Jahrelang schrieb LILITH Songs für andere, glattgeschliffen und möglichst massentauglich. Dann kam der Tiefpunkt. Sie wurde von einem Produzentenduo abgezogen, hatte fünfstellige Schulden und musste wieder kellnern. Statt aufzugeben, beschloss sie, alles anzuzünden und selbst nach vorne zu treten.

Anzeige*

Ihre erste EP „INFERNO“ ist das Ergebnis dieses Neuanfangs. Sie ist laut, schonungslos und voller Gefühle, die lange keinen Kanal hatten. In „28“ blickt sie zehn Jahre später auf eine Beziehung mit einem deutlich älteren Mann zurück und trifft damit einen Nerv, den sogar Tara Wittwer aufgegriffen hat. „BUSFAHREN“ erzählt von einer Belästigung am helllichten Tag und von der Wut darüber, dass Frauen ständig auf der Hut sein müssen.

Im Gespräch mit BANDUP spricht LILITH über Machtstrukturen hinter den Kulissen der Musikbranche und über ihren Mitbewohner, der sie einst gar nicht einziehen lassen wollte und heute ihr Musical Director ist. Außerdem verrät sie, warum weibliche Wut viele Gesichter hat und warum Ehrlichkeit sie weniger angreifbar macht.

Hallo BANDUP! Ich bin Sängerin, schreibe schon seit vielen Jahren Musik für andere Künstler und habe in diesem Jahr mit meinem eigenen Projekt angefangen. Musik war schon immer ein riesiger Teil meines Lebens. Mein Papa hat mich schon in der Grundschulzeit in Plattenläden geschleppt. Damals gab es noch CDs für den Walkman. Und jetzt selbst Musik machen zu dürfen, die Menschen bewegt, ist ein großes Glück für mich.

BANDUP: Deine Debüt-EP „INFERNO“ ist endlich veröffentlicht. Warum hast du dich für diesen Titel entschieden, und welches Feuer brennt für dich in diesen Songs?

LILITH: Ich hab‘ mich in all den Jahren in der Musikindustrie oft gefragt, wofür wir das eigentlich machen. Wir wollen alle unsere Miete bezahlen. Aber wenn man jahrelang versucht, Musik zu schreiben, die möglichst massentauglich ist und so wenig wie möglich aneckt, kommt irgendwann ein wahnsinniger Drang in einem hoch, mal etwas zu sagen. Etwas mit Bedeutung. Wirklich mal zu brennen und die Hitze zu ertragen. Irgendwann hatte ich Hunger nach mehr, und daraus ist die ganze INFERNO-EP entstanden. Jeder Song ist aus einer Emotion entstanden, die schon lange in mir drin war, für die es aber nie den richtigen Kanal gab. Es hat etwas länger gedauert, keine Angst mehr davor zu haben, laut und schonungslos zu sein.

BANDUP: Bevor du als LILITH selbst nach vorne getreten bist, hast du als Songwriterin im Hintergrund gearbeitet. Welche Erfahrungen mit Machtstrukturen in der Musikbranche haben dich auf diesem Weg geprägt, und wie viel davon steckt in „INFERNO“?

LILITH: Als Songwriter sitzt du prinzipiell am kürzeren Hebel. Du hast keine Entscheidungsmacht, ob es darum geht, welcher Song veröffentlicht wird oder was daraus gemacht wird. Die für mich bedeutsamsten Werke vergammeln bis heute in irgendeinem Dropbox-Ordner. Und der größte Einheitsbrei wird gepickt, und dann fangen die Verhandlungen erst an. Ist ein Artist noch klein, gibt es kein Budget. „Oh Gott, wie zahl ich die Miete?“ Ist ein Artist aber groß, kann er sich darauf verlassen, dass die Writer auf die Reichweite angewiesen sind, und drückt das Budget. Wieder: „Oh Gott, wie zahl ich die Miete?“ Das ist natürlich stark verallgemeinert, aber es ist einmal zu oft passiert.

Ich habe mein Artist-Projekt angefangen, weil ich mich am Tiefpunkt meiner Karriere befand. Ich wurde von einem Produzentenduo abgezogen, hatte plötzlich Schulden im fünfstelligen Bereich, musste wieder kellnern und dachte mir: Jetzt ist alles egal. Jetzt kann ich auch machen, was ich will. Zünden wir die Scheiße an. Und ich bin wahnsinnig froh, dass ich diesen Schritt erst sehr spät gegangen bin. Früher hätte ich nicht die Resilienz gehabt, die es dringend braucht.

