Ketzberg: „Mein Herz schlägt dafür, Perspektiven zu suchen.“
Paul alias Ketzberg lebt in Köln, steht montags als Saunaaufgießer an den Aufgüssen und schreibt Songs über Momente, die so klein sind, dass man sie fast übersieht.
Mit seinem neuen Album „Flieder“ hält er genau diese Sekunden fest: den Blick nach der Golden Hour, das Knutschen beim Date, die Liebe, die nur für einen Augenblick gilt und gerade deshalb so viel bedeutet.
Im Interview erzählt der studierte Jazzsänger, warum Covergigs auf Hochzeiten mit seinem Papa die beste Schule waren, weshalb er sich auf seinen Covern nackt zeigt und was die Ewigkeit als Maßstab für Glück in ihm auslöst.
Er spricht offen über seine stimmliche Entwicklung, über Musiker, die ihre eigene Sprache gefunden haben, und darüber, warum Instagram eigentlich gegen Musik gebaut ist.
Ich mag die Ebenen hinter dem Offensichtlichen. Die Zwischenräume, die Ambivalenz, das Unklare, bis hin zur Zerrissenheit. Das sind die Orte, die ich spannend finde und in denen ich gerne Musik mache.
BANDUP: Hii Ketzberg! Stell dich doch mal unseren Leser*innen vor. Wer bist du, was machst du und wofür schlägt dein Herz in der Musik?
Ketzberg: Hallo Maja! Mein Herz schlägt dafür, Perspektiven zu suchen. Ich beobachte gerne: unser Miteinander, die Welt, in der wir zusammen leben, und meinen Kopf, in dem ich lebe.
Ich mag die Ebenen hinter dem Offensichtlichen. Die Zwischenräume, die Ambivalenz, das Unklare, bis hin zur Zerrissenheit. Das sind die Orte, die ich spannend finde und in denen ich gerne Musik mache.
Und: Ich bin Paul, lebe in Köln, spiele unheimlich gern Konzerte mit meiner Band und verbringe die anderen Tage meistens mit den liebsten Menschen, die irgendwie auch ihre Tage gern mit mir verbringen.
Oft in der Nähe einer Siebträgermaschine, beim Sport oder leise schwitzend auf knarzendem Holz in der Sauna.
BANDUP: Du bist in einer Musikerfamilie aufgewachsen und hast später Jazz/Pop-Gesang an der Musikhochschule Köln studiert. Wie sehr hat dich dieses musikalische Umfeld geprägt und welche Einflüsse aus dieser Zeit begleiten dich bis heute?
Ketzberg: Das stimmt irgendwie. Aber es erzeugt sogar in meinem Kopf gerade ein falsches Bild. Es klingt nach: Mein Vater ist erste Geige im Staatsorchester und meine Mutter Opernsängerin.
Aber so ist es ja gar nicht. Meine Mama lebt ihre Musikalität im Tanz. Und mein Papa ist Jazzpianist und Sänger, mit einer unerschütterlichen Liebe zur Crooner-Swing-Ära.
Ich habe mit meinem Papa relativ früh Covergigs gespielt. Hochzeiten, Firmen-Events und so was. Das klingt unspektakulär und auch überhaupt nicht nach dem „In einer Musikerfamilie aufgewachsen“-Bach-zum-Frühstück-Vibe.
Aber ich glaube heute ehrlich: Es ist eine der besten Sachen, die man als junger Musiker machen kann.
Bei jedem Event sind die Leute, die Energie und der Raum völlig anders. Und wenn man darin gut sein will, muss man sehr sensible Antennen dafür entwickeln, was gerade abgeht. Man lernt, schnell zu checken, von wem welche Energie ausgeht und wohin die Mood gerade treibt. Wer erreichbar ist, wer vielleicht nur über Bande und wer verloren ist.
Zu checken, was gerade deine Möglichkeiten sein könnten, den Raum zu bereichern, ist Gold wert. Und man bekommt außerdem natürlich eine solide Routine darin, auf verschiedenen Bühnen zu stehen und Musik zu machen.
Diese Antennen und der Umgang mit verschiedenen Räumen und ihrer Unterschiedlichkeit prägen heute total meine Art, Konzerte zu spielen.
