Voran Voran über Baseballschlägerjahre: Ein Song, der im Körper bleibt

von

Anzeige*

Chemnitz, frühe 2000er. Ein Auto hält neben einem, das Nummernschild sagt alles. Sören Gruner, Sänger und Gitarrist von Voran Voran, hat diesen Moment erlebt. Seine Freundin wurde bei dem Angriff schwer verletzt, sein eigenes Auge war danach matsch.

Jetzt ist dieser Moment ein Song. Voran Voran veröffentlichten am Freitag ihre neue Single „Baseballschlägerjahre“. Das ist die zweite Auskopplung aus der EP „Zeit der großen Pest“, die am 1. Mai 2026 vollständig erscheint.

Szenen statt Erklärungen

Der Track funktioniert nicht über politische Ansagen, sondern über Bilder: Schlüssel in der Hand, Asphalt, Springerstiefel, eine Kippe die auf Haut gedrückt wird. Der Text zeigt Gewalt so konkret, dass man die Kälte spürt, und gleichzeitig so lakonisch, dass er einem den Atem verschlägt. Dazu dieses Bild: vom Bordstein aus Orion sehen. Sterne über einem, Roter Schnee unter einem. Das ist keine Poesie als Dekoration. Das ist die verstörende Gleichzeitigkeit von Schönheit und Brutalität, die Menschen kennen, die damals dort unterwegs waren.

Im Refrain kippt der Song. Aus dem Erleben wird ein Satz, der sich weigert, klein zu werden: „Ihr kriegt nie mehr meine Angst.“ Das ist kein Triumph. Das ist Widerstand gegen das Verstummen, Jahre nach dem Überfall. Am Ende des Songs stehen Ortsnamen – Gera, Wurzen, Guben, Rostock, Dessau – als stille Liste der Orte, an denen Menschen von Neonazis ermordet wurden. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentiert mindestens 224 Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung. Diese Namen stehen im Song für sie alle.

Vier aus dem Osten, die nicht wegschauen

Voran Voran – Sören Gruner, Markus Börner, Carl Pahl und Richard Pahl – spielen Indierock mit Postpunk-Dringlichkeit und dem textlichen Gewicht der Hamburger Schule. Produziert wurde die EP von Tobias Siebert (u. a. Klez.e, Herrenmagazin), das Mastering übernahm Robin Schmidt.

Anzeige*

„Baseballschlägerjahre“ ist kein Rückblick. Die Band erzählt von etwas, das im Körper geblieben ist – und in einem politischen Klima, das zeigt, dass die Frage nach rechter Gewalt keine historische ist. Die Band arbeitet derzeit an ihrem ersten Studioalbum. Wann es erscheint, ist noch nicht bekannt. Was glaubt ihr: Kann Musik wie „Baseballschlägerjahre“ heute noch etwas bewegen – oder verpufft politischer Indierock im Algorithmus?

MEHR INFOS

Streaming
Artist-Page

Du möchtest weitere Beiträge zu Neuveröffentlichungen, Events und Musik-News lesen? Hier kannst du weiterstöbern.

Anzeige*

Künstler*innen: