Rika Bender über „Blut & Beton“: Zwischen System & Selbstbestimmung

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Rika Bender macht deutschsprachigen Post-Punk mit Texten, die gesellschaftliche Strukturen hinterfragen und von dem Gefühl erzählen, nicht in vorgegebene Systeme passen zu wollen.

Mit ihrem Debütalbum „Blut & Beton“ zeigt sie sich unbequem, verletzlich und kompromisslos zugleich.

Zwei Jahre lang hat sie an diesem Album gearbeitet, das mehr als nur eine Sammlung von Songs ist. Es ist ein Statement für Selbstbestimmung, für das Recht, anders zu sein, und gegen blinde Anpassung.

Im Interview spricht Rika über den Entstehungsprozess, den Spagat zwischen Streaming und Vinyl, die Herausforderungen von Social Media und darüber, warum manchmal die beste Lösung darin besteht, nicht mitzuspielen.

[…] Meine Songs können laut und unbequem sein, aber genauso verletzlich. Ich glaube, dieser Widerspruch beschreibt meine Musik ganz gut: wild, aber weich. Laut, aber mit Gefühl.

BANDUP: Deine Musik ist ziemlich direkt und behandelt gesellschaftliche Themen und Konflikte. Was möchtest du mit deiner Musik bei den Menschen auslösen und wie kam es überhaupt, dass du damit angefangen hast?

Rika Bender: Ich schreibe eigentlich immer über Dinge, die mich selbst beschäftigen. Das können persönliche Konflikte sein, aber auch gesellschaftliche Strukturen oder Erwartungen, bei denen ich mich frage: Warum machen wir das eigentlich so?

Ich hatte schon immer Schwierigkeiten damit, Dinge einfach zu akzeptieren, nur weil sie eben so gemacht werden. Mir geht es dabei aber nicht darum, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen.

Im Gegenteil. Ich möchte eher etwas anstoßen. Ich finde es spannend, wenn jemand einen Song hört und danach vielleicht über etwas nachdenkt, das vorher selbstverständlich erschien.

Und natürlich steckt auch viel von mir selbst darin. Dieses Gefühl, nicht richtig in bestimmte Systeme zu passen, sich nicht anpassen zu wollen und trotzdem seinen Platz zu suchen, zieht sich ziemlich stark durch meine Musik.

„Mein eigener Sound hat sich eher entwickelt„

BANDUP: Du machst sogenannten Post-Punk. Wie hast du diese Musikrichtung für dich entdeckt?

Rika Bender: Ich bin stark mit Musik aus den 80ern verbunden und mochte schon immer diese Mischung aus Melancholie und Tanzbarkeit.

Bands wie The Cure oder Depeche Mode haben mich geprägt, aber ich höre genauso neuere Künstler:innen aus Post-Punk, New Wave und Dark Wave.

Ich habe mich allerdings nie hingesetzt und beschlossen: „So, jetzt mache ich Post-Punk.“ Mein eigener Sound hat sich eher entwickelt.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass genau diese dunkleren Gitarren, Synthesizer, treibenden Bässe und diese gewisse Kühle sehr gut zu meiner Stimme und zu dem passen, was ich erzählen möchte.

BANDUP: Du hast mal gesagt: „Eine Single ist ein Moment, ein Album ist eine Entscheidung. Man kann sich nicht mehr hinter drei Minuten verstecken, sondern muss sagen, wofür man steht.“ Wie fühlt sich dieser Release also jetzt für dich an? Wofür stehst du mit diesem Album?

Rika Bender: Mit „Blut & Beton“ stehe ich vor allem für Selbstbestimmung. Dafür, unbequem sein zu dürfen, Dinge infrage zu stellen und nicht automatisch mitzuspielen, nur weil etwas gesellschaftlich als normal gilt.

Gleichzeitig geht es aber auch um Verletzlichkeit, Zweifel und das Gefühl, manchmal überhaupt nicht zu wissen, wo der eigene Platz ist. Ich möchte mit dem Album auch gar nicht behaupten, auf alles eine Antwort zu haben.

Vielleicht ist genau das der Punkt: selbst denken, fühlen, zweifeln, widersprechen und seinen eigenen Weg gehen.

Leidenschaft und Kälte

BANDUP: Das Album heißt „Blut & Beton“. Was steckt hinter diesem Titel?