Und mein Jazzstudium war einfach die schönste Studienzeit, die ich mir vorstellen kann. Mut üben, weit springen, weich fallen, eine Metalband gründen, Musikvideos aufnehmen, in denen man böse guckt, sich dann schütteln und die Seele streicheln lassen von komischen Akkorden, die man lernt, nicht verstehen zu müssen.
Das Musikstudium hat sich angefühlt wie eine staatlich-offizielle Erlaubnis, sich vier Jahre lang nur mit Musik zu beschäftigen. Was krass ist in einem Alter, in dem die meisten anderen anfangen, erwachsen zu werden.
Meine musikalische Vergangenheit, meine Kindheit, mein Aufwachsen und mein Studium hätte ich mir nicht besser malen können.
Ein Album als Collage kleiner Momente
BANDUP: Dein neues Album trägt den Titel „Flieder“. Welche Bedeutung hat die Farbe für dich und was hat sie mit der Stimmung und den Themen des Albums zu tun?
Ketzberg: Der Name des Albums kommt vom Song, und der Name des Songs kommt aus einer Stimmung. Nach der Golden Hour, wenn die Wolken fliederfarben werden, die Schatten weicher und die Laternen in der Stadt aufwachen.
Der Track ist nur ein kleiner Moment mit einer anderen Person. Ein Blick, eben in dieser Stunde. Er bewirkt, dass die Stadt verstummt. Wir schweben, vergessen, dass es kalt wird, und verlieben uns für diesen Augenblick. Es bedeutet jetzt alles und morgen nicht.
Es geht in diesem Song, wie auch in vielen anderen Texten, um die Wahrnehmung von Momenten, die so klein sind, dass man sie fast übersieht. Genau in ihren Nuancen und Details steckt, was mich fasziniert.
Ich mag es sehr, Sekunden festzuhalten und zu porträtieren, sie womöglich zu einer Metapher werden zu lassen oder zu einem kleinen Fenster in mein Herz. Das Album ist eine Collage aus solchen Momenten.
„Ich liebe es, nackt zu sein“
BANDUP: Dein Albumcover und auch die Cover der Singleauskopplungen zeigen dich nackt in unterschiedlichen Positionen. Welche Bedeutung hat Nacktheit für dich im Zusammenhang mit „Flieder“?
Ketzberg: Ich liebe es, nackt zu sein. Metaphorisch und wörtlich. Nackt zu sein und sich gut dabei zu fühlen, ist ein Zustand, den ich anstrebe wie wenig anderes. Das klingt natürlich flach und nach Yogi-Tee.
Aber es steht für mich nun mal dafür, sich nicht verstellen zu wollen, zu können, zu müssen. So sein zu können, wie man eben ist.
Ich arbeite jeden Montagabend als Saunaaufgießer in der schönsten Therme Kölns und sehe natürlich sehr viele nackte Körper. Und ich finde es unheimlich beruhigend, all diese Menschen zu sehen, wie sie nun mal sind.
Es gibt keine Möglichkeit für Projektionen, für übertriebene Körperideale. Alle sind halt so, wie sie sind, und weil alle so sind, fühlt es sich auch viel leichter an, selbst so zu sein, wie man ist.
Mir ist natürlich bewusst, dass ich einigen Schönheitsnormen entspreche, und ich finde mich selbst auch meistens schön. Das macht den Mut, nackt zu sein, leichter. Und auch die Bilder sind ja eher vorteilhaft als unvorteilhaft.
Wahrscheinlich bin ich eben doch noch nicht so mutig, wie ich sein möchte. Aber auf dem Weg. Ich will überall, wo Leute Zeit mit mir verbringen, in echt, auf Spotify, auf Konzerten oder so, Mut zur Nacktheit machen.
Das wäre toll, und ich wäre stolz darauf, wenn mir das manchmal gelingt. Gleichzeitig, um das mal nicht außen vor zu lassen, weil es ja auch offensichtlich ist: In sehr vielen Tracks auf diesem Album geht es um Dates und Knutschen.
Die Endlichkeit als Freiheit empfinden
BANDUP: In „Nur Lover“ stellst du die Vergänglichkeit von Liebe nicht unbedingt als etwas Trauriges dar, sondern akzeptierst sie als Teil davon. Was fasziniert dich an dem Gedanken, dass eine Verbindung nicht für immer bestehen muss, um Bedeutung zu haben?
