mit ganz eigenen Herausforderungen daherkommt, war das bestimmt die wertvollste Entscheidung auf meiner Suche. Heute bin ich einfach zufriedener und glücklicher. 

BANDUP: Aufgewachsen bist du in einer musikalischen Familie. Gab es einen Moment in deiner Kindheit oder Jugend, in dem du gemerkt hast: Musik ist mehr als nur ein Umfeld – das ist auch mein Weg?

Jo Nara: Musik war ständiger & wichtiger Wegbegleiter, ich habe laufend Gesangs- und Klavierunterricht besucht, im Chor gesungen, hab regelmäßig Konzerte mit eigenen Songs gespielt und aus reiner Neugier sogar an Casting Shows teilgenommen – z.B. auch bei The Voice of Germany im Jahr 2014 . Der Wunsch, auch beruflich etwas mit Musik zu machen, kam aber erst relativ spät. Ich hab nach der Schule erst mal BWL und Marketing studiert und mir da ehrlich gesagt bis zu einem gewissen Grad auch eingeredet, dass das für mich passt. Bei der Musik den Stein ins Rollen gebracht haben dann meine Erfahrungen als Backing Vocalist bei Lou Asril, einem österreichischen Soul Künstler, da war ich 27. Da hab ich dann richtig Blut geleckt und gemerkt, wie wichtig mir die Musik eigentlich ist. So kam dann eins zum anderen und heute kann ich mit Stolz behaupten, ein eigenes Soloprojekt zu haben und ich studiere sogar Musik!

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Zwischen Plan B und großer Vision

BANDUP: Viele deiner Songs wirken sehr introspektiv und ruhig. Wie bist du privat, eher ein ruhiger, reflektierter Mensch oder ganz anders?

Jo Nara: Ich kann ruhig und reflektiert sein, bin aber auch kein Kind von Traurigkeit, sondern sehr gesellig. Und: Wenn Leute mich näher kennenlernen, sind sie oft überrascht, dass sich hinter der lieben Fassade ein “frecher Kern” versteckt. Musikalisch zieht es mich aber tatsächlich immer eher in eine melancholische Richtung, ich finde, in diesem Spannungsfeld liegt die Schönheit.

BANDUP: Du hattest bereits den BWL-Abschluss in der Tasche und einen erfolgreichen Marketing Job. Der Schritt raus aus einem sicheren Job hin zur Musik ist nicht einfach. Gab es Zweifel oder Ängste, und wie bist du damit umgegangen?

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Jo Nara: Natürlich waren da viele Zweifel, ich hab mir für diese Entscheidung daher auch gebührend Zeit genommen. Ängste gab es dafür aber keine, schließlich kann mir niemand meinen Abschluss und meine Arbeitserfahrung mehr wegnehmen. Das heißt, ich wäre zuversichtlich, dass ich wieder einen Marketing Job finden würde, wenn ich will – Auch wenn ich mir wünsche, dass es nicht so weit kommt: Das zu wissen gibt mir schon ein gutes Gefühl und sichert mich ab. 

Ein weiterer Vorteil: Vieles von dem, was ich in meinem “früheren Leben” gemacht hab, kann ich jetzt 1:1 auf die Musik ummünzen und anwenden. Das merke ich vor allem daran, wie strukturiert und unternehmerisch ich mein Soloprojekt oft angehe und denke.

Der Weg zur eigenen Stimme

BANDUP: Du stehst schon mehrere Jahre als Background-Vocalist auf der Bühne und bist jetzt aber selbst als Solokünstler im Fokus. Was hat den Moment ausgelöst, in dem du gemerkt hast: Jetzt will ich meine eigene Stimme nach vorne stellen?

Jo Nara: An einen einzelnen Moment kann ich mich nicht wirklich erinnern. Der Wunsch ist eher über eine längere Zeit herangereift und ist die Summe meiner Erfahrungen als Musiker. Insbesondere bei Gigs als Background Vocalist habe ich oft gemerkt, dass ich selbst gern mehr ins Rampenlicht möchte. Irgendwann war der Wunsch dann so groß, dass ich wusste: Jetzt oder nie! 

BANDUP: Kürzlich hast du deine Single „Take It for Granted“ veröffentlicht. Welche Bedeutung hat der Song für dich persönlich?