Rika Bender: Für mich stehen die beiden Wörter für einen starken Gegensatz. Blut ist etwas Lebendiges, Menschliches, Emotionales. Es steht für Verletzlichkeit, Leidenschaft und auch dafür, dass etwas weh tun kann. Beton ist dagegen hart, kalt und starr.

Und genau diese Spannung finde ich auf dem Album immer wieder: der einzelne Mensch mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Widersprüchen auf der einen Seite – und auf der anderen Seite Strukturen, Erwartungen und Systeme, in die man irgendwie hineinpassen soll. „Blut & Beton“ beschreibt für mich dieses Aufeinanderprallen ziemlich gut.

BANDUP: Auf einem Album hält man zwangsläufig auch Dinge fest, die man später vielleicht anders sieht. Gibt es auf „Blut & Beton“ eine Zeile oder einen Gedanken, bei dem du heute sagst: „Das würde ich inzwischen nicht mehr 1:1 so schreiben“?

Rika Bender: Eigentlich nicht. Natürlich entwickle ich mich weiter und vielleicht würde ich manche Dinge heute anders formulieren.

Aber ein Song ist für mich auch immer eine Momentaufnahme. Ich finde, man darf hören, wer ich zu dem Zeitpunkt war und wie ich damals über etwas gedacht habe.

Man muss sich auch mal trauen, nicht mitzuspielen

BANDUP: Im Song „Kreis“ geht es um jemanden, der nicht reinpasst und nicht mitspielen will. Kannst du dich selbst mit dem Gefühl identifizieren?

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Rika Bender: Ja, total. Wahrscheinlich ist das sogar eines der Themen, mit denen ich mich am stärksten identifizieren kann. Ich hatte schon sehr früh das Gefühl, dass ich in bestimmte vorgegebene Systeme nicht besonders gut hineinpasse.

Früher habe ich den Fehler oft bei mir gesucht und mich gefragt, warum mir manche Dinge schwerfallen oder warum ich nicht einfach so funktionieren kann, wie es scheinbar von einem erwartet wird.

Heute sehe ich das anders. Ich muss nicht überall reinpassen. Und nur weil viele Menschen etwas auf eine bestimmte Art machen, bedeutet das nicht automatisch, dass es auch für mich richtig ist.

Genau darum geht es für mich bei „Kreis“: Manchmal besteht die Lösung nicht darin, sich noch stärker anzupassen. Manchmal muss man sich trauen, nicht mitzuspielen.

„Manchmal muss man einfach anfangen […]“

BANDUP: Das Album ist innerhalb von zwei Jahren entstanden. Wie hast du dich in dieser Zeit entwickelt und was würdest du sagen, hast du in diesem Prozess gelernt?

Rika Bender: Ich glaube, ich bin in dieser Zeit vor allem selbstbewusster darin geworden, meiner eigenen Intuition zu vertrauen. Früher habe ich viel stärker darüber nachgedacht, ob etwas richtig ist, ob es funktioniert oder wie es bei anderen ankommt.

Das mache ich natürlich immer noch manchmal, aber ich merke immer mehr, dass die interessantesten Sachen eigentlich dann entstehen, wenn ich nicht versuche, irgendeiner Erwartung zu entsprechen.

Auch musikalisch habe ich viel ausprobiert und dadurch klarer verstanden, was Rika Bender eigentlich sein soll – und gleichzeitig gelernt, dass ich mich damit nicht selbst einsperren möchte.

Ich darf mich verändern, Dinge ausprobieren und auch mal etwas machen, das vielleicht nicht hundertprozentig in irgendeine Genre-Schublade passt. Und ich glaube, ich habe gelernt, dass Entwicklung nicht immer bedeutet, einen perfekten Plan zu haben.

Manchmal muss man einfach anfangen, Entscheidungen treffen und unterwegs herausfinden, wo es hingeht.

Sind Streamingportale Fluch oder Segen?

BANDUP: Du hast mittlerweile schon einige Playlist-Listings bei Streaming-Plattformen, verkaufst dein neues Album aber auch auf Vinyl. Wie stehst du zu Musikkonsum über Streamingportale?

Rika Bender: Ich sehe Streaming ein bisschen zwiespältig. Auf der einen Seite hat es mir unglaublich viel gebracht. Menschen entdecken meine Musik über Playlists, die mich sonst wahrscheinlich nie gefunden hätten, und Musik ist dadurch wahnsinnig leicht zugänglich geworden.

Auf der anderen Seite finde ich es schwierig, welchen Wert Musik dadurch teilweise bekommen hat. Man hat Millionen Songs jederzeit verfügbar und skippt nach ein paar Sekunden weiter.

Hinter einem Song stecken aber manchmal Monate an Arbeit, Geld und sehr viele Menschen – und für kleinere Artists steht das, was finanziell über Streaming zurückkommt, oft in keinem Verhältnis dazu. Deshalb bedeutet mir Vinyl auch viel.

Man entscheidet sich bewusst für ein Album, nimmt es in die Hand, hört vielleicht eine ganze Seite durch und beschäftigt sich mit Artwork und Texten. Das eine muss das andere nicht ersetzen, glaube ich.

Ich nutze selbst Streaming. Ich wünsche mir nur, dass Musik trotz dieser ständigen Verfügbarkeit ihren Wert behält.

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Social Media als Erweiterung der künstlerischen Welt

BANDUP: Du bist auch auf TikTok und anderen Social Media Kanälen aktiv. Mittlerweile muss man wissen, wie man sich auf den sozialen Medien vermarkten kann und es ist schwierig, die Tiefe der Musik richtig rüberzubringen. Wie ist das für dich? Tust du dich damit schwer oder ist das für dich weniger ein Problem? Und was hältst du von den sozialen Medien als „Werbeplattform“?

Rika Bender: Das ist für mich tatsächlich Fluch und Segen zugleich. Ich mag Social Media und beschäftige mich auch gerne damit.

Es ist großartig, dass ich theoretisch ein Video hochladen und damit Menschen erreichen kann, ohne darauf warten zu müssen, dass irgendein Gatekeeper entscheidet, ob meine Musik stattfinden darf.

Gleichzeitig finde ich diese permanente Erwartung schwierig, als Musikerin gleichzeitig Content Creatorin sein zu müssen. Ein Song, an dem man monatelang gearbeitet hat, soll plötzlich in den ersten zwei Sekunden eines Videos funktionieren.

Und wenn etwas nicht performt, ertappt man sich schnell dabei, Zahlen mit der Qualität der eigenen Kunst zu verwechseln. Ich versuche deshalb inzwischen, Social Media mehr als Erweiterung meiner künstlerischen Welt zu sehen.

Ich möchte dort nicht nur sagen: „Hier ist mein neuer Song, bitte streamen“, sondern auch zeigen, wer ich bin – über Musik, Ästhetik, Outfits oder Dinge, über die ich nachdenke. Trotzdem finde ich es wichtig, dass am Ende nicht der Algorithmus entscheidet, welche Musik ich mache.

Mit wem würdest du gerne zusammenarbeiten?

BANDUP: Auf deiner letzten Single „Gift im Kopf“ hast du mit Tigerjunge zusammengearbeitet. Mit welchen Artists oder auch Produzenten würdest du in Zukunft gerne mal zusammenarbeiten?

Rika Bender: Da gibt es einige. Sehr spannend fände ich eine Zusammenarbeit mit Ritual Howls, weil ich diese düstere, hypnotische Atmosphäre und die Mischung aus Post-Punk und elektronischen Elementen sehr mag.

Carpenter Brut wäre natürlich auch ein Traum – gerade diese massive, kompromisslose elektronische Energie in Verbindung mit meinem Sound fände ich extrem spannend.

Und Twin Noir könnte ich mir ebenfalls sehr gut vorstellen, weil es musikalisch näher an meiner eigenen Welt liegt und ich glaube, dass daraus etwas sehr Eigenes entstehen könnte.

Generell reizen mich Kollaborationen besonders dann, wenn nicht einfach zwei ähnliche Sachen zusammengeworfen werden, sondern etwas entsteht, das beide Seiten ein bisschen aus ihrer gewohnten Ecke zieht.

BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdest du unserer Community aktuell gern ans Herz legen?

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Rika Bender: Meinen neuen Song „Kreis“. Wenn ihr euch auch manchmal fragt, warum ihr bei dem ganzen Zirkus eigentlich mitspielen sollt – hört rein.

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