Crystal F: Aus Schmerz und ADHS zu Topchart-Erfolgen

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Crystal F. startete seine Karriere im düsteren Horrorcore, bevor persönliche Krisen und die Auseinandersetzung mit Depressionen und ADHS ihn zu einer musikalischen Neuausrichtung führten. Heute bewegt sich Crystal F. stilübergreifend zwischen Rap, Indie, Techno und Electropunk und thematisiert persönliche Erfahrungen, mentale Gesundheit und kreative Freiheit. 2025 erreichte er als Independent Artist Platz 2 der TikTok Top 50. Im Interview spricht Crystal F. außerdem über sein angekündigtes Album “Fiebertrauma”, die Tourpläne für 2026 sowie geplante EPs und spannende Kollaborationen. Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview enthält unter anderem auch persönliche Schilderungen über Depressionen. Wenn dich das Thema betrifft, sprich mit jemandem oder suche dir Hilfe.

horrorcore war erst der Anfang

BANDUP: Aus dem Horrorcore kommend und heute vielfältig zwischen Rap, Indie, Techno und Electropunk unterwegs – wenn du heute auf deine Entwicklung blickst: Was hat sich in dir und deiner Musik am meisten verändert?

CRYSTAL F: Ich hatte 2020, zu Corona und dem Start der Vollzeit-Musikkarriere, einen Tiefpunkt in meinem Leben erreicht, an dem ich schauen musste, wer ich bin und wohin die Reise gehen soll. Ich hatte das Gefühl, dass ich im Horrorcore oder Schock-Value-Rap schon alles gesagt hatte, was ich sagen konnte – und am Ende musste ich damit leben, dass ich diese Dinge gesagt habe. Es gab für mich keine Perspektive mehr, da ich gefühlt alle Grenzen schon verschoben hatte und nicht mehr wusste, wohin es noch gehen sollte.

Nach meinem Album „Das Leben danach“ und der schweren Depressionsphase, die ich während der Produktionszeit hatte, musste ich dringend neue Inhalte finden. Ich habe die frühere textliche Extremität dahin gebracht, musikalisch alles auszuprobieren und einfach zu machen.

Zum Glück habe ich kurz vor Corona Maximilian Ikarus kennengelernt, mit dem ich seitdem sehr eng zusammenarbeite und der maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass ich mich so kreativ verwirklichen kann. Er ist mir als Inspiration, Freund, Mentor und moralischer Beistand seit fünf Jahren zur Seite und hat oft mehr an mich geglaubt, als ich selbst es tue. Das hat mich sehr wachsen lassen.

Inhaltlich probiere ich seit ein paar Jahren, hauptsächlich bei mir zu bleiben und über meine Lebensrealität zu sprechen, während früher vieles noch über überspitzte Horrorszenarien transportiert wurde. Interessanterweise konnten sich die Leute besonders über Songs an meine Musik binden, in denen ich schon früher sehr ehrlich über meine mentalen und persönlichen Probleme gesprochen habe.

zwischen Identität und ADHS-Diagnose

BANDUP: Du sprichst offen über deine ADHS-Diagnose und depressive Phasen. Wie hat sich diese Erkenntnis auf deine Kunst und deinen Alltag ausgewirkt?

CRYSTAL F: Ich bin da immer noch im Prozess, das in meinem Leben zu akzeptieren. Ich habe Jahre gebraucht, um mich einer Diagnose zu stellen, da ich stark mit Ängsten zu kämpfen habe und mir oft nicht das Recht einräume, auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten.

Es gab den Moment, in dem ich dachte, alles, was ich über mehr als 30 Jahre als meinen Charakter versucht habe zu akzeptieren, steht auf der ADHS-Symptomliste. Das tat im ersten Moment sehr weh, da ich das Gefühl hatte, ich sei nicht mehr als eine unbehandelte Krankheit.

Die Erkenntnis schafft stellenweise zwar etwas Verständnis, nimmt mir aber leider nicht die Probleme, die ich mit mir selbst habe. Ich hoffe jedoch, bald einen Therapieplatz zu bekommen und medikamentös eingestellt zu werden.

MUSIK IST KEINE THERAPIE

BANDUP: Viele deiner Songs klingen, als würdest du mit dir selbst im Dialog stehen. Gibt es bestimmte Momente beim Schreiben, in denen du merkst: Das ist gerade mehr Therapie als Musik?

CRYSTAL F: Ich habe mich sehr lange hauptsächlich über Musik richtig ausdrücken können. Ich war in meinem Leben lange sehr vermeidend, und wenn mich etwas bedrückt hat oder ich etwas aus der Vergangenheit verarbeiten wollte, hat mir das Songschreiben geholfen, zu Erkenntnissen zu kommen.