Ketzberg: Es geht in vielen meiner Texte um dieses Störgefühl, das ich immer habe, wenn die Ewigkeit als Maß für Glück, Erfolg oder Liebe angeführt wird.
In unseren gesellschaftlichen Playbooks ist so ’ne Endlichkeit irgendwie kaum vorgesehen. Und wenn, dann ist sie oft negativ gefärbt oder trägt so eine Schwere mit sich.
Unabhängig von diesen Riesenthemen wie Leben und Tod kann man sich in so eine Endlichkeit aber auch fallen lassen, finde ich. Sie als Freiheit empfinden. Zum Beispiel als Freiheit, einen Moment mutig zu gestalten.
Mit einer Person im Gespräch sein, obwohl – oder weil – man weiß, dass man sie nie wiedersehen wird. Das Gefühl genießen, dass die eigene Zeit eben nicht nur – sie ist es natürlich zwangsläufig auch –, aber eben nicht nur ein linearer Strang von Anfang bis Ende ist.
Sondern eine lange Kette aus Momenten, Episoden, Jas und Neins. Der Track „Nur Lover“ schließt sich daran an. Ich mag die Zeile „Ich liebe dich für diesen Moment“ sehr.
Ich finde sie toll und fühl’ sie komplett. Warum sollte die Liebe nicht bedeutsam sein, nur weil sie nicht für immer ist? Vielleicht ist sie auch einfach sehr besonders, weil klar ist, dass sie nicht bleibt.
Neben einem leichten Lebensgefühl, das ich mit diesem Thema verbinde, ist im Bigger Picture dieser Gedanke der Kern meiner Faszination: dass manche Verbindungen ihre Bedeutung erst dadurch bekommen, dass sie eben nicht bleiben.
„Ich habe den Spaß am Suchen gefunden„
BANDUP: Du hast 2023 einmal gesagt, dass du dir eine Diskografie wünschst, die eine spannende Entwicklung zeigt, „in die man sich verlieben kann“. Wenn du heute auf deine bisherige Musik zurückblickst: Welche Entwicklung erkennst du selbst darin und worauf bist du vielleicht besonders stolz?
Ketzberg: Ich bin besonders stolz darauf, dass die Entwicklung meiner Musik, meiner Texte und meines Sounds mit mir gegangen ist. Nicht mit Trends, Hypes, einem Zeitgeist. Ich habe mir gewünscht, dass sich das Hören meiner eigenen Musik anfühlt, wie durch ein Fotoalbum zu blättern.
Dass ich mich in den Paul von vor zwei Jahren reinfühlen kann. Ich bin wirklich froh, in Musik nicht nur ausdrücken zu können, was ich gerade fühle, was mich beschäftigt oder so, sondern es auch konservieren zu können für den Paul in ein paar Jahren, der sich erinnert.
Wenn ich eine konkrete Entwicklung greifen soll, dann denke ich besonders daran, wie ich mich beim Singen verändert habe. Ich meine zu hören, wie ich mit den Jahren ins Singen reingewachsen bin.
Von Songs wie „Alles ausgedacht“ über „Liebe im Fernsehen“ zu „Noch nie“ oder „Was du siehst“ bis jetzt zum neuen Album. Ich habe den Spaß am Suchen gefunden. Danach, wie ich klingen kann.
Wie ich dirty und leise in der Kopfstimme singen und die Brücke zu einem vollen, verzweifelten Sound wie in „Denkmal“ schlagen kann, die kein „Guck mal, was ich kann“ ist, sondern eine Komposition.
Wer hat Ketzberg das Suchen beigebracht?
BANDUP: Gibt es Artists oder Alben, die dich als Musiker besonders geprägt haben und zu denen du immer wieder zurückkehrst?
Ketzberg: Auf jeden Fall. Dabei ist es aber weniger der Sound, der meinen Sound prägt, oder die Themen, die meine Themen spiegeln. Es hat mehr mit dem zu tun, was ich vorhin gesagt habe: mit der Faszination für die Suche danach, wie man klingen kann
Und in diesem Fall ist es meine Faszination für die Suchenden. Worin Menschen ihren Ausdruck finden, ihre eigene Sprache. Die sich übersetzen kann, wenn man ihr für eine Zeit beide Ohren und sein Herz leiht.