Wie wird aus einer WG ein kreatives Team?

BANDUP: Du hast gemeinsam mit deinem WG-Mitbewohner an der EP gearbeitet. Wie ist es dazu gekommen, und wie sah eure Zusammenarbeit im Alltag aus? Wo hört WG-Leben auf und wo fängt Songwriting an?

LILITH: Da gibt es ehrlich gesagt keine Grenzen. Wir wohnen schon so lange zusammen, mittlerweile sind wir eigentlich Geschwister. Ich kam damals durch ein typisches Berliner WG-Casting in die WG und hab‘ ihn als sehr jungen, talentierten Musikstudenten kennengelernt. Lustigerweise war er damals der Einzige der drei Mitbewohner, der mich eigentlich nicht einziehen lassen wollte. Wir könnten unterschiedlicher nicht sein. Er ist ein sehr sanftmütiger, ruhiger Mensch und hat mit meiner lauten Art etwas gefremdelt, haha.

Dass wir irgendwann auf dem Boden in seinem WG-Zimmer sitzen und zusammen Songs schreiben, einen Label-Deal bekommen, er mein Musical Director wird, wir zusammen auf Tour gehen – das hätte keiner von uns gedacht. Und so treffen wir uns jetzt morgens in der Küche zum Frühstück, arbeiten tagsüber an dem Projekt und zocken abends zusammen Videospiele.

BANDUP: In „28“ blickst du mit zehn Jahren Abstand auf eine Age-Gap-Beziehung und erkennst erst heute die Strukturen dahinter. Wie hat sich das Schreiben dieses Songs angefühlt: eher wie Heilung oder wie das Aufreißen alter Wunden?

LILITH: Ein bisschen von beidem. Ich war über diese Beziehung eigentlich schon viele Jahre hinweg. Ich hatte überhaupt keine Gefühle mehr dazu, weder positive noch negative. An meinem 28. Geburtstag hat es mich dann aus dem Nichts erwischt. 28. So alt wie er damals war. Aus dieser Perspektive auf jemanden so Junges zu blicken, hat mich unfassbar angewidert. Und richtig, richtig sauer gemacht. Ich glaube, das ist ein verbreitetes Phänomen, Demi Lovato hat darüber auch einen Song geschrieben. Und anhand der Reaktionen und Nachrichten von anderen Frauen erkennt man, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen. Wir sind eben nicht „reifer“ als die anderen, wir sind manipulierbarer. Und wenn man selbst alt genug wird, trifft einen diese Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht.

BANDUP: „28“ hat online große Resonanz ausgelöst, auch Tara Wittwer hat das Thema aufgegriffen. Welche Reaktionen haben dich besonders berührt? Und was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade in einer solchen Dynamik stecken oder sie erst rückblickend durchschauen?

LILITH: Die Reaktionen haben mich extrem berührt. Viel mehr, als Hass es jemals könnte. Von Frauen zu lesen, die Ähnliches und oft noch viel Schlimmeres erlebt haben, hat mich teilweise wirklich mitgenommen. Und gleichzeitig auch geehrt, weil viele gesagt haben, dass der Song ihnen bei der Verarbeitung geholfen hat. Es erreichen mich sogar Nachrichten von Eltern mit Kindern in dieser Situation, die mich fragen, was sie machen können. Die Antwort ist leider, dass es da nichts gibt. Meine Eltern haben es auch versucht. Aber wie Tara gesagt hat:

Wenn die Erkenntnis irgendwann kommt, sind wir da. Und so viele Frauen schämen sich im Nachhinein dafür. Wenn ich diesen Frauen etwas sagen kann, dann, dass euch KEINE Schuld trifft. Und ihr seid nicht allein!

Warum müssen Frauen ihre Sicherheit ständig selbst planen?

BANDUP: „BUSFAHREN“ erzählt von nächtlichen Heimwegen, auf denen viele Frauen jeden Blick abwägen und sich Fluchtwege zurechtlegen. Welcher Moment hat diesen Song bei dir ausgelöst? Und was muss sich gesellschaftlich ändern, damit Frauen solche Strategien gar nicht erst lernen müssen?