Mittlerweile kann ich besser kommunizieren, aber es fällt mir oft leichter, einen Song darüber zu schreiben, dass ich Hilfe benötige, als mich tatsächlich darum zu kümmern oder sie anzunehmen. Es klingt immer romantisch, wenn Musiker*innen sagen, Musik sei Therapie – aber nichts kann wirklich eine richtige Therapie ersetzen.

Ich bekomme viele Nachrichten von Menschen, die mir erzählen, dass sie durch meine Musik Mut gefunden haben, Dinge zu ändern und sich Hilfe zu suchen. Oft bewundere ich den Mut und die Kraft dieser Menschen, weil ich selbst manchmal noch nicht so weit bin.

ECHTER WERT ENTSTEHT NICHT DURCH APPLAUS

BANDUP: Was würdest du dir wünschen, dass Menschen aus deiner Geschichte mitnehmen – sowohl als Hörer als auch als Menschen, die vielleicht selbst mit Depressionen oder ADHS kämpfen?

CRYSTAL F: Ich probiere, Menschen mitzugeben, dass sie einen Wert haben und sich weder von der Außenwelt noch von der eigenen inneren Stimme unterkriegen lassen sollten.

Versucht, euch mitzuteilen und nicht aufzugeben. Mir hat es unglaublich geholfen, ein kreatives Outlet mit der Musik zu finden. Ich kann nur jeden dazu ermutigen, etwas zu tun, das einen erfüllt. Ich liebe, was ich tue – von Herzen – egal, ob es Geld gebracht hat oder nicht.

Macht euren Wert nicht davon abhängig, was andere davon halten oder dazu sagen. Je mehr ich über meine Schwächen gesprochen habe, desto mutiger finden Menschen das – und fühlen sich verstanden. Teilt euch also mit, sonst wird sich häufig nichts ändern.

BANDUP: Du hast es 2025 als Independent Artist bis auf Platz 2 der TikTok Top 50 geschafft – ganz ohne Major im Hintergrund. Was bedeutet dieser Erfolg für dich persönlich, gerade mit Blick darauf, was du alles durchgemacht hast?

CRYSTAL F: 2024 war in vielen Bereichen ein sehr ernüchterndes Jahr für mich. Nach drei Jahren stetigen Wachstums war es ein Jahr, in dem vieles, was ich mir mutig vorgenommen hatte, nicht so funktioniert hat, wie ich es mir gewünscht habe. Streaming- und Ticketverkäufe stagnierten, und Projekte mussten auf Eis gelegt werden. Das hat mich sehr belastet und mir Angst vor der Zukunft gemacht.

Irgendwann ist Karina Rose in meine DMs geslidet und hat mir mit sehr lieben Worten geschrieben, dass sie gerne mal mit mir Musik machen möchte. Meistens lehne ich solche Anfragen von Menschen, die ich nicht persönlich kenne, ab – bei ihr war das anders.

Ich fand ihre Worte, gepaart mit ihrer bisherigen Musik, so spannend, dass wir beschlossen, es einfach zu machen. Nachdem die erste Zusammenarbeit 3,4 Messer bereits mein erster Hoffnungsmoment 2025 war, hat Lieblos – und vor allem der zweite Teil – alles verändert.

Ich bin unglaublich stolz darauf, diese Songs mit Karina zu teilen, und auf das, was sie macht. Sie produziert fast alles aus dem Bauch heraus, alleine in ihrem Musikzimmer, und teilt es direkt mit der Welt. Das ist das komplette Gegenteil von dem, was einem in der Branche über Erfolg beigebracht wird.

Ich habe so etwas in 20 Jahren Musikindustrie noch nie erlebt. Es gibt mir Mut, wieder mehr einfach zu machen, auf mein Bauchgefühl zu hören – und daran zu glauben, dass am Ende nicht die Industrie entscheidet, was erfolgreich wird, sondern die Hörer*innen.

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DIE CD IST GESTORBEN –Ruffiction Productions NICHT

BANDUP: Die Musikbranche kann extrem schnelllebig und leistungsorientiert sein. Wie gehst du als Independent Artist mit diesem Druck um?

CRYSTAL F: Ich habe das große Glück, dass wir seit 2006 unsere Musik selbst herausbringen und ich einen großen Katalog habe, der Menschen durch viele Phasen ihres Lebens begleitet hat. Dadurch habe ich eine gewisse Sicherheit, die mich weiterhin kreativ bleiben lässt. Wenn etwas mal nicht so funktioniert, ist das auch okay.

Wir sind mit unserem Label durch viele Phasen gegangen und gewachsen: Wir haben den Musikmarkt-Crash nach 2000 überlebt, als die CD gestorben ist, und unseren Weg gefunden, aus eigenen Mitteln zu wachsen – in Zeiten von Boxverkäufen vor Streaming, und dann auch im Streaming. Ich probiere einfach, den Spaß an dem, was ich mache, nicht zu verlieren – das hat mich bisher immer weitergebracht.

