Nicht cool, aber immerhin ehrlich: Warum Sir Donkey’s Revenge jetzt Mundart rappen
Seit über einem Jahrzehnt wühlen sich Sir Donkey’s Revenge durch den Schweizer Underground und haben sich mit ihrem selbsternannten Dark Mountain Crossover eine treue Fanbase erspielt. Groovige Stoner-Riffs treffen auf harten Rap, psychedelische Klanglandschaften auf explosive Live-Energie. Mit ihrem kommenden Album „Beyswind“ schlagen die vier Musiker nun ein neues Kapitel auf – erstmals komplett in Schweizer Mundart.
Nach der Debüt-Single „Fischer“ legt die Band mit „Frässe und Vergässe“ nach, einer ebenso direkten wie herrlich ignoranten Momentaufnahme des Alltags. Im Interview sprechen Sir Donkey’s Revenge über ihre Wurzeln, ihren Stil, den Weg zum neuen Album und darüber, warum Schweizerdeutsch plötzlich genau die richtige Sprache für ihren Sound ist. Wir haben sie als erstes gefragt, wie sie sich vorstellen würden.
Sir Donkey’s Revenge besteht aus vier nicht mehr ganz so jungen Halbstarken, die seit bald zwölf Jahren in den Abflussrohren (Abwasserreinigungsanlage) Engelbergs miteinander musizieren. Unser Sound hat stets eine düstere Note, deshalb “Dark”. Zudem vermischen wir seit Beginn an verschiedene Musikstile miteinander und es kommen mit jedem Output neue Einflüsse dazu. Daher die Bezeichnung “Crossover”. Und weil wir alle in den, oder in der Nähe von Bergen aufgewachsen sind, unsere Songs (wahrscheinlich) davon beeinflusst werden und das Wort “Mountain” einfach so schön klingt, haben wir es einfach auch noch dazugepackt. 🙂
BANDUP: Euer neues Album erscheint nächstes Jahr. Was hat euch dazu gebracht, zum ersten Mal komplett in Schweizer Mundart zu schreiben?
Sir Donkey’s Revenge: Toni (Sänger) hatte diesen Vorschlag bereits vor einigen Jahren in die Runde geworfen. Weil Schweizerdeutsch aber nicht unbedingt vor Coolness trieft, wir uns damals aber noch für ziemlich cool hielten, wurde dieser Vorschlag verworfen. Mittlerweile sind wir etwas älter und unsere Eigenwahrnehmung ist womöglich etwas realitätsnäher. Deshalb haben wir’s trotz anfänglicher Zweifel die ersten Songs in Mundart versucht. Und das Resultat hat uns von Beginn an überzeugt. Das aggressiven Instrumentals passen erstaunlich gut zu schweizerdeutschem Rap. Ausserdem hat es den Vorteil, dass uns das Texten wesentlich einfacher von der Hand geht.
Anfänge, Sound & Identität
BANDUP: Der Sound auf dem Album wirkt deutlich vielseitiger: harte Raps, Stoner-Riffs, psychedelische Parts, sogar melancholische Balladen. Wie bewusst habt ihr diese Kontraste eingeplant?
Sir Donkey’s Revenge: Das ist eher zufällig so entstanden. Nach dem letzten Output haben wir lange nach einer Richtung gesucht, in die wir alle musikalisch gehen wollten. Schlussendlich haben wir mehrere Richtungen ausprobiert und die besten Ergebnisse daraus in einen Topf geworfen. Daraus ist dann das neue Album entstanden. Mit wiederkehrenden Klängen haben wir versucht, trotz der sehr unterschiedlichen Songs, einen roten Faden und eine einheitliche Atmosphäre zu schaffen.
BANDUP: „Fischer“ war eure erste Single aus dem kommenden Album. Was war euch bei diesem Track besonders wichtig – und warum gerade dieser Song als Auftakt?
Sir Donkey’s Revenge: Fischer war ein Glücksgriff. Der Song entstand aus einer Jamsession und hat uns allen sofort gefallen. Er vereint so ziemlich alles, was wir mit dem neuen Album erreichen wollten: Der Song ist zügig, sphärisch und ein Bisschen melancholisch, hat aber trotzdem eine gewisse Grundaggressivität. Also unserer Ansicht nach ein perfekter Starter.
Singles als Wegweiser
BANDUP: Jetzt ist eure zweite Single „Frässe und Vergässe“ erschienen. Worum geht es in dem Song?
Sir Donkey’s Revenge: Die Idee zu «Frässe und Vergässe» entstand nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag. Als ich (Toni) nach Hause kam und meine Frau fragte, wie mein Tag gewesen sei und ob wir noch etwas unternehmen wollen, antwortete ich spontan:
«Ich will einfach frässe und vergässe.»