LILITH: Ich wurde am helllichten Tag an einer Haltestelle belästigt. Es war ein schöner Sommertag, ich war auf dem Weg zu Freunden, und dann packt mich ein Mann von hinten und fasst mir zwischen die Beine. Die größte Wut kam nicht mal durch die Tat selbst. Ich habe darüber nachgedacht, wie sehr es mich ankotzt, dass Frauen ohnehin schon in ständiger Vorsicht durchs Leben laufen müssen und mir jetzt auch noch die Freiheit genommen wird, einfach in Ruhe um 18 Uhr abends am Bahnsteig zu stehen. Jetzt stelle ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit dem Rücken zur Wand. Eine weitere Maßnahme, zu der mich ein Mann gezwungen hat. Ich wünschte, ich hätte die Antwort für eine Lösung. Fakt ist, dass Frauen trotzdem für ihre eigene Sicherheit verantwortlich gemacht werden. „Was hattest du an?“ „Wieso gehst du so spät allein vor die Tür?“ Wenn sich das ändern würde, wären wir schon einen großen Schritt weiter.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

BANDUP: Deine Musikvideos erzählen deine Songs visuell weiter. Welche zusätzliche Ebene möchtest du mit ihnen öffnen, und welche Bildidee rund um „INFERNO“ liegt dir besonders am Herzen? Woher nimmst du Inspiration für die Videos?

LILITH: Ich versuche, mit allen Elementen der Werke dasselbe Gefühl rüberzubringen. Ich möchte, dass die Instrumente dieselbe Geschichte erzählen wie die Texte. Und genauso möchte ich, dass das Musikvideo dieselben Emotionen zeigt, die man beim Hören spürt. Besonders bei INFERNO war mir dieses Bild von weiblicher Wut unheimlich wichtig. Auch wenn der Song an sich emotional nicht stark ausbricht und diese Wut nicht in der Stimme trägt, war es mir genau deswegen wichtig, diese Welt im Video zu öffnen.

Denn Wut kann verschieden aussehen, es muss nicht immer Aggression sein. Der Anfang des Videos zeigt einen mentalen Breakdown, und dieser entwickelt sich zu dieser „Female Rage“. Und trotzdem gibt es diese ruhige Komponente im Chorus, eine Erkenntnis oder Verarbeitung dieser Wut. Wir sind alle vielschichtig und so auch unsere Emotionen. Etwas kann einen verletzt haben, rasend wütend gemacht haben, und man kann trotzdem Kraft daraus schöpfen.

BANDUP: Machtmissbrauch, Feminismus, Abhängigkeiten, sexualisierte Belästigung: Deine Themen wiegen schwer. Wie gehst du mit der Verantwortung um, die mit so viel Offenheit einhergeht, und was gibt dir Kraft, wenn dich das selbst belastet?

LILITH: Ich habe das Gefühl, je ehrlicher ich bin, desto weniger angreifbar mache ich mich. Wenn ich hinter den Aussagen stehe, die ich tätige, ist die Angriffsfläche kleiner. Gleichzeitig versuche ich immer zuzuhören, transparent zu sein und mir bewusst zu bleiben, dass meine Erfahrungen nicht einzigartig sind. Ich hab‘ die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Die Erfahrungen von Frauen, die ich lese, treffen mich manchmal sehr, zeigen mir aber gleichzeitig, wie wichtig es ist, Kanäle für diese Diskussionen zu eröffnen. Frauen spenden sich dort gegenseitig Kraft. Und einen Raum dafür geschaffen zu haben, spendet mir die Kraft, die es braucht, um weiterzumachen.

Anzeige*

Welche Musik lässt uns vom Großen träumen?

BANDUP: Zum Abschluss: Welchen Song möchtest du unseren Leser*innen gerade ans Herz legen, egal ob eigenes Werk oder von anderen Künstler*innen, und was macht ihn für dich so besonders?

LILITH: Noch mal zurück in den Plattenladen: Mein Papa hat mir, als ich so 15 Jahre alt war, ein Musikstück gezeigt, das mich seitdem begleitet. „Spring 1“, Vivaldi recomposed by Max Richter. Dieser Song ist kein lyrisches Meisterwerk, er hat ja nicht mal einen Text. Aber wenn ich ihn gehört habe, habe ich mich unfassbar frei gefühlt, hab‘ von der großen weiten Welt geträumt und geglaubt, ich könne alles schaffen. Und ich glaube, davon können wir aktuell alle was gebrauchen.

MEHR INFOS

Tickets
Streaming
Artist-Page

Du möchtest weitere Beiträge zu Neuveröffentlichungen, Events und Musik-News lesen? Hier kannst du weiterstöbern.

Empfehlung von der Redaktion

Künstler*innen: