Rockvyn im ICMA-Finale: Zwischen Labor und Bühne – Ein Molekularbiologe erobert Los Angeles
Patrick Schmitt ist Molekularbiologe, forscht an synthetischen Cannabinoiden und steht jetzt mit seinem Projekt Rockvyn gleich zweifach im Finale der InterContinental Music Awards in Los Angeles. Seine Songs „Lovgorithm“ und „Different Different But Same“ konkurrieren in der Kategorie „European Rock“ – bewertet von einer Jury aus GRAMMY®-Gewinnern und Produzenten, die mit Metallica, Bruno Mars oder Céline Dion gearbeitet haben.
Was auf den ersten Blick wie zwei Welten wirkt, ist für Patrick Schmitt ein und derselbe kreative Prozess: Im Labor kombiniert er genetische Bausteine neu, im Studio übersetzt er gesellschaftliche Beobachtungen in handgemachten Rock mit Tiefgang. Ein Gespräch über digitalen Selektionsdruck, die Illusion von Individualität und den magischen Moment in einem New Yorker Flughafenhotel, der alles veränderte.
Ich sehe mich selbst als Brückenbauer zwischen zwei Welten, die oft fälschlicherweise als Gegensätze betrachtet werden: Labor und Musikstudio. Als Molekularbiologe untersuche ich die Mechanismen des Lebens auf kleinster Ebene. Mit Rockvyn übersetze ich diese Erkenntnisse sowie die Beobachtung unserer technisierten Gesellschaft in emotionale, greifbare Musik. Rockvyn steht für intelligenten, handgemachten Classic und Alternative Rock mit Tiefgang. Es ist der Versuch, den warmen, analogen Sound der 1970er-Jahre mit den drängenden Fragen des digitalen Zeitalters zu verschmelzen.
BANDUP: „Lovgorithm“ und „Different Different But Same“. Zwei Songs, zwei Nominierungen in der Kategorie „European Rock“. Was verbindet diese beiden Titel thematisch und musikalisch, und warum glaubst du, haben gerade sie die Jury überzeugt?
Rockvyn: Dass ich mit „Lovgorithm“ und „Different Different But Same“ gleich zweimal im Finale der InterContinental Music Awards stehen darf, ist für mich ehrlich gesagt ein riesiges Geschenk und eine Überraschung, mit der ich so nicht gerechnet habe. Wenn ich versuche, eine Verbindung zwischen den beiden Songs zu finden, liegt das wohl vor allem an den Themen, die mich einfach persönlich sehr umtreiben. In beiden Liedern versuche ich, die Welt um mich herum ein bisschen zu verarbeiten. Insbesondere die Frage, was die Digitalisierung eigentlich mit uns als Menschen macht. Bei „Lovgorithm“ schaue ich mir ganz behutsam an, wie Dating-Apps und Algorithmen unsere Suche nach Nähe beeinflussen und das Ganze manchmal fast schon mechanisch wirken lassen.
„Different Different But Same“ blickt eher auf unseren Alltag und diese leise Beobachtung, dass wir in der heutigen Konsumwelt alle versuchen, irgendwie besonders und individuell zu sein, uns am Ende durch Trends und Social-Media-Feeds aber oft ungewollt einander angleichen. Beide Songs suchen einfach nach dem Kern dessen, was uns als Menschen ausmacht, wenn wir die Bildschirme mal ausschalten. Musikalisch kommen die beiden Stücke zwar aus derselben Ecke des ehrlichen Classic und Alternative Rock, fühlen sich für mich aber trotzdem recht unterschiedlich an. „Lovgorithm“ hat durch seine Riffs etwas sehr Treibendes und Geradliniges, fast wie ein Herzschlag, der sich bis zum Refrain anstaut. Bei „Different Different But Same“ wollte ich es hingegen ein bisschen erdiger und nahbarer machen, weshalb ich dort viel mit akustischen Elementen und einer recht schlichten, fast schon melancholischen Mundharmonika gearbeitet habe. Im Studio war es mir bei beiden Songs einfach wichtig, dass die Musik natürlich und handgemacht klingt, ohne zu viele digitale Korrekturen.
Warum die Jury, die ja aus Musikern besteht, die ich selbst bewundere, nun ausgerechnet diese beiden Titel ausgewählt hat, kann ich natürlich nur vermuten. Vielleicht lag es an dieser Mischung aus nachdenklichen Texten und dem warmen, analogen Sound, der in der heutigen, oft sehr schnellen Musiklandschaft vielleicht einfach eine kleine Nische gefunden hat. Es ist für mich jedenfalls eine wunderschöne Bestätigung, dass diese eher leisen, im Studio in Zittau entstandenen Gedanken auch auf der anderen Seite des Ozeans verstanden werden.
BANDUP: Die ICMA-Jury besteht aus GRAMMY®-Gewinnern, Emmy®-Preisträgern und Leuten, die mit Metallica, Bruno Mars oder Céline Dion gearbeitet haben. Wie fühlt es sich an, wenn solche Profis deine Musik ernst nehmen und verändert das deinen Blick auf dein eigenes Schaffen?
Rockvyn: Es ist ein absolut surreales, aber ungemein bestärkendes Gefühl. Wenn Menschen, die an den Produktionen von Metallica, Bruno Mars oder großen Hollywood-Scores beteiligt waren, deine Songs bewerten und ins Finale wählen, ist das der ultimative Beweis, dass man auf dem richtigen Weg ist. Es verändert meinen Blick auf mein Schaffen insofern, als es mir eine enorme künstlerische Freiheit gibt. Es zeigt mir, dass man sich nicht an kurzlebige Streaming-Trends anpassen muss, um auf allerhöchstem internationalem Niveau wahrgenommen zu werden. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel zum Erfolg.
Was haben Bakterien und Songs gemeinsam?
BANDUP: Du schreibst in deinem Statement, Musik und Wissenschaft hätten mehr gemeinsam als vermutet. Kannst du das an einem konkreten Beispiel aus deinem Schaffensprozess festmachen – etwa bei einem der nominierten Songs?
Rockvyn: Wissenschaft und Musik basieren für mich auf denselben Prinzipien: Analyse, Struktur, Kreativität und Synthese. Als Molekularbiologe arbeite ich im Bereich der Synthetischen Biologie. Dort analysieren wir die Bausteine des Lebens und kombinieren sie gezielt neu, um Organismen mit völlig neuen Eigenschaften zu entwickeln. Im Rahmen meiner Forschung habe ich beispielsweise ein Bakterium genetisch so programmiert, dass es aus Zucker pharmazeutisch relevante Cannabiswirkstoffe produziert. Der Kern dieses Ansatzes besteht darin, vorhandene biologische Bausteine neu zu kombinieren und daraus etwas zu schaffen, das es in der Natur so nicht gibt. Genau nach diesem Prinzip arbeite ich auch als Songwriter. Ich beobachte alltägliche Situationen, analysiere die Mechanismen dahinter und übersetze sie in Musik und Sprache so, dass sie emotional erfahrbar werden. Ein gutes Beispiel dafür ist mein nominierter Song „Different Different But Same“.
Vor einigen Jahren war ich beruflich häufig zwischen Frankfurt und Berlin unterwegs. Eines Abends wurde ich spontan zu einer angesagten Berliner Underground-Party eingeladen. Da ich keine andere Kleidung dabeihatte, erschien ich in meinem üblichen Outfit: Casual-Sakko, schlichtes T-Shirt und Jeans. Interessanterweise fiel ich damit viel stärker auf als die meisten anderen Gäste. Während dort nahezu jeder versuchte, seine Individualität durch einen möglichst außergewöhnlichen Look auszudrücken, wirkte mein bewusst unauffälliger Kleidungsstil plötzlich wie der eigentliche Kontrast. Ich war gewissermaßen die Taube in einem Käfig voller Papageien. Dieses Erlebnis brachte mich zum Nachdenken: Folgen wir heute tatsächlich unserer eigenen Persönlichkeit oder ordnen wir uns unbewusst lediglich einer von vielen vorgefertigten Schubladen zu? Ist das, was wir als Individualität wahrnehmen, vielleicht längst selbst zu einem kommerzialisierten Konsumprodukt geworden? Genau diese Fragestellung verarbeitet der Song. Musikalisch verbinde ich ein klassisches Blues-Rock-Fundament mit Spoken-Word-Passagen und Mundharmonika.
Sprachlich arbeite ich bewusst mit Wiederholungen, Metaphern und kontrastierenden Bildern, um den Eindruck von Gleichschritt und die Ironie einer vermeintlichen Individualität hörbar zu machen. Die eigentliche Botschaft transportiere ich dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern über Atmosphäre und Emotion: Je krampfhafter wir versuchen, uns durch Trends, Social-Media-Feeds oder Lifestyle-Produkte von anderen abzuheben, desto ähnlicher werden wir uns oft. Wir konsumieren dieselben Algorithmen, übernehmen dieselben Ästhetiken und verwechseln am Ende standardisierten Massenkonsum mit echter Individualität. Genau dieses Paradoxon unserer digitalen Konsumgesellschaft möchte ich mit „Different Different But Same“ sichtbar machen. Letztlich unterscheidet sich mein wissenschaftlicher und mein musikalischer Schaffensprozess deshalb viel weniger, als man zunächst vermuten würde.
In der Synthetischen Biologie kombiniere ich genetische Bausteine zu neuen biologischen Systemen. Als Songwriter verbinde ich Beobachtungen, Gedanken, musikalische Einflüsse und sprachliche Stilmittel zu einer neuen emotionalen Realität. In beiden Fällen entsteht Innovation nicht aus dem Nichts, sondern durch das bewusste Analysieren, Verstehen und Neukombinieren vorhandener Elemente. Genau deshalb empfinde ich Wissenschaft und Musik nicht als Gegensätze, sondern als zwei unterschiedliche Ausdrucksformen desselben kreativen Prozesses.
BANDUP: Während viele Independent-Künstler auf Social Media und Streaming-Zahlen setzen, gehst du den Weg über Fachjurys, Wettbewerbe und internationalen Reputationsaufbau. Warum hast du dich bewusst für diesen langsameren, aber strategischeren Weg entschieden?
Rockvyn: Ich glaube, dass dieser Weg für mich der falsche wäre. Follower-Zahlen und Streams sind wichtige Kennzahlen, aber sie sind eben nur zwei von vielen möglichen Metriken, an denen man künstlerischen Erfolg messen kann. Wenn wir den kulturellen Wert von Musik fast ausschließlich anhand dieser Zahlen bewerten, verändert das zwangsläufig auch die Art, wie Musik entsteht. Als Biologe würde ich das mit einem „digitalen Selektionsdruck“ vergleichen. In der Evolution beschreibt Selektionsdruck Umweltbedingungen, die darüber entscheiden, welche Eigenschaften sich langfristig durchsetzen. Übertragen auf die Musikbranche übernehmen heute Algorithmen, Plattformmechanismen und Social-Media-Logiken zunehmend diese Rolle.
Sie belohnen bestimmte Eigenschaften, etwa möglichst kurze Aufmerksamkeitsspannen, hohe Veröffentlichungsfrequenz oder Inhalte mit maximalem Viralitätspotenzial. Wenn diese Mechanismen zum wichtigsten Maßstab werden, passen sich viele Künstler verständlicherweise daran an. Das Ergebnis ist, dass immer mehr Musik nach denselben Regeln entsteht. Nicht unbedingt, weil Künstler ihre Kreativität verlieren, sondern weil das System bestimmte Eigenschaften konsequent bevorzugt. Ich wollte mich diesem digitalen Selektionsdruck bewusst nicht vollständig unterwerfen. Mein Ziel war nie, möglichst schnell Reichweite aufzubauen, sondern Musik zu schreiben, hinter der ich stehe, die auch unabhängig von Algorithmen Bestand hat. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Arbeit zunächst dort messen zu lassen, wo ausschließlich die Musik bewertet wird: bei internationalen Fachjurys, renommierten Songwriting-Wettbewerben und unabhängigen Experten.
Für mich haben Auszeichnungen deshalb einen besonderen Wert. Sie entstehen nicht durch Reichweite oder Marketingbudget, sondern durch die Qualität eines Songs. Natürlich freue ich mich über jede neue Hörerin und jeden neuen Hörer. Aber ich möchte, dass Menschen meine Musik entdecken, weil sie sie berührt, nicht nur, weil ein Algorithmus sie gerade bevorzugt. Ich sehe Wettbewerbe deshalb nicht als Alternative zum Publikum, sondern als Qualitätsnachweis. Sie geben mir die Freiheit, meinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen, ohne meine Musik ständig an die Mechanismen der Plattformökonomie anpassen zu müssen. Langfristig halte ich diesen Weg für nachhaltiger – sowohl künstlerisch als auch persönlich.
Wie wird aus Wissenschaft Emotion?
BANDUP: Deine Songs greifen Themen aus Wissenschaft, Psychologie und digitaler Gesellschaft auf. Wie gehst du dabei vor – entsteht erst der Song oder erst das Thema? Und wie vermeidest du, dass es zu kopflastig oder didaktisch wird?
Rockvyn: Jeder Song beginnt bei mir mit der Beobachtung eines Phänomens. Das kann eine alltägliche Situation, ein gesellschaftlicher Widerspruch oder ein psychologisches Muster sein. Auf diese Beobachtung folgt die Suche nach einer zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeit und daraus entsteht eine Hypothese. In diesem Sinne ist wissenschaftliche Methodik tatsächlich ein fester Bestandteil meines kreativen Prozesses. Der Unterschied zur Wissenschaft beginnt allerdings dort, wo die Musik anfängt. Im Labor versuche ich, Hypothesen zu überprüfen und möglichst eindeutige Antworten zu finden.
Beim Songwriting geht es mir genau um das Gegenteil: Ich möchte keine fertigen Antworten liefern, sondern Fragen aufwerfen. Deshalb versuche ich nicht, eine Botschaft zu vermitteln, sondern den Erkenntnisprozess selbst erlebbar zu machen. Lyrik, Metaphern und Musik schaffen einen emotionalen Raum, in dem jeder Hörer seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen kann. Mich interessiert weniger, was Menschen denken sollen, sondern wie sie anfangen zu denken. Genau dadurch vermeide ich auch, dass meine Songs kopflastig oder didaktisch werden.
Sobald Musik belehren will, verliert sie oft ihre emotionale Kraft. Emotion öffnet den Menschen, Belehrung lässt ihn eher in eine Abwehrhaltung gehen. Deshalb erzähle ich Geschichten, arbeite mit Bildern und Atmosphären und lasse bewusst Interpretationsspielraum. Wenn ein Song jemanden noch Tage später zum Nachdenken bringt, ohne eine eindeutige Antwort vorzugeben, dann hat er für mich sein Ziel erreicht.
BANDUP: „European Rock“ als Kategorie – fühlst du dich in dieser Schublade wohl, oder siehst du Rockvyn musikalisch breiter aufgestellt? Und welche Rolle spielt für dich die geografische Verortung in einer global vernetzten Musikwelt?
Rockvyn: Ich fühle mich in der Kategorie „European Rock“ durchaus wohl, weil meine musikalischen Wurzeln eindeutig dort liegen. Blues, Classic Rock und Singer-Songwriter-Traditionen prägen mein Songwriting bis heute. Gleichzeitig verstehe ich Rockvyn aber weniger als ein Genre als vielmehr als eine künstlerische Perspektive. Mich interessiert nicht, ob ein Song am Ende als Rock, Blues, Alternative oder Spoken Word eingeordnet wird. Entscheidend ist für mich, ob die musikalische Form der Geschichte dient, die ich erzählen möchte.
