Chapo102 bringt mit „Fahrt ins Blaue“ Sommer, Eskapismus und reflexion

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Passend zu den ersten warmen Tagen des Jahres bringt Chapo102 mit „Fahrt ins Blaue“ seine inzwischen dritte Solo-Platte raus. Zwischen übermäßigem Alkoholkonsum, aufwühlenden Lovesongs und viel innerer Zerrissenheit liefert das Album zwar Summer-Vibes, zeigt aber gleichzeitig auch den wohl endgültigen Umschwung hin zum Indie- und Pop-Sound. Warum sich das für viele erstmal ungewohnt anfühlt und wie die Platte trotzdem überzeugen kann, schauen wir uns jetzt an.

Entstanden sind die Songs nicht nur klassisch im Studio, sondern an ganz unterschiedlichen Orten – von Südfrankreich über Valencia bis nach Brandenburg und Berlin. Dieser Tapetenwechsel macht sich bemerkbar. Chapo beschreibt den Sound selbst als „lockerflockig“, was vor allem daran liegt, dass er deutlich unverkopfter an die Songs herangegangen ist. Trotzdem wirkt das Album persönlicher als sein Vorgänger „helldunkel“. Weniger Overthinking, dafür mehr Direktheit – und genau das zieht sich durch die gesamte Platte.

Ein Sommer zwischen Rausch und Realität

Inhaltlich erzählt „Fahrt ins Blaue“ den Verlauf eines Sommers mit all seinen Höhen und Tiefen als Mitte/Ende Zwanzigjähriger. Eine melancholische Grundstimmung bleibt dabei durchgehend präsent. Im Zentrum steht immer wieder Alkoholkonsum. Lines wie „egal ob Pisa oder Porto, ich bin immer Storno“ tauchen mehrfach auf und geben dem Albumtitel einen spürbar bitteren Beigeschmack.

Dabei bleibt es aber nicht bei einem reinen Party-Narrativ. Über Songs wie „Apropos“ und „Warschau“ entwickelt sich das Thema weiter und spitzt sich zu, bis es auf „Tote Tauben“ in einer sehr direkten Selbstreflexion endet:

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„Renn vor mir selber weg, als wär das hier ein Marathon // Doch bin nie weiter weg als in die nächste Bar gekommen // Morgens zittert meine Hand, als hätt ich Parkinson // Mama sagt, dass ich nach Papa komm“

Hier wird klar, dass der Konsum längst mehr ist als nur Begleiterscheinung. Mal steht die Flucht vor Alltag und Verantwortung im Vordergrund – etwa auf „Wir sind laut“, wo es um Themen wie Steuern oder GEZ geht.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass der exzessive Konsum selbst zum Problem wird, vor allem in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen. Gerade bei den Lovesongs bleibt offen, ob Chapo sich in den Alkohol flüchtet, um mit Herzschmerz umzugehen, oder ob er diesen selbst mitverursacht.

Mit „Für immer“ endet das Album dann auch als Abschluss dieses beschriebenen Sommers. Chapo blickt dabei irgendwie versöhnlich auf das Geschehene zurück und richtet den Blick dennoch gleichzeitig mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem Wintereinbruch nach vorne.

Musikalisch anders, aber vielseitig

Bereits mit „helldunkel“ kam Kritik an Chapo102 als Solo-Artist auf. Begriffe wie „Sellout“ oder „weichgespült“ fielen dabei nicht nur einmal. Und ja: Mit seinem Auftritt bei den 102Boyz hat das hier nur noch wenig zu tun. Der Sound auf „Fahrt ins Blaue“ ist deutlich poppiger, gleichzeitig aber auch musikalischer.

Viele Songs basieren auf akustischen Instrumenten, vor allem Gitarren sind auf fast jedem Track präsent. Dazu kommt eine überraschend breite Instrumentierung. So erinnert die Hook von „Wir sind laut“ mit ihren Streichinstrumenten stellenweise fast an tanzbare irische Folk-Ansätze.

Jeder Song ist dabei klar auf seine Stimmung abgestimmt. Mal wirkt das Ganze hymnisch, mal eher zurückhaltend oder verzweifelt. Insgesamt entsteht aber nie das Gefühl, dass etwas fehl am Platz ist.

Auch gesanglich funktioniert das Album besser als erwartet. Chapos Stimme passt sich den verschiedenen Stimmungen an und transportiert die Emotionen auf den Punkt. Dass dabei nicht jede Textzeile maximal komplex ist, fällt deshalb kaum ins Gewicht.

Fazit: Mehr als nur ein Stilwechsel

„Fahrt ins Blaue“ ist ein Album, das sich vor allem über seine Entwicklung definiert. Thematisch greifen Herzschmerz, Erwachsenwerden und exzessiver Konsum ineinander und ziehen sich als roter Faden durch die Platte.

Dabei bauen sich Motive über mehrere Songs hinweg auf, überschneiden sich und werden immer wieder reflektiert. Das Album wirkt dadurch wie ein zusammenhängender Sommer, den man Stück für Stück miterlebt.

Klar ist aber auch: Der stärkere Fokus auf Pop und Indie wird nicht jeden abholen – gerade bei einem Artist mit Hip-Hop-Background. Trotzdem zeigt die Platte, dass es sich hier nicht um einen beliebigen Stilwechsel handelt, sondern um eine bewusste Weiterentwicklung. Der Solokünstler Chapo102 gibt Raum für kreative Vielfalt. Musikalisch detailverliebt, thematisch persönlich und definitiv kein „Sellout“.

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Im November und Dezember geht es dann auch auf die „Tour ins Blaue“. Spätestens dort wird sich zeigen, wie gut diese Emotionalität auch live funktioniert.

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