youcallmecarla: „Feminismus darf unbequem sein – und meine Musik auch“
Carla aus Hamburg schreibt Songs, die wehtun dürfen. Als youcallmecarla verbindet sie persönliche Erlebnisse mit Gesellschaftskritik und macht aus Wut, Empowerment und Hoffnung Musik, die Augen öffnet. In ihrer neuen Single „man down“ kritisiert sie patriarchale Strukturen und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Denn das haben Frauen schon lange genug getan.
Im Interview spricht sie über Hannah Montana als Inspiration, die Wirkung der englischen Sprache und darüber, warum Feminismus niemals Männerhass ist, auch wenn er manchmal so klingen muss. Ein Gespräch über bestehende Ungleichheit, Selbstbehauptung und die Frage, wer eigentlich zuhören sollte.
Ich glaube, was meine Musik ausmacht, ist, dass ich sehr ehrlich über die Dinge schreibe, die mich beschäftigen. Die Verbindung aus sehr persönlichen Geschichten und gesellschaftlichen Themen. Ich möchte, dass Menschen sich in meiner Musik wiederfinden und etwas daraus mitnehmen können.
BANDUP: Wie bist du zur Musik gekommen und wie hast du deinen Sound für dich entdeckt?
youcallmecarla: Ich finde die Frage, wie ich zur Musik gekommen bin, ehrlich gesagt voll schwer zu beantworten, weil Musik irgendwie schon immer da war. Es gab nie diesen einen Moment, wo ich dachte: Okay, jetzt mache ich Musik.
Wenn ich trotzdem irgendwas nennen müsste, dann wahrscheinlich Hannah Montana. Die Serie hat mir damals gezeigt, dass ich auch so cool sein will wie Miley. Meinen Sound habe ich über die Jahre für mich entdeckt. Ich habe früher richtig viel Zeit auf SoundCloud verbracht und dort zum Beispiel Gracie Abrams oder Olivia O’Brien gehört.
Immer eher traurige Musik. Bea Miller war auch ein riesiger Einfluss in meiner Jugend. Und ganz ehrlich: Die Hannah Montana-Songs slappen bis heute.
Wenn ich so darüber nachdenke, waren es eigentlich fast immer Frauen, die mich inspiriert haben. Künstlerinnen, die genau das gemacht haben, was ich auch machen wollte und in denen ich mich wiederfinden konnte.
BANDUP: Die Sprache ist ein genauso essenzieller Teil eines Songs wie die Instrumente und die Melodie. Warum hast du dich dazu entschieden, auf Englisch zu singen?
youcallmecarla: Das kam irgendwie total natürlich. Ich habe eigentlich schon immer auf Englisch geschrieben und mich in der Sprache einfach wohlgefühlt.
Ich bin mit englischer Musik aufgewachsen und höre bis heute fast ausschließlich englische Song und, das hat mich, glaube ich, einfach total geprägt. Und ich mag auch den Gedanken, dass Menschen aus verschiedenen Ländern meine Songs hören und verstehen können.
Ist Feminismus Männerhass?
BANDUP: Wann merkst du, dass ein Song fertig ist? Gibt es einen Moment, an dem du weißt: „Genau so muss er klingen und nichts mehr daran verändern“?
youcallmecarla: Das ist jedes Mal komplett unterschiedlich. Wenn man sich zu sehr in einen Song reindenkt, findet man eigentlich immer noch irgendwas, das man ändern könnte.
Irgendwann muss man einfach aufhören, alles zu zerdenken, und auf sein Bauchgefühl hören. Genau das versuche ich zu machen. Wenn sich ein Song für mich richtig anfühlt, dann ist er fertig.
BANDUP: Du schreibst viel über Selbstliebe, Feminismus und Gleichberechtigung. Für die meisten ist Gleichberechtigung das Ziel von Feminismus. Oft passiert es allerdings auch, dass der Feminismus sich in Männerhass umwandelt oder alle Männer über einen Kamm schert. Deine Single „man down“ bezieht sich ja offensichtlich auch auf die Männerwelt. Wie stehst du zu dieser Thematik?
youcallmecarla: Feminismus ist natürlich etwas komplett anderes als Männerhass. Wenn Menschen sagen: „Ich hasse Männer“, dann geht es ja nicht um den einzelnen Mann, sondern um das patriarchale System, in dem wir alle aufgewachsen sind und von dem wir alle geprägt wurden.
„man down“ ist genau deshalb bewusst provokant. Ich finde, Kunst darf zuspitzen und auch mal unbequem sein. Als Frau versucht man meistens alles möglichst diplomatisch zu formulieren, aber wenn man dann nicht gehört wird (was oft passiert), dann verliert man die Geduld. Zurecht.
Der Satz „Ich hasse Männer“ verletzt vielleicht ein paar Typen, aber der Satz „Ich hasse Frauen“ endet für viele Frauen tödlich.
Raubt dir das Schreiben darüber Energie – oder gibt es dir Kraft?
BANDUP: Auf deinem Cover zu „man down“ bist du mit einem Schwert zu sehen. Für was steht das Schwert und was möchtest du damit symbolisieren?
youcallmecarla: Das Schwert steht tatsächlich gar nicht für ein bestimmtes Symbol. Ich wollte eher einfach dieses Bild einer Kämpferin aufgreifen.
Inspiriert war ich dabei von Jeanne d’Arc, der französischen Nationalheldin. An dieser Ästhetik habe ich mich ein bisschen orientiert.
BANDUP: Du sprichst von Übergriffen, die folgenlos bleiben, und von Entschuldigungen, die zu früh angenommen werden. Rauben dir diese Thematiken Energie, wenn du darüber schreibst, oder geben sie dir Kraft? Wie sieht der Schreibprozess für solche Songs aus?
youcallmecarla: Mir gibt es total viel Energie, über solche Themen zu schreiben, weil ich das Gefühl habe, mit dem, was mir möglich ist, ein kleines bisschen etwas in die Welt tragen zu können und dagegen anzukämpfen.
Ich wünschte ehrlich gesagt, ich müsste über solche Dinge gar nicht schreiben. Aber solange wir in einer Welt leben, in der Gleichberechtigung immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, fühlt es sich wichtig an. Der Schreibprozess selbst unterscheidet sich gar nicht so sehr von meinen anderen Songs.
Meistens setze ich mich hin, bin vielleicht wütend oder beschäftigt mich gerade etwas, fange an, Melodien vor mich hin zu singen und texte dann ziemlich schnell. Worte sind für mich beim Songwriting unglaublich wichtig.
Kritik am patriachalem System kann auch Kraft geben
BANDUP: Du bewegst dich in einer oft von Männern dominierten Musikszene und schreibst über Strukturen, die Gewalt relativieren, solange sie von den „Richtigen“ ausgeht. Welche Dynamiken oder vielleicht auch persönliche Erlebnisse haben dich hier besonders geprägt und sind in den Song eingeflossen?
youcallmecarla: Ich war in der Grundschule, als mir das erste Mal hinterhergepfiffen wurde. Mit 18 habe ich nachts in der Bahn einem Mann erzählt, dass zu Hause drei Brüder auf mich warten, weil er mich nicht in Ruhe gelassen und ausgefragt hat, wo ich wohne und ob jemand auf mich wartet.
Mit 20 wurde ich von einem Mann in einer Gasse festgehalten und bedrängt. Ich konnte mich zum Glück losreißen und weglaufen.
Solche Situationen vergisst man nicht. Ich glaube, genau solche Erlebnisse fließen automatisch in meine Musik ein.
Jeder Blick, der sich unangenehm anfühlt, jeder Gedanke, den ich mir machen muss, bevor ich alleine nach Hause gehe, und jedes Mal, wenn ich merke, wie unterschiedlich Frauen und Männer durchs Leben gehen, prägt mein Songwriting. Diese Erfahrungen werden wahrscheinlich immer Teil meiner Musik bleiben.
BANDUP: Von wem wünscht du dir, dass deine Musik gehört wird und welche Reaktionen erhoffst du dir von deinen Hörer*innen? Was soll deine Musik bei ihnen auslösen?
youcallmecarla: Ich wünsche mir, dass jeder, der meine Musik hört, irgendetwas für sich mitnehmen kann. Ich hoffe auch, dass Cis-Männer meine Songs hören und sich vielleicht fragen: Was kann ich eigentlich dazu beitragen, dass es FLINTA*-Personen nicht mehr so scheiße geht?
Wenn meine Musik Menschen dazu bringt, sich selbst oder die eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren, dann freut mich das total. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass sich Menschen durch meine Songs verstanden fühlen. Dass sie ihnen Kraft geben, Selbstbewusstsein und das Gefühl, mit ihren Erfahrungen nicht allein zu sein.
Gibt es auch Themen, die links liegen bleiben?
BANDUP: Gibt es auch Themen oder Seiten an dir, die in deiner Musik bisher noch zu wenig Platz bekommen, die du aber in Zukunft zeigen möchtest?
youcallmecarla: Ich schreibe meistens sehr aus dem Moment heraus und über Dinge, die mich gerade beschäftigen. Dadurch entstehen die Themen eigentlich ganz automatisch.
Es gibt bestimmt einige Facetten meiner Persönlichkeit, die noch keinen Platz in meiner Musik gefunden haben, aber ich würde behaupten, meine Songs sind schon sehr vielseitig.
BANDUP: Und zu guter Letzt: Welchen Song oder Artist würdest du unserer Community aktuell gern ans Herz legen?
youcallmecarla: Ich würde euch Chief Queef ans Herz legen. Sie ist eine DJ aus Stuttgart und ich liebe, was sie macht. Olivia macht einfach ihr eigenes Ding und hat so eine tolle Energie. Sie legt unter anderem auch für Baran Kok auf. Falls ihr mal Lust auf richtig gute DJ-Sets habt: Hört euch Chief Queef an.

Gewinnspiel
BANDUP verlost auf Instagram eine Vinyl von dem Album “Drama endet nie” von Fatoni.








