Jinka: „100 Jahre Sex ist wahrscheinlich mein romantischster Song“

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Jinka verbindet Trap mit Bloghouse-Ästhetik, Camp mit gesellschaftskritischem Anspruch und sexuelle Selbstermächtigung mit der Sehnsucht nach Beständigkeit.

Die Berliner Produzentin und Künstlerin bewegt sich zwischen Provokation und Poesie, zwischen Oberflächenglanz und intellektueller Tiefe. Mit ihrer neuen Single „100 JAHRE SEX“ liefert sie ihren vielleicht romantischsten Song – verpackt in einen Titel, der erst einmal nach allem anderen klingt.

Im Interview spricht Jinka über Missverständnisse, Weiblichkeit als Performance, das Sleaze-Revival und darüber, warum Leidenschaft und langfristige Liebe keine Gegensätze sein müssen. Außerdem erklärt sie, warum Produzentinnen endlich sichtbarer werden sollten und was Grimes damit zu tun hat.

Ich bin Musikproduzentin und Künstlerin aus Berlin-Moabit. Meine Musik verbindet Trap mit dem Sound der Bloghouse- und MySpace-Ära der späten 2000er und frühen 2010er Jahre. Inhaltlich bewege ich mich oft zwischen Sexualität, Weiblichkeit, Fashion, Camp und gesellschaftlichen Widersprüchen. Mich interessiert dabei weniger die Oberfläche als die gesellschaftlichen Regeln, die diese Themen sichtbar machen.

BANDUP: Deine Texte sind sehr provokant, gleichzeitig aber sehr durchdacht. Wo liegt für dich der Unterschied zwischen Provokation und Selbstermächtigung?

Jinka: Ich glaube, Provokation wird oft von außen zugeschrieben, während Selbstermächtigung von innen kommt. Viele lesen meine Musik zuerst als provokant, weil sie sich mit Sexualität, Weiblichkeit oder Glamour beschäftigt. Für mich sind das Themen, mit denen ich mich ganz selbstverständlich auseinandersetze, weil sie in unserer Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Selbstermächtigung beginnt für mich dort, wo Entscheidungen möglichst frei getroffen werden können.

Deshalb finde ich den Begriff Empowerment manchmal schwierig. Er wird oft wie ein Label benutzt, das etwas automatisch legitimiert – zum Beispiel Selbstsexualisierung. Mich interessiert aber weniger die Entscheidung selbst als die Frage, wie frei sie wirklich getroffen wurde. Ich schaffe das natürlich selbst nicht immer. Mich beeinflussen gesellschaftliche Erwartungen genauso wie viele andere Menschen.

Gerade deshalb beschäftigt mich das Thema so sehr. Für mich bedeutet Selbstermächtigung nicht, frei von diesem Druck zu sein, sondern ihn wahrzunehmen und trotzdem immer wieder den Versuch zu machen, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben.

Schließt Leidenschaft langfristige Liebe wirklich aus?

BANDUP: Was glaubst du, wird an deiner Musik am häufigsten missverstanden und wie gehst du damit um?

Jinka: Ich glaube, am häufigsten wird missverstanden, dass meine Lyrics sehr wörtlich gelesen werden. Viele denken, ich würde alles eins zu eins meinen – no babe, it’s camp. Tatsächlich interessiert mich aber weniger die Oberfläche als das, was sie über unsere Gesellschaft verrät. Ich arbeite oft mit extremer Übertreibung und unerwarteter Bildsprache. Nicht, weil ich schockieren möchte, sondern weil dadurch Regeln sichtbar werden, die ohnehin schon existieren.

Mich interessiert zum Beispiel, warum manche Menschen irritiert oder provoziert reagieren, wenn ich – so wie ich bin und aussehe – über Sexualität rappe. Würde dieselbe Line anders wahrgenommen werden, wenn ich einem anderen Schönheitsideal entspräche? Yes. Warum werden manche Formen von Weiblichkeit zum Beispiel auch in der Musikindustrie belohnt, während andere kritisiert oder unterschätzt werden? Das ist die zweite intellektuelle Ebene, auf die ich hinaus möchte. Sie zeigt sich oft erst darin, wie Menschen auf mich reagieren.

BANDUP: Der Titel deiner neuen Single „100 JAHRE SEX“ klingt erst einmal nach Provokation. Tatsächlich geht es aber um Sehnsucht nach Beständigkeit. War dir dieser Kontrast wichtig? Und was bedeutet der Song für dich persönlich?

Jinka: Ja, der Kontrast war mir sogar sehr wichtig. Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich jemanden kennengelernt habe, bei dem ich sofort das Gefühl hatte: Mit dieser Person möchte ich mein Leben verbringen. Mich beschäftigt schon länger die Frage, warum wir Leidenschaft und langfristige Liebe oft als Gegensätze erzählen.

In meinem Umfeld erlebe ich immer wieder, wie die Jagd nach dem nächsten Dopamin-Kick und der nächsten Person für viele Menschen am Ende nicht genug ist. Eigentlich wünschen sich die meisten Vertrauen, Beständigkeit und jemanden, mit dem sie ihr Leben verbringen möchten. Für mich schließt sich das überhaupt nicht aus.

Im Gegenteil: Ich habe manchmal das Gefühl, dass uns ständig erzählt wird, körperliche Intimität und Beständigkeit würden sich gegenseitig ausschließen. Fast so, als hätten wir diese Propaganda irgendwann verinnerlicht. Dabei gibt es viele Menschen, für die Vertrauen überhaupt erst die Voraussetzung dafür ist, dass körperliche Nähe entstehen kann.

Ich glaube deshalb nicht, dass sich beides ausschließt. Ich glaube, dass eine Beziehung auch nach vielen Jahren noch leidenschaftlich sein kann. Genau davon handelt „100 JAHRE SEX“. Der Titel klingt provokant, aber eigentlich ist es wahrscheinlich mein romantischster Song.

Wer hat deine Hyper Performance von Feminität geprägt?

BANDUP: Hast du das Gefühl, dass Deutschland bereit ist für Trap Sleaze oder musst du dir dein Publikum gerade erst erschaffen?

Jinka: Ich glaube nicht, dass man auf den richtigen Zeitpunkt warten sollte, auch wenn Trap Sleaze in Deutschland definitiv noch eine Nische ist. International habe ich meine Community schon über TikTok und Instagram gefunden. Mit Ava Lions ist daraus inzwischen sogar eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft entstanden.

Wir erleben aktuell ja auch ein echtes Sleaze-Revival. Warum also nicht auch im Trap? Ich glaube, das liegt daran, dass sich viele Menschen gerade nach dem Vibe dieser Zeit sehnen – nach einem Gegengewicht zu unserer digitalen Welt, in der ständig alles optimiert, kuratiert und bewertet wird. Und der Crossover zwischen Sleaze und Rap ist schließlich auch nichts Neues: Kreayshawn und Uffie haben diesen Mix schon vor über zehn Jahren auf ihre eigene Weise vorgelebt.

BANDUP: „Wenn man Themen benennen will, dann sind meine Lyrics und meine Künstleridentität eine Hyper Performance von Sexualität, Feminität, Popkultur-Referenzen und Fashion“. Hast du in diesen Bereichen bestimmte Vorbilder, die dich inspirieren?

Jinka: Kreayshawn und Uffie haben mich geprägt, weil sie Rap mit der Bloghouse- und Sleaze-Ästhetik verbunden haben – lange bevor es dafür überhaupt einen Begriff gab. Grimes war für mich unglaublich wichtig, weil sie vorgelebt hat, dass man gleichzeitig Artist, Produzentin und Creative Director sein kann.

Tommy Genesis hat mir gezeigt, dass sexuell explizite Lyrics poetisch und verletzlich sein können. Slayyyter hat mich mit ihrer kompromisslosen Pop-Ästhetik und ihrem Umgang mit Camp inspiriert. Genauso prägend für mich waren aber auch Fashion-, Internet- und Sleaze-Era-It-Girls wie Cory Kennedy oder Sky Ferreira.

Haben wir verlernt, Beziehungen Zeit zu geben?

BANDUP: Weiblichkeit ist ein sehr großes Thema in deiner Musik wie auch Ästhetik. Was verbindest du persönlich damit und was würdest du jungen Frauen raten, die das Gefühl haben, ihre Verbindung dazu verloren zu haben?

Jinka: Ich möchte niemandem erzählen, wie Weiblichkeit richtig funktioniert. Im Gegenteil: Ich glaube, jede Frau sollte die Freiheit haben, ihre eigene Definition davon zu finden – egal ob laut oder leise, glam oder demure oder was immer sich für sie richtig anfühlt.

Wenn ich jungen Frauen etwas mitgeben könnte, dann vielleicht das: Fragt euch nicht ständig, ob ihr eine gesellschaftlich definierte Form von Weiblichkeit ausreichend verkörpert oder wie ihr euch ihr noch stärker annähern könnt, um akzeptierter zu werden. Definiert selbst mit, was Weiblichkeit sein kann.

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BANDUP: Dating ist heutzutage für viele ein sehr schwieriges Thema, verbunden mit Schnelllebigkeit, Austauschbarkeit, Bindungsangst usw. Wie siehst du diese Entwicklung?

Jinka: Wir leben in einer Zeit, in der ständig um unsere Aufmerksamkeit konkurriert wird und unser Fokus permanent von einem Reiz zum nächsten wechselt. Das verändert natürlich auch, wie wir Beziehungen wahrnehmen.

Ich glaube, dass wir dadurch selbst im Dating immer stärker anfangen, nach Neuheit zu suchen. Ich denke trotzdem nicht, dass Bindung für viele Menschen unattraktiver geworden ist. Vielleicht haben wir auch manchmal einfach gar nicht mehr die Ruhe oder die Kraft, einer Beziehung die Zeit und Aufmerksamkeit zu geben, die sie braucht, um wirklich zu wachsen.

BANDUP: Was ist dein größtes Ziel mit dem Projekt Jinka? Gibt es einen Meilenstein, auf den du aktuell gezielt hinarbeitest?

Jinka: Ich wünsche mir, dass mein Künstlerprojekt auch meine Arbeit als Produzentin sichtbarer macht. Es gibt unglaublich viele talentierte Produzentinnen, aber oft kennt man ihre Namen nur, wenn man selbst Teil der Musikindustrie ist.

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Ich würde mir wünschen, dass sich das verändert. Grimes war für mich in dieser Hinsicht ein wichtiges Vorbild. Wenn ich es irgendwann schaffen würde, als Artist und Produzentin eine ähnliche Sichtbarkeit zu erreichen und dadurch andere junge Frauen dazu zu ermutigen, selbst zu produzieren, wäre das für mich einer der größten Erfolge überhaupt. Aktueller Meilenstein? Mehr Collabs und dann Splash Show mit den feat. Baddies.

Mit wem würdest du als nächstes ins Studio gehen wollen?

BANDUP: Du hast auf „Stalker Alert“ bereits mit 6euroneunzig zusammengearbeitet. Mit wem würdest du noch gerne ein Feature aufnehmen?

Jinka: Bei „Stalker Alert“ war ich Produzentin und habe keinen eigenen Part. Bei Produzentinnen ist das leider noch nicht so selbstverständlich wie bei Produzenten, deshalb fällt das oft gar nicht auf. Als Artist könnte ich mir eine Collab mit Tara Emily vorstellen. Ich finde, dass ihre Lore von allen deutschen Female-Rap-Artists am ehesten mit meiner matcht. Bei Charlize wäre ich aber auch sofort down.

BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdest du unserer Community aktuell gern ans Herz legen?

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Jinka: Fetish – Roberto Cavalli

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