Früher hat mir die Branche und der Druck darin mehr Sorgen gemacht. Der größte Druck, den ich heute spüre, ist der eigene Anspruch und der Druck, den ich mir selbst mache.

BANDUP: Welche Rolle spielt deine Community für dich – vor allem, wenn es um Themen wie mentale Gesundheit oder Authentizität geht?

Für mich ist die Community alles. Die Menschen können meine komplette Entwicklung vom wütenden, missverstandenen 16-, 17-Jährigen bis hin zum 37-jährigen Menschen mitverfolgen, der versucht, mit seinen Problemen offen umzugehen. Durch die Community sind unglaubliche Dinge in meiner Karriere passiert, und wir haben dort immer viel Rückhalt bekommen.

Ich probiere, den Menschen einen ehrlichen Einblick zu geben, und das wird mir sehr wertschätzend zurückgegeben. Ich weiß selbst oft nicht, wie ich das hinbekommen habe – vor allem, weil vieles aus sehr destruktiver Musik entstanden ist.

Aber es hat irgendwie dazu geführt, dass sich Menschen davon verstanden fühlen, denen oft das Sprachrohr fehlt. Menschen fühlen sich bei uns gesehen und wertgeschätzt – das verbindet.

„SO SIND IN SECHS WOCHEN ZEHN SONGS ENTSTANDEN“

BANDUP: Wenn du auf deinen bisherigen Weg zurückblickst: Gab es einen Moment, an dem du kurz davor warst, alles hinzuschmeißen – und was hat dich letztlich weitermachen lassen?

CRYSTAL F: 2018 haben wir mit Ruffiction das Ausnahmezustand-Album herausgebracht. Da steckten ein Jahr Arbeit, all mein Geld und viele Nerven drin.

Das Album ist erfolgreich auf Platz 3 der Charts eingestiegen, und die Tour lief gut.

Allerdings kamen dann Forderungen vom Finanzamt, durch die gefühlt das ganze Geld aus dem Projekt verschwand.

Ich bin leider ein besserer Musiker als Geschäftsmann und habe nichts von dem, was ich mache, klassisch gelernt. Das war damals sehr niederschmetternd und hat mich vieles infrage stellen lassen.

Ich habe mich danach gesehnt, unbeschwert Musik zu machen – ohne den organisatorischen Aufwand und Druck dahinter. Also habe ich mich nach einer Kreativpause zu Hause im Wohnzimmer vor mein Mikro gesetzt und einfach Zeile für Zeile Songs aufgenommen.

Der erste Song gefiel mir – also habe ich es am nächsten Tag wieder gemacht. So sind in sechs Wochen zehn Songs entstanden, darunter auch Panzerband & billiges Crack, dessen Remix von Die Gebrüder Brett Anfang 2019 erschien und mittlerweile ein absoluter Klassiker und mein meistgespielter Song ist. Spaß an Musik sollte immer an erster Stelle stehen.

VON Fiebertraum zu KOLLABO: Neues ALBUM UND EPs 2026

BANDUP: 2026 steht ein neues Album und eine Tour an! Was können wir erwarten?

CRYSTAL F: Mit Fiebertrauma kommt 2026 ein großartiges, experimentelles und sehr intensives Album raus. Es verbindet alte und neue Wege und dokumentiert einen längeren Zeitraum meines Lebens als die letzten Alben, die meist innerhalb von drei Monaten entstanden sind.

Ich bin sehr stolz auf das Album und freue mich, es bald endlich mit der Welt zu teilen. Aufgrund meiner mentalen Verfassung habe ich den Release etwas nach hinten geschoben, aber ich hoffe, es klappt jetzt alles.

Ich gehe zusammen mit meinem Bandkollegen und Freund Arbok 48 auf Co-Headliner-Tour im April. Er spielt Songs aus seinem Soloalbum Der letzte große Sommer, ich spiele ein Soloprogramm – und sicher werden wir auch gemeinsam ein paar Songs als Finale spielen.

2026 ist außerdem das 20-jährige Jubiläum von Ruffiction als Label. Wir hoffen, den Menschen ein neues Ruffiction-Album und hoffentlich mindestens ein Konzert als Band bieten zu können – was allerdings nicht ganz einfach zu planen ist.

Ich versuche aber, optimistisch darauf zu schauen. Außerdem soll noch eine EP mit Johnboy und Tamas erscheinen, sowie eine kleinere EP von Admiral Klatsch und mir. Und ich hoffe, dass Karina Rose und ich auch noch weitere Musik zusammen machen. 🙂

BANDUP: Zu guter Letzt noch: Welche Artists würdest du aktuell unserer Community empfehlen?

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Karina Rose, Stockmann und TEER.

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