Crow Baby im Interview: Über „Get Yourself Together“ und Radical Joy
Crow Baby haben keine Lust auf halbe Sachen. Das Berliner Duo, bestehend aus den aus Johannesburg stammenden Musikerinnen Cherilyn MacNeil und Jean-Louise Parker, hat mit „Get Yourself Together“ Ende August sein Debütalbum veröffentlicht. Darauf treffen bissige Texte über Selbstzweifel, Überforderung und den