Charli xcx: Warum sich Frauen im Pop ständig neu erfinden müssen

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„Now we’re making rock music“ – mit diesen Worten läutete Charli xcx Anfang Mai dieses Jahres ihre neue Ära ein, oder? Nach viel Spekulation, vier Singles und hohen Erwartungen ist es jetzt endlich soweit und das siebte Studioalbum „Music, Fashion, Film“ ist draußen.

Ein neues musikalisches Kapitel?

Nach „BRAT“ und „Wuthering Heights“, was ebenfalls dieses Jahr erschienen ist, schlägt die Sängerin nun ein neues Kapitel in ihrer Diskografie auf. Während es mit den drei Singles „Rock Music“, „SS26“ und „Wink Wink“ schon bis Juni einen Vorgeschmack auf die neue Platte gab, veröffentlichte Charli noch kurz vor knapp die Single „Camera“ samt starbesetztem Musikvideo. Neben dem Auftritt des französischen Schauspielers Vincent Cassel in dem Song “Camera”, können sich Fans noch auf weitere zehn Songs freuen. Die lückenlos starke halbe Stunde Musik ist unter anderem in den Rue Boyer Studios in Paris zusammen mit den Produzenten A. G. Cook und Finn Keane entstanden.

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Charli xcx stripped down

Insgesamt ist „Music, Fashion, Film“ besonders im Vergleich zu „BRAT” musikalisch gitarrenlastiger und hat einen „stripped down“ Character. Mit den übersteuerten Klängen in den Instrumentals und ein bisschen Autotune bleibt sich Charli dennoch dem Kern ihres Sounds treu. Gerade „Rock Music“ ist dabei natürlich, wie der Titel verspricht, rockiger und wird von schepperndem Schlagzeug begleitet. Im Gegensatz dazu stehen beispielsweise Songs wie „SS26“, „I’m Afraid“ oder auch „Wink Wink“, die sich auf reduzierte musikalische Begleitung fokussieren und den Lyrics dadurch die nötige Wirksamkeit verschaffen.

Weniger Autotune und eine rohere Produktion transportieren beim Hören eine ehrliche Verletzlichkeit, die Charli-Fans schon von „BRAT“ kennen. So ist „Music, Fashion, Film“ in gewisser Weise ein musikalischer Zusammenschluss von den vergangenen beiden Vorgänger-Alben. Besonders „Camera“ erinnert im Refrain auch an „Dying for You“, einen Track, den Charli mit „Wuthering Heights“ veröffentlicht hat. Insgesamt ist „Music, Fashion, Film“ mal pompöser, mal zurückhaltender und lässt dabei tief blicken in die persönliche Zwiespalte und Kämpfe Charli xcx’.

Die ständige Neuerfindung

Während wir die Releases von männlichen Sängern dafür feiern, wenn sie sich in ihrem musikalischen Stil treu bleiben oder an ihm geschliffen haben, gestehen wir diese Sympathie weiblichen Artists häufig nicht zu. Neues Album, neuer Sound, neuer Look – Sängerinnen sollten sich am besten zu jedem Albumrelease immer wieder neu erfinden. Beispiele dafür wären zuletzt Sabrina Carpenter, Zara Larsson oder Gracie Abrams. Abrams bekommt aktuell für ihr neues Album „Daughter from Hell“ online, beispielsweise von Reddit-User*innen, viel Kritik dafür, dass sie ihrem Stil treu geblieben ist und ihn perfektioniert hat. Es stellt sich daher die Frage: Warum müssen sich Musikerinnen immer wieder neu erfinden?

Alleine dass wir diesen Anspruch unbewusst oder bewusst stellen, manifestiert einen Druck, der es Musiker*innen in einer hart umkämpften Branche nicht leichter macht, unbekümmert und ehrlich ihre Kunst zu präsentieren. Und trotz dessen schaffen weibliche Artists es immer wieder sich, vulnerabel und unverstellt zu zeigen. Dass sich Charli-xcx-Fans auf mehr als nur neue Musik freuen durften, war spätestens seit „The Moment“ klar. In dem Film spielt Charli eine fiktionalisierte Version ihrer selbst, die den plötzlichen Ruhm und Erfolg von ihrem „BRAT“-Album navigieren muss. Am Ende des Films kommt sie zu dem Schluss, dass selbst „BRAT“, Brat-Summer und verschmiertes Make-Up nicht für immer sind. So ist das neue Album nun auf eine gewisse Art ein Testament für künstlerische Neuerfindung ohne sich selbst dabei zu verlieren.

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Im eigenen Sound neu erfinden

Was für ein Balance-Akt die Neuerfindung sein kann, verpackt Charli wohl am deutlichsten auf „Card Declined“. Die Lyrics „Let’s go shopping, I’ll buy a handbag/ I’ll buy some shoes, I’ll buy a smile/ I’ll buy some jewelry, a personality/ A whole backstory, card declined“ zeigen mit welchen Schwierigkeiten der persönliche künstlerische Ausdruck einhergeht. 

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Auch auf „Wink Wink“ stellt Charli fest: „But my point is I think people can change/ I used to jump on trampolines with no underwear on/ And now I basically just wear trousers“. Und das zu Recht. Die Erwartung, sich dauernd neu erfinden zu müssen und gleichzeitig von allen möglichst schnell in eine Schublade gesteckt zu werden a la BRAT-Partygirl, sind so widersprüchlich, dass sie bei der Musikerin eine Zerrissenheit vorrufen, die sie auch auf „Camera“ äußert, „Yeah, I can finally be totally honest/ It’s like I’m looking down the barrel of a gun (Fucking shoot me)“.

Nothings gonna last forever

Während Charli noch auf „SS26“ „Nothings gonna safe us/ Not Music, Fashion or Film“ singt, kommt sie zum Ende des Albums zu dem Schluss: „Nothings gonna last forever“. Der abschließende Track „No One Lasts Forever“ mit Featuregast Regisseur und Drehbuchautor David Cronenberg zementiert die Message von „Music, Fashion, Film“. Auch ihre Spotify-Küntslerinnenbeschreibung untermauert die Herangehensweise an die Musik. Denn dort schreibt sie von dem Glück, das sie empfindet, wenn sie selbst inspiriert ist. Außerdem auch davon, dass es in Ordnung ist, wenn man diese Inspiration gerade nicht spürt. Die Beschreibung endet mit den Worten: „And then it will fade away.“

Für findige Fans ist das auch ein Callback zu „The Moment“, dem Kinofilm, den Charli Anfang des Jahres in die Kinos brachte, der auf Filmstarts mit „gut“ bewertet wurde. Denn dort ist die Vergänglichkeit von Kunst und die ewige Kommerzialisierung derer zentraler Bestandteil. Abschließend kann man sagen, dass „Music, Fashion, Film“ die Gefühlslage einer Sängerin einfängt, die sich in einer Zerrissenheit fühlt, ohne dabei aufgesetzt oder stilisiert zu wirken. So ehrlich und direkt, wie Fans es seit jeher von Charli xcx kennen.


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