Blood Red Shoes, „Stay Lonely“: Alben gegen Einsamkeit macht man zu zweit
Am 18. September erscheint das siebte Album „Stay Lonely“ auf dem Independent-Label V2 Records – geschrieben, aufgenommen, produziert und gemischt von genau zwei Menschen. Das Duo setzte auf eine Produktion, in die sich niemand außerhalb der Band einmischen konnte. Eine solch reduzierte Produktion ist nicht nur eine Herausforderung für die beiden Musiker*innen, sondern bringt auch ein Qualitätsrisiko mit sich. Im Falle von Blood Red Shoes kann man jedoch von einer äußerst gut gewählten Methode sprechen.
Am Anfang der meisten Musik-Karrieren fehlen Geld und Ressourcen für eine aufwendige Produktion, begleitet von einem ganzen Team. Aber in den allermeisten Fällen erweitert sich das Produktionsteam mit den wachsenden Zuhörer*innenzahlen. Blood Red Shoes haben längst Alben mit Produktionsteams gemacht. Und trotzdem geht das Duo bei seinem neuesten Album bewusst einen Schritt zurück. Laura-Mary Carter und Steven Ansell haben ihr siebtes Album vollständig in Eigenregie produziert.
Better together
Carter und Ansell machen seit zwei Jahrzehnten zusammen Musik. Ihr Zusammenspiel ist intuitiv; nach einer so langen Zeit sind sie perfekt aufeinander abgestimmt. Die Gitarre weiß, wohin das Schlagzeug gleich geht, bevor es dort ankommt. Externe Einflüsse würden dieses Selbstverständnis stören.
Wie eng dieses Zusammenspiel ist, hört man direkt im Opener „Start To End“. Die zwei Leadstimmen erzählen eine Geschichte aus zwei Perspektiven, mit sanfter, perfekt abgestimmter Harmonie. Laute Gitarren, lautes Schlagzeug und zwei Gesangslinien, die sich umeinander wickeln. Genauso bei „Grande Valse“: Eine Person, die leidet, und eine, die das Leiden lindert. Man kann die Umarmung der beiden Protagonist*innen förmlich hören. Eine solche Harmonie zwischen Gesang, Inhalt und Sound kann man vielleicht nur dann erreichen, wenn man schon 20 Jahre gemeinsam Musik macht. All das, was die beiden in dieser Zeit gelernt und erlebt haben, scheinen sie nun in dieses Album zu stecken. Das geht eben nur, wenn man es zu zweit macht.
Dazu schreibt die Band auf X:
Ten songs from 2 people who have been living a strange life for over 2 decades.
So klingt das Album
Musikalisch bleiben Blood Red Shoes bei dem, was sie am besten können: Garage-Rock mit Post-Punk-Schärfe, zwei Stimmen, die sich abwechseln und übereinanderlegen, und ein angenehm reduzierter Sound aus verzerrten Gitarren, tragenden Riffs, eingängigen Melodien und treibenden Drums.
Am klarsten zeigt das „Screams“: wenige Akkorde, simple Melodien, direktes Songwriting. „Screams“ ist kein besonders überraschender oder gar revolutionärer Song, aber das braucht er ja gar nicht zu sein. Der Song ist leicht zugänglich und macht Spaß. Manchmal ist ein simpler Aufbau eben die beste Wahl.
Dass reduziert nicht einfallslos heißt, beweist auch „Get Back Into Myself“. Aufgenommen wurde mit früher, längst veralteter Digitaltechnik – für ein willkommenes Nostalgiegefühl. Das eingängige Riff trägt trotzdem durch den ganzen Song und sorgt für Wiedererkennungswert.
Diese Konsequenz hat allerdings auch einen Preis. Wer zehn Songs mit denselben zwei Stimmen, derselben Gitarre und demselben Schlagzeug baut, kommt irgendwann an Grenzen. „Stay Lonely“ klingt deshalb zwar über die volle Länge in sich sehr geschlossen, doch dies führt auch dazu, dass einige Songs im Mittelteil verschwimmen. Ein Paar Ohren von außen hätten hier vielleicht ein wenig Abwechslung gebracht.
Britischer Humor für mehr Leichtigkeit
Die Texte kreisen um Einsamkeit, Selbstzweifel und das Mühsame daran, sich selbst zu verstehen – da könnte man denken, es würde sich um ein schweres, melancholisches Album handeln. Carter und Ansell schaffen es aber, ganz in britischer Manier, diese schweren Themen in humorvolle, selbstironische und sogar hoffnungsvolle Worte zu verpacken. Über „Useless Sentiment“ sagt die Band selbst, es gehe um den Versuch, die eigenen Gefühle zu begreifen, und darum, sich dabei gleichzeitig selbst nicht ganz ernst zu nehmen. Dieselbe Gelassenheit steckt in „Don’t Say A Word“: eine Nacht am Ende der Welt, zwei Menschen treffen sich, vielleicht führt es nirgendwohin, vielleicht kommt danach nichts mehr – „but that’s ok“.
Diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Selbstironie erzeugt etwas, das man von einem Album mit diesem Titel – „Stay Lonely“ – nicht erwarten würde: Unbeschwertheit. Hier trifft „It’s not that deep“ auf „ach, so geht’s uns doch allen“. Das Album vermittelt Verständnis, Gemeinschaft und Gelassenheit. So kommt es, dass man beim Hören des Albums Lust bekommt, sich einfach mal ein Bier aufzumachen und mit einer Gruppe lieber Menschen barfuß durch die Nacht zu tanzen und die Texte laut mitzusingen. Man möchte trotz, oder gerade wegen, Abschieden, Selbstzweifeln und der Ahnung, dass nichts lange hält, einfach leben.
Ein Album über Alleinsein, für Gemeinschaft
Darin liegt der eigentliche Widerspruch dieser Platte. Sie heißt „Stay Lonely“, sie handelt vom Alleinsein, und sie ist von zwei Menschen gemacht, die dabei bewusst alle anderen ausgeschlossen haben. Trotzdem ist das Ergebnis kein Album, das uns mit uns selbst zurückließe. Das zeigt schon die Dramaturgie der Platte: Sie beginnt mit „Start To End“, der Geschichte von jemandem, der geht – und endet mit „Fire On Water“, in dem sich jemand wünscht, aufgehalten zu werden:
I need someone to tell me I’m wrong.
Durch den rohen Sound und die reduzierte Produktion glaubt man den beiden jedes Wort. Und eine solche Ehrlichkeit über Einsamkeit gipfelt in Gemeinschaft.
Für wen sich das Album lohnt
Das siebte Album von Blood Red Shoes erfindet die Band nicht neu, aber es zeigt sie so ungefiltert wie lange nicht. Wer Wert auf besonders verspielte, experimentelle Produktionen mit viel Abwechslung legt, wird hier bestimmt nicht fündig werden. Wer ein cozy Feelgood-Album für den Herbst sucht, aber umso mehr.
Für alle, die jetzt Lust bekommen haben, die Texte des Albums mit ganz vielen Menschen zusammen zu singen, gibt es im Oktober eine Tour mit Terminen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.











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