Es fällt mir sehr schwer, mich auf wenige festzulegen. Deswegen hier die ersten, die mir einfallen, und dazu jeweils meine Empfehlung als ersten Track, wenn man sie kennenlernen will:
Allen Stone – „Unaware“
Cécile McLorin Salvant – „Le mal de vivre“
Ibrahim Ferrer – „Boliviana“
Michael Franks – „Lotus Blossom“
Kit Downes – Album „Obsidian“ (Achtung, gefährlich)
Es würde ein bisschen den Rahmen sprengen, wenn ich zu jedem sagen würde, was genau mich daran fasziniert. Aber schreibt mir irgendwo, wenn ihr das wissen wollt. Und hört unbedingt rein.
BANDUP: Du hast dich schon kritisch mit der Art auseinandergesetzt, wie Musik heute auf Social Media beworben wird. Was stört dich an der aktuellen Musikpromotion besonders und wie sollte sie deiner Meinung nach stattdessen aussehen?
Ketzberg: Man muss erst mal festhalten, dass Instagram einfach gegen Musik konzipiert ist, besonders gegen Musikpromotion. Musikpromotion bedeutet ja meistens, dass man den Leuten sagt: Hier ist ein Ausschnitt aus meinem neuen Song, geht jetzt auf Spotify und hört ihn euch an.
Und wenn das klappt, dann gehen die Leute auf Spotify. Das bedeutet aber logischerweise, dass sie von Instagram weggehen. Und das will Instagram natürlich nicht. Gute Inhalte sind für Insta natürlich die, die die User*innen auf der Plattform halten.
Wenn man dieser Logik folgen möchte, dann ergibt sich daraus: Um auf Instagram erfolgreich zu sein, muss man Instagrammer sein, der auch Musik macht, und nicht Musiker, der auch Instagram macht. Und das ist doch schade.
Ketzberg: Ich habe keine einfache Lösung dafür. Wenn es aber, frei von Nostalgie und Träumen, um eine Zukunft geht, die möglich ist, dann wünsche ich mir, und das ist Politik, Folgendes: Mehr Menschen haben mehr Geld und Mehr Menschen haben mehr Geld und weniger Angst.
Und es gibt mehr Orte, an denen sie zusammenkommen können. Das ist das Fundament dafür, dass der Faszination für Kunst, Kultur, Konzerte, Festivals wieder Leben eingehaucht werden kann.
Das wäre ein toller Weg. Konzerte, vor allem kleine, wieder in einen lebendigen Alltag für alle holen. Denn Zusammenkommen und auch Musik sind etwas, wonach sich Menschen immer sehnen werden, glaube ich. Und das kann man schaffen.
BANDUP: Dein Album „Flieder“ ist jetzt draußen und wir hatten uns schon mit den einzelnen Songs beschäftigt. Was steht für dich als Nächstes an und worauf freust du dich in diesem Jahr noch besonders?
Ketzberg: Ich freu mich ganz besonders auf zwei Konzerte, die ich dieses Jahr noch veranstalte. In Köln am 5.11. in einem sehr hübschen Café mit meinem Trio.
Und am 13.12. in Braunschweig, wie jedes Jahr im Advent, mit meinem Papa in der Gärtnerei meiner Familie. Und auf Kaffee und Kuscheln im Winter freu ich mich auch sehr.
BANDUP: Zum Abschluss: Welcher Artist oder Song läuft bei dir gerade auf Dauerschleife und sollte deiner Meinung nach auch unbedingt unsere Community erreichen?
Ketzberg: Da würde ich „sandcastle“ von SALOMEA callen. Unbedingt hören. Und wer die Chance hat, sie live zu sehen, sollte hingehen. Sowas habt ihr noch nicht erlebt.
Ebenso die Band TILAR. Hört euch „You can say“ vom Livealbum an und checkt, wann sie bei euch in der Nähe spielen. Und gebt auf jeden Fall eure Jacke an der Garderobe ab.

Gewinnspiel
BANDUP verlost auf Instagram eine Vinyl des Albums “Melodie” von Slow Pulp.