Deshalb nutze ich unterschiedliche stilistische Elemente ganz bewusst als Ausdrucksmittel und nicht als Selbstzweck. Auch die geografische Einordnung hat für mich heute eine andere Bedeutung als noch vor zwanzig Jahren. Musik entsteht zwar immer aus einem kulturellen Kontext, sie endet aber nicht an Landesgrenzen. Die Themen, über die ich schreibe – Identität, Technologie, gesellschaftlicher Wandel oder menschliche Psychologie – beschäftigen Menschen unabhängig davon, ob sie in Deutschland, Schweden, Kanada oder Japan leben. Das zeigt sich auch bei Rockvyn. Obwohl das Projekt seine Wurzeln in Europa hat, verteilen sich die Hörerinnen und Hörer inzwischen auf 138 Länder. Das hat mich selbst überrascht und bestätigt für mich, dass Emotionen, Geschichten und Fragen universeller sind als geografische Grenzen. Ich sehe Europa deshalb weniger als geografische Begrenzung, sondern als kulturellen Ausgangspunkt.
Die europäische Musiktradition hat über Jahrhunderte unterschiedlichste Einflüsse aufgenommen und weiterentwickelt. Genau diese Offenheit möchte ich auch mit Rockvyn leben. In einer global vernetzten Musikwelt wird Herkunft aus meiner Sicht ohnehin weniger über den Pass definiert als über die Perspektive, aus der man Geschichten erzählt. Meine Songs entstehen aus europäischen Erfahrungen und einem wissenschaftlich geprägten Blick auf die Welt, richten sich aber an Menschen, die sich in diesen Fragen wiederfinden – unabhängig davon, wo sie leben. Deshalb empfinde ich „European Rock“ nicht als Schublade, sondern eher als Koordinate auf einer Landkarte. Sie beschreibt, wo meine musikalische Reise begonnen hat, aber nicht, wohin sie mich noch führen wird.
Verändert Anerkennung die Kunst?
BANDUP: Du wurdest bereits bei den German Songwriting Awards nominiert, jetzt folgt Los Angeles. Merkst du, dass sich durch solche Erfolge konkret etwas verändert, etwa in der Wahrnehmung, in Anfragen oder in deinem eigenen künstlerischen Selbstverständnis?
Rockvyn: Ja, ich merke durchaus, dass sich etwas verändert – allerdings weniger in meinem eigenen Selbstverständnis als vielmehr in der Wahrnehmung von außen. Als unabhängiger Künstler muss man sich Aufmerksamkeit zunächst erarbeiten. Internationale Nominierungen und Auszeichnungen schaffen dabei Vertrauen. Sie sind für viele Menschen ein objektives Signal dafür, dass die eigene Musik auch außerhalb des persönlichen Umfelds und unabhängig von Marketingbudgets wahrgenommen und von Fachjurys bewertet wird.
Das merke ich inzwischen ganz konkret. Es ergeben sich neue Kontakte, Interviewanfragen und Gespräche, die ohne diese Anerkennung wahrscheinlich gar nicht entstanden wären. Solche Auszeichnungen öffnen Türen – hindurchgehen muss man allerdings immer noch selbst. Mein eigenes künstlerisches Selbstverständnis hat sich dadurch dagegen kaum verändert. Ich schreibe heute Songs aus denselben Gründen wie vor den ersten Nominierungen: aus Neugier, aus Freude am kreativen Prozess und aus dem Wunsch heraus, komplexe gesellschaftliche oder psychologische Themen emotional erfahrbar zu machen. Wenn ich anfangen würde, Musik ausschließlich mit Blick auf Preise oder Anerkennung zu schreiben, würde ich wahrscheinlich genau das verlieren, was diese Auszeichnungen überhaupt erst möglich gemacht hat.
Was sich allerdings verändert hat, ist mein Vertrauen in den eigenen Weg. Als Independent-Künstler fragt man sich natürlich immer wieder, ob der langsamere, qualitätsorientierte Ansatz der richtige ist. Die Nominierungen bei den German Songwriting Awards und nun in Los Angeles zeigen mir, dass man auch ohne große Plattenfirma, ohne Millionenreichweite und ohne den permanenten Fokus auf Algorithmen international wahrgenommen werden kann. Das ist für mich vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Qualität braucht manchmal länger, aber sie findet ihren Weg. Und genau das bestärkt mich darin, meinen eigenen künstlerischen Kurs konsequent weiterzugehen.
BANDUP: Wenn du deine beiden nominierten Songs live spielen würdest – mit Band, solo, oder hybrid – wie würdest du das umsetzen, und ist das überhaupt Teil deiner Vision für Rockvyn?
Rockvyn: Mit Rockvyn verfolge ich einen etwas anderen Ansatz als viele klassische Rockprojekte. Ich sehe mich weniger als Performer im traditionellen Sinn, sondern eher als eine Art Regisseur. Mich interessiert vor allem, wie Text, Musik, Atmosphäre und Dramaturgie zusammenwirken und eine Geschichte erzählen. Genau deshalb orientiere ich mich auch an der Filmindustrie. Dort gibt es einen Regisseur, der für jedes Projekt die passenden Darsteller zusammenstellt.
Niemand würde erwarten, dass für jeden Film immer dieselben Schauspieler auf der Bühne stehen. Entscheidend ist, wer die Geschichte am überzeugendsten erzählen kann. Ich glaube, dass sich die Musikwelt in eine ähnliche Richtung entwickeln wird. Musiker werden sich künftig nicht mehr zwangsläufig dauerhaft an feste Bandstrukturen binden oder ausschließlich als Solokünstler auftreten. Stattdessen werden wir häufiger projektbezogene Konstellationen erleben, in denen Songwriter, Produzenten und Performer ihre jeweiligen Stärken flexibel zusammenbringen. Eigentlich kennen wir dieses Prinzip bereits aus anderen Bereichen. In der klassischen Musik interpretiert ein Orchester Werke unterschiedlichster Komponisten.
In der Filmindustrie arbeiten Regisseure, Schauspieler und Komponisten projektbezogen zusammen. Und auch im Profisport wechseln Spieler zwischen Vereinen, ohne dass ihre individuelle Qualität dadurch verloren geht. Für Rockvyn bedeutet das: Die Songs stehen im Mittelpunkt – und für jeden Song suche ich die Besetzung, die seine Geschichte am stärksten erzählen kann. Mal kann das eine klassische Rockband sein, mal eine reduzierte Besetzung oder auch eine völlig andere musikalische Konstellation. Die Live-Performance ist für mich deshalb kein starres Format, sondern Teil der künstlerischen Inszenierung.
Welcher Song hat alles verändert?
BANDUP: Zum Abschluss: Welchen Song empfiehlst du unseren Leser*innen gerade – egal ob von dir, aus deinem Umfeld oder von anderen Künstler*innen, die dich gerade inspirieren?
Rockvyn: Ich würde im Moment ganz klar „We Can Work It Out“ von The Beatles empfehlen. Das ist der Song, der letztlich den entscheidenden Impuls gegeben hat, selbst Musik zu machen. Ich war damals beruflich in New York und habe meine letzte Nacht vor dem Rückflug im legendären TWA Hotel am JFK-Flughafen verbracht.
Am nächsten Morgen stand ich mit einem Kaffee in der Hand in dieser außergewöhnlichen Kulisse, Architektur, Design und Atmosphäre wirkten wie eine Zeitreise in die 1960er-Jahre. Plötzlich erklang aus den originalen Vintage-Lautsprechern „We Can Work It Out“. In diesem Moment hat sich etwas verändert. Der Song, die Atmosphäre und dieser Ort haben perfekt zusammengepasst. Mir wurde bewusst, welche zeitlose Kraft Musik besitzen kann und wie sie Menschen Jahrzehnte später noch emotional erreicht. Genau dort entstand in mir der Wunsch, selbst Musik zu schreiben.
Nicht als nostalgische Kopie, sondern mit dem Anspruch, ein Stück dieser Zeitlosigkeit und Ehrlichkeit ins Hier und Jetzt zu transportieren. Die Beatles haben gezeigt, dass großartige Songs Generationen überdauern können. Das ist bis heute eine der größten Inspirationen für meine eigene Arbeit mit Rockvyn.
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