„nichtsmehrda“: georgustavs EP über Verlust, Entfremdung und Weitermachen
Was bleibt, wenn Erinnerungen noch gar nicht anfangen konnten? Ist dann auch „nichtsmehrda“? Der Wiener Indiepop-Musiker georgustav hat vergangenen Freitag seine Debüt-EPveröffentlicht, und wer sich darauf einlässt, bekommt Lebensprotokoll-Pop mit zartem Klavierspiel und ungewöhnlich getakteter Kopfstimme.
In die Songs auf der EP kann man sich sehr gut selbst hineinfühlen, auch wenn sie einen selbst gar nicht betreffen. Wie genau georgustav das macht, weiß ich nicht, aber es ist ziemlich bemerkenswert. Er erzählt von Liebe, dann dem partnerschaftlichem Stürzen, von Verlust, dann von dem Weitermachen. Songs wie „gehtsdirwiedergut“ kreisen um eine Unfallnacht, „poltergeist“ mit Emma Josephine lässt alte Geister durch neue Beziehungen spuken.
Weiß nicht, wie deine Stimme klingt
Weil man sie auf Bildern nicht hör’n kann
Den Kern der EP bildet „allesohnedich“, ein Song über die früh verstorbene Mutter des Dreiundzwanzigjährigen, der die ganze Absurdität eines Verlustes einfängt, der nie verarbeitet werden kann. „Ich kenn‘ dich länger nicht, als du mich gekannt hast“, singt georgustav, eine Zeile, die ziemlich nüchtern beschreibt, was passiert, wenn ein Mensch fehlt, an den man sich nicht mal erinnern kann. Schultüte, Auszug, erste Liebe, eigene Konzerte: alles ohne sie geschafft, aber auch alles mit einem unsichtbaren Abdruck.
„Und manchmal wein‘ ich bitterlich/Doch ich hab‘ dabei noch nie an dich gedacht“. Ziemlich ehrlich, oder? Es geht nicht unbedingt um sentimentale Trauer, sondern um die Frage, wer man ohne diesen Verlust geworden wäre und ob das überhaupt eine Rolle spielt. Drumherum sind weitere Stücke, die zwischen Schwere und Leichtigkeit balancieren: „unwichtigedinge“ bricht mit durchaus ironischem Unterton die Traurigkeit auf, „auchdann“ schließt mit Streichern versöhnlich ab.
Wien, Schallplattenregale und poesie
georgustav ist im zweiten Wiener Bezirk aufgewachsen, umgeben von Schallplattenregalen im Wohnzimmer, Klavierunterricht, Schulband, Chorprobe und Cafe-Kultur. In seinen Texten trifft Verletzlichkeit auf Beobachtungsgabe, Sehnsucht auf Realitätssinn. In seiner Poesie ist er Lebensratgeber, Schulter zum Anlehnen und Spiegel zugleich. Viellicht kommt das deshalb so real rüber, weil er, wie wir alle Suchender ist: manchmal ist er enttäuscht von der Liebe, manchmal lenkt er über „unwichtigedinge“ mit Freund*innen ab, dann blickt er wieder sarkastisch in Richtung Zukunft.
Die Balladen auf „nichtsmehrda“ haben Hit-Melodien, einen Off-Pop-Charme und eine Bedroom-Atmosphäre. Kann Musik von etwas erzählen, das man selbst nie erlebt hat und einen trotzdem mitten ins Herz treffen? Wie ging es euch mit „nichtsmehrda“?
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