Das war wortwörtlich gemeint – abschalten, essen und den Kopf frei bekommen.
Gesagt, getan: Ab zur Tanke, alles eingepackt, was süss, salzig und völlig ungesund war – und wild durcheinander konsumiert. Seitdem ist «Frässe und Vergässe» unser Running Gag für Tage, an denen einfach nur Schokolade oder Kuchen hilft.
Der Song ist also nicht deep und kein Metaphern-Kunstwerk. Er erzählt genau das: Jemand stopft sich mit Junkfood voll, um Stress und Probleme kurz auszublenden. Alles egal, Hauptsache essen. Diese herrlich ignorante Attitüde wollten wir mit dem Song einfangen.
BANDUP: Ihr seid in der Schweiz bekannt für sehr rohe und unberechenbare Live-Shows. Wie viel davon lässt sich überhaupt ins Studio übertragen – und wo liegen für euch die Grenzen?
Sir Donkey’s Revenge: Wir wollten mit diesem Output möglichst nah an unseren Livesound herankommen, ohne grossen Schnickschnack einzubauen. Das ist nicht immer so einfach, da es extrem viel Spass macht im Studio mit Sounds zu experimentieren und die Songs komplett damit zuzumüllen. Aber mit Matt und Aaron von den „Flairtown Studios“ haben wir super Partner gefunden, um unseren Sound möglichst organisch und naturnah in die die digitalen Gefilde zu übertragen. Ein bisschen experimentiert wurde natürlich trotzdem. Aber im Mass. 😊
BANDUP: Ihr nennt Rage Against the Machine, All Them Witches und Black Sabbath als Einflüsse. Welche Elemente davon landen tatsächlich hörbar im Album – und was ist komplett Sir Donkey’s Revenge?
Sir Donkey’s Revenge: Bei den meisten Songs auf auf dem Album haben wir uns nicht bewusst von anderen Bands inspirieren lassen. Passiert ist es wahrscheinlich trotzdem. Bei „Höhlenmänschmeitli“ beispielsweise kann man schon einen gewissen All Them Witches-Einfluss heraushören. Oder „Näbem Stolle“ hat vielleicht einen Touch „Mastodon“. Aber wir sind immer bemüht, dass unser Output eigenständig daherkommt und vorwiegend nach „Sir Donkey’s Revenge“ klingt.
Jahre im Underground
BANDUP: Seit 2014 habt ihr euch eine stabile Underground-Fanbase aufgebaut. Was hat euch in dieser Zeit am meisten überrascht oder geprägt?
Sir Donkey’s Revenge: Es ist immer wieder witzig zu sehen, wen wir alles mit unserer Musik erreichen. Es gibt keine klare Zielgruppe. Oftmals hatten wir die besten Partys an Auftritten, an denen wir dies zuerst nicht erwartet hätten. Das beste Beispiel ist wohl unser erster Gig auf dem Bonihorst (Skihütte auf Melchsee Frutt). Wir spielten am Nachmittag Draußen auf einer Schneebühne vor Skifahrern und Snowboardern mit Familien, die vor allem mit Essens- und Getränkebestellungen beschäftigt waren. Das Panorama war super – das Interesse an unserer Performance eher „mäh“. Am Abend durften wir dann in der kleinen Skihüttenbar für die Übernachtungsgäste der Gipfelpension auftreten. Wir hatten eine ähnliche Stimmung wie am Nachmittag erwartet. Doch es kam anders. Die 40 – 50 Leute im Publikum rasteten komplett aus (im guten Sinne) und es kam zu Szenen wie im Film „Blue Brothers“. Bierkrüge flogen umher, es gab Circle Pits, Rangeleien etc. Es war einfach grossartig .
BANDUP: Gab es einen Moment im Schreibprozess des kommenden Albums, der euch besonders hängen geblieben ist – entweder im Positiven oder im Herausfordernden?
Sir Donkey’s Revenge: Positiv war sicher der Schreibprozess zu „Fischer“. Wie bereits vorher erwähnt, haben wir den Song aus einem Jam heraus, praktisch an einer Probe geschrieben – abgesehen von den Lyrics. Der Song ist quasi aus uns herausgeflutscht. Leider gings nicht in dieser Frequenz weiter. Kurz nach „Fischer“ wollte kein Songprojekt mehr so richtig zünden. Zum Glück haben wir die Kurve wieder gekriegt und doch noch ein paar gefällige Stücke schreiben können.
BANDUP: Und ganz zum Abschluss: Habt ihr eine Song- oder Artistempfehlung für unsere Leser*innen?
Sir Donkey’s Revenge: The Attycs ist eine grossartige Trash-Rock-Band aus Bern, die wir jedem Fan von gepflegter Live-Musik ans Herzen legen können!
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