Jo Nara: “Take It for Granted” ist für mich in vielerlei Hinsicht ein sehr wichtiger Song, weil er die Lebensrealität queerer Personen darstellt und auf Missstände aufmerksam macht. Plakativ dafür ist vor allem das Thema “check your surroundings”, also das “Sich-Umschauen”, ehe ich meinen Freund beispielsweise an die Hand nehme. Was auf manche banal wirken mag, ist eines von unzähligen Beispielen, die zeigen, dass man als queere Person dauernd damit konfrontiert ist, “anders” zu sein. Das löst oft extreme Unsicherheit aus und führt dazu, dass man sich vor allem im öffentlichen Raum verstellt, um nur ja nicht negativ aufzufallen. Wie kann es sein, dass ein unschuldiger Kuss auf die Wange von vielen als “politisches Statement” gelesen wird und sich wie eine “Mutprobe” anfühlt? Man selbst sein zu dürfen ist also ein Privileg, das nach wie vor nur Heteros vorbehalten ist. Generell beobachten wir in letzter Zeit einen Anstieg bei queerfeindlichen Angriffen. Das zeigt: Auch im Jahr 2026 ist der Pride Month wichtiger denn je und solange das so ist, werden wir weiter für unsere Sichtbarkeit kämpfen.

Eurovision und Eigenweg

BANDUP: „Take It for Granted“ stellt die Frage, was für manche selbstverständlich ist und für andere nicht. Gab es einen konkreten Auslöser oder Moment, der den Song angestoßen hat?

Jo Nara: Ich habe diesen Song gemeinsam mit meinem Musikerkollegen und sehr guten Freund Alexander “Xidi” Christof geschrieben. Der Auslöser war tatsächlich eine Anfrage vom österreichischen ESC Scouting Team, ob ich mir nicht vorstellen könnte, einen Song für den Songcontest einzureichen. Ich habe den Gedanken zunächst aus verschiedenen Gründen verworfen: Einerseits, weil die Ausgangsposition als Titelverteidiger (JJ hat uns den ESC ja letztes Jahr nach Österreich geholt!) wohl nicht die leichteste ist, andererseits, weil ich mit JJ den witzigen Umstand teile, dass wir beide mit bürgerlichem Namen Johannes heißen und beide Halb-Filipinos sind. Das tut natürlich rein künstlerisch nichts zur Sache, wäre aber wohl medial aufgegriffen worden, à la “jetzt schicken sie eine Kopie hin”. Die Neugier hat dann trotzdem die Überhand genommen und so entstand aus einem Telefonat mit Xidi der Entschluss, gemeinsam einen Song über unsere Lebensrealität als schwule Männer zu schreiben. Aus dem ESC wurde zwar nichts, aber es war klar, dass der Song trotzdem unbedingt raus muss! 

BANDUP: Musik kann emotional erreichen, wo Worte allein oft nicht ausreichen. Was kann ein Song wie dieser deiner Meinung nach gesellschaftlich bewegen?

Jo Nara: Ich hoffe, dass der Song einerseits queere Menschen ermutigt, selbstbewusster für sich und ihre Rechte einzustehen und andererseits Menschen abseits queerer Lebensrealitäten zum Denken anregt, die eigenen Privilegien zu reflektieren und sie zu echten “Allies” macht – wir sehen uns hoffentlich auf der nächsten Pride 🙂 

Liebe unter Vorbehalt

BANDUP: Was macht es mit einem Menschen, wenn Liebe nicht selbstverständlich ist?

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Jo Nara: Wie vorhin schon angedeutet, führt das oft dazu, dass es extrem viel Mut erfordert, zu sich zu stehen und diese Liebe auch zu leben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Unsicherheit für eine Beziehung selbst sehr belastend sein kann, im schlimmsten Fall kann es sogar dazu führen, dass man sich selbst diese Liebe “nicht erlaubt”, einfach, weil das der Weg des geringsten Widerstands ist. Alleine die Tatsache, dass es nach wie vor mehr oder weniger erwartet wird, dass man sich immer und immer wieder “outet”, zeigt, wie tief verankert dieses Anders-Sein ist. Das macht natürlich etwas mit dem eigenen Selbstwert. Wenn wir uns ehrlich sind: Eigentlich sollte meine Sexualität komplett egal sein!

BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdest du unserer Community aktuell gern ans Herz legen?

Jo Nara: Mira Perusich (IG @miraofficialmusic) hat soeben ihr Debütalbum “Svića” rausgebracht – Mira singt auf Deutsch, Dialekt und Kroatisch und vermischt dabei verschiedene Genres wie Singer-Songwriter Pop, Folk, Blues. Für Fans von Regina Spektor, Sophie Hunger und Feist eine klare Empfehlung!


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