Freyr: „Wirkliche Freiheit bedeutet für mich authentisch zu sein“
Der schwedisch-isländische Singer-Songwriter Freyr macht Musik, seit er alt genug war, ein Instrument zu halten. Seine Karriere begann mit klassischer Flöte nach japanischer Lehrmethode, führte über Indie-Jazz, Hip-Hop und Progressive Metal bis hin zu einem eigenständigen Sound, der zwischen Intimität und Weite oszilliert.
Mit seiner EP „New Man“ legt er ein sehr persönliches Statement vor: über Selbstakzeptanz, das Loslassen alter Versionen seiner selbst und die Suche nach Zugehörigkeit in einer unsicheren Musikbranche. Im Interview spricht Freyr über seine musikalischen Wurzeln, Wirkung von Wanderungen in der Wildnis und warum Perfektion ihn nicht interessiert. Das folgende Interview wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.
Manche finden, Künstler müssten ihrem Stil treu bleiben und sich nicht zu weit von einem Genre entfernen. Für mich bedeutet das jedoch oft nur, Musik künstlich einzuengen und eintönig werden zu lassen.
Alles fing in der Schule an
BANDUP: Deine erste Single erschien 2019. Wie hast du angefangen, Musik zu machen, und wie hast du deinen eigenen Sound gefunden?
Freyr: Eigentlich mache ich Musik, seit ich alt genug war, ein Instrument in der Hand zu halten. Die Ergebnisse sind im Laufe der Jahre allerdings deutlich besser geworden. (lacht) In meiner Heimatstadt konnten Kinder Musik als Schwerpunktfach wählen. Es gab ein Orchester, einen Chor, Gitarrenunterricht und Bandproben.
Für mich kam nie etwas anderes infrage. Beim Songwriting war ich lange sehr impulsiv und habe einfach ausprobiert. Gerade wenn man mit anderen Musik macht oder gleichzeitig in mehreren Bands spielt, entstehen oft die schönsten Momente, wenn man gar nicht gezielt nach ihnen sucht.
Auch heute greife ich noch auf Rhythmen oder Akkorde zurück, mit denen ich irgendwann in meinem Leben eine besondere Verbindung hatte. Erst in den letzten fünf oder sechs Jahren bin ich strukturierter geworden – manchmal schreibe ich Ideen inzwischen sogar auf – und habe begonnen, Musiktheorie wirklich zu schätzen.
Trotzdem: Auch wenn es eine Landkarte des musikalischen Universums gibt, lasse ich mich darin lieber treiben und verirre mich bewusst. Schließlich gibt es in der Musik kein richtig oder falsch.
Natur statt Dauerrauschen
BANDUP: Du reist gerne und verbringst viel Zeit beim Wandern. Was gibt dir diese Zeit fernab des Alltags?
Freyr: Für mich gibt es keine bessere Therapie als die Natur. Eigentlich ergibt es sogar Sinn: Städte sind aus biologischer Sicht noch etwas sehr Neues für uns Menschen, während uns die Natur wahrscheinlich ein viel tieferes Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Oder vielleicht liegt es einfach daran, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin und dort eine wunderbare Kindheit hatte.
Mit zwölf Jahren war es für uns völlig normal, mit Campingausrüstung allein in den Wald zu ziehen, Feuer zu machen und die Echos an den Felswänden anzuschreien. Auch in meiner Familie waren Wanderungen selbstverständlich – sowohl in Schweden als auch auf Island. Als Kind wollte ich Bergführer werden wie mein Großvater. Er war Polarforscher und der erste Isländer, der mit Skiern den Südpol erreichte und Grönland durchquerte. Gemeinsam erkundeten wir Höhlen und Berge.
Einmal stürzte ich beim Aufstieg auf Islands höchsten Berg in eine Gletscherspalte und blieb nur noch an den Seilen hängen. Ich wäre beinahe gestorben – und irgendwie war es trotzdem großartig. Heute gehe ich das Ganze etwas entspannter an.
Meine Touren sind weniger Expeditionen als früher und besser mit dem Arbeitsalltag vereinbar. Aber gelegentlich verbringe ich immer noch zehn Tage völlig ohne Internet oder Telefon allein in der Wildnis – nur mit Karte und dem Nötigsten zum Überleben. In dieser absoluten Funkstille entstehen oft die klarsten Gedanken.
War „New Man“ ein Wendepunkt?
BANDUP: Du hast einmal gesagt, dass es eine Zeit gab, in der du die Person, zu der du geworden warst, nicht mehr ertragen konntest. Das ist eine sehr ehrliche Aussage. Wie hat sich dieser innere Konflikt im Songwriting zu „New Man“ niedergeschlagen, und welcher Song der EP kommt diesem Wendepunkt am nächsten?
Freyr: So habe ich damals tatsächlich empfunden. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass ich mich wegen jeder noch so kleinen persönlichen Niederlage selbst fertiggemacht habe. Ich hatte das Gefühl, mein Leben komplett gegen die Wand gefahren zu haben – durch Entscheidungen, die ich getroffen und Situationen, die ich selbst geschaffen hatte. Musik war für mich schon immer der Weg, meinen Kopf freizubekommen und Gefühle zu verarbeiten.
Ich glaube, jeder Mensch braucht irgendeine Form von Ventil. Man kennt diese Nächte, in denen man wachliegt und über Fehler nachdenkt, die man gemacht hat – oder darüber, was man hätte anders machen können, selbst wenn es Jahre zurückliegt. Während ich „New Man“ schrieb, musste ich mich all diesen Gedanken stellen und mir letztlich selbst vergeben, um weitermachen und meinen Selbstrespekt zurückgewinnen zu können.
Die EP trägt den Titel des Songs „New Man“, weil genau dieses Stück den Moment einfängt, in dem man entscheidet: Jetzt reicht es. Ab diesem Punkt beschäftigen sich die folgenden Songs eher mit den Entdeckungen, die danach kommen – mit Dankbarkeit, den schönen Seiten des Lebens und der Freude an den Menschen und Dingen, die eigentlich schon immer da waren, die man aber erst wahrnimmt, wenn man bewusst hinsieht.
Für mich war „New Man“ genau der Anstoß, den ich brauchte, um wieder die richtige Richtung einzuschlagen. Diese Ehrlichkeit gehört für mich auch zu meinem Beruf als Künstler. Nach der Veröffentlichung schrieben mir viele Menschen, dass sie den Song zum Beispiel jeden Montag hören, um sich Mut zu machen. Es freut mich sehr, dass die Musik genau diesen Effekt haben kann und anderen Kraft gibt, die sich ähnlich fühlen wie ich damals.
Das Gesetz von Jante
BANDUP: „New Man“ beschäftigt sich mit Loslassen, Selbstakzeptanz und dem Wiederfinden von Zugehörigkeit. Gab es bestimmte Beziehungen, Erlebnisse oder Momente, die diese Songs ausgelöst haben?
Freyr: Nicht ohne Grund sagt man, dass die Musikbranche ein hartes Pflaster ist. Sie ist in vielerlei Hinsicht ein sehr unsicheres Leben. Während alle anderen scheinbar ihren Weg gehen, Anwälte, Ärzte oder Handwerker werden, sitzt man oft allein in einem dunklen Studio und fragt sich, ob überhaupt jemand die eigene Musik hört. Man fühlt sich verloren und hat das Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören.
Jeder möchte Spuren hinterlassen oder zumindest das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun. Zweifel werden irgendwann Teil des eigenen Selbstbildes. Man fragt sich, ob das wirklich alles ist, wozu man fähig ist. Gleichzeitig muss man an sich glauben, um überhaupt weitermachen und neue Musik erschaffen zu können.
Und Schwede zu sein macht es nicht unbedingt leichter. In Skandinavien sind wir stark vom sogenannten „jantelagen“ geprägt – der Vorstellung, dass man sich niemals für besser halten sollte als andere. Irgendwann wurde mir klar: Jeder Mensch ist in der Lage, seine Ziele zu erreichen. Wir wünschen uns nur nicht alle dasselbe.
Jeder besitzt seine eigene Stärke – unabhängig davon, ob er einen klassischen Bürojob hat oder einen völlig anderen Weg geht. Wichtig ist nur, nicht ständig zu glauben, dass das Gras auf der anderen Seite grüner ist. Vielleicht kann man das Jantelagen sogar positiv verstehen: als Erinnerung daran, dass wir alle gleichermaßen etwas erreichen können.
Was ist bei dieser EP anders?
BANDUP: Deine früheren Veröffentlichungen „Nicotine Bunker“ und „Night and Day“ legten den Grundstein. „New Man“ wirkt dagegen deutlich fokussierter und selbstbewusster. Was hast du aus diesen beiden Projekten gelernt?
Freyr: Früher habe ich Songs immer wieder umgeschrieben und oft regelrecht überarbeitet. Bei „New Man“ durfte jeder Song einfach den Moment festhalten, in dem er entstanden ist. Ich glaube, ich werde jedes Jahr produktiver.
Dadurch kann ich inzwischen aus vielen Songs bewusst diejenigen auswählen, die ich mit der Welt teilen möchte. Auch bei meiner Stimme wollte ich immer möglichst natürlich klingen – so, wie meine Stimme eben ist, ohne sie einem bestimmten Ideal anzupassen.
Es gibt keinen Sänger, nach dem ich klingen möchte, und ich habe nie eine klassische Gesangsausbildung gemacht. Perfektion interessiert mich nicht besonders. Einige meiner Lieblingssänger kommen aus dem Blues, wo Ausdruck wichtiger ist als technische Makellosigkeit. Außerdem basiert „New Man“ überwiegend auf Live-Aufnahmen statt auf unzähligen übereinandergelegten Spuren.
Wir haben zunächst Bass, zwei Gitarren und Drumcomputer gemeinsam aufgenommen und daraus das Fundament der Songs aufgebaut. Ich liebe diese Arbeitsweise, weil sie menschlicher klingt. In einer Zeit, in der so vieles maschinell perfektioniert wird, gefällt mir die Idee, etwas zu schaffen, das auf eine unperfekte Weise perfekt ist.
BANDUP: Du wirst häufig mit Künstlern wie Sufjan Stevens oder Sigur Rós verglichen. Welche Songwriter oder Künstler – vielleicht auch weniger offensichtliche – haben dein Verständnis von Melodie, Geschichten und emotionaler Ehrlichkeit geprägt?
Freyr: Ich werde wahrscheinlich deshalb oft mit Sufjan Stevens oder Sigur Rós verglichen, weil Künstler wie sie den Weg dafür bereitet haben, dass Musik wie meine überhaupt ein Publikum finden konnte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich „To Be Alone With You“ von Sufjan Stevens hörte und dachte: Es ist schön zu sehen, dass großartige Musik erfolgreich sein kann, auch wenn sie nicht dem Mainstream entspricht.
Die Musikgemeinschaft sorgt dafür, dass solche Künstler gehört werden. Ich bewundere sie sehr, aber ich klinge trotzdem nicht wie sie. So sehr ich ruhige Musik liebe, schreibe ich selbst erstaunlich selten solche Songs.
Zu meinen Lieblingsstücken gehören außerdem „Friendship“ von Pop Staples – wegen der Ehrlichkeit des Textes, des langsamen Tempos und der wunderbaren Phrasierung –, „Big Iron“ von Marty Robbins mit seiner großartigen Baritonstimme und der Art, wie die Geschichte beim Zuhören wie ein Film im Kopf entsteht.
Ebenso liebe ich „Everywhere Home“ von Yom und seine außergewöhnliche Klarinettenarbeit, die Bluesmelodien und komplexe Rhythmen miteinander verbindet, ohne unzugänglich zu wirken. „Chet Atkins‘ Jam Man“ ist für mich reine Musik – einfach Musik um der Musik willen.
Und ein Song, den ich wohl niemals satt haben werde, ist „Ohio „von Damien Jurado. Er beginnt ganz unscheinbar und entwickelt sich dann mit überraschenden Momenten immer weiter. Es wirkt fast so, als würde er aus einem Buch vorlesen. Für mich ist das unglaublich poetisches Songwriting.
Wie prägt ständiges Umziehen die Identität?
BANDUP: Du bist schwedisch-isländischer Herkunft und hast in mehreren Ländern gelebt und Musik geschrieben. Wie hat dieses ständige Unterwegssein dein Verständnis von Heimat, Identität und Veränderung geprägt?
Freyr: Die neue EP entstand über einen Zeitraum von zwei Jahren. In dieser Zeit zog ich mehrfach um – jedes Mal mit der festen Absicht, dauerhaft zu bleiben: vom Norden Schwedens zunächst nach Deutschland, anschließend nach Singapur und schließlich nach Spanien.
Der Song „Same Old“ entstand genau aus dieser Erfahrung: Immer wieder von vorn anfangen zu müssen und sich jedes Mal eine neue Alltagsroutine aufzubauen, ohne wirklich Wurzeln schlagen zu können.
Natürlich ist es nicht einfach, alle seine Besitztümer – vor allem Instrumente – alle paar Jahre in ein anderes Land oder sogar auf einen anderen Kontinent zu bringen. Gleichzeitig habe ich heute viele Orte auf der Welt, die sich wie ein Zuhause anfühlen.
Zu meinen engsten Freunden gehören Menschen aus dem Libanon, Singapur, Deutschland, Spanien, China, Kolumbien und natürlich Schweden. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Auch verschiedene Kulturen fühlen sich inzwischen vertraut an. Auch verschiedene Kulturen fühlen sich inzwischen vertraut an.
Ich weiß heute zum Beispiel genau, was man beim chinesischen Neujahrsfest tun – und besser nicht tun – sollte. Manchmal wünsche ich mir sogar ein Programm, bei dem Menschen, die Angst vor Fremden haben, geförderte Reisen unternehmen könnten, um dieses „Wir gegen sie“-Denken zu überwinden.
Denn letztlich wünschen sich Menschen überall auf der Welt dieselben Dinge: Liebe, Lachen, Familie – und gutes Essen. „Castle in the Sky“ war zwar nicht ausdrücklich als Lied über den Weltfrieden gedacht, aber man kann es durchaus so verstehen.
BANDUP: Du bist heute ein anderer Mensch als früher. Welchen Rat würdest du Menschen geben, die sich gerade ebenfalls verändern oder persönlich wachsen möchten?
Freyr: Wenn man einen Berg besteigt, sieht man zunächst nur den nächsten Geländerücken. Hält man ihn für den Gipfel, wird man enttäuscht sein, sobald dahinter der nächste auftaucht. Deshalb sollte man immer damit rechnen, dass noch ein weiterer Abschnitt folgt. Gleichzeitig lohnt es sich, alle paar Monate einmal stehen zu bleiben, zurückzuschauen und sich bewusst zu machen, wie weit man bereits gekommen ist.
BANDUP: Zum Abschluss: Welchen Song eines anderen Künstlers möchtest du unserer Community aktuell besonders ans Herz legen?
Freyr: Im Moment höre ich sehr gerne einen wunderschönen Song namens „Time passes by“ von dem jungen und vielversprechenden Künstler Ryan Taylor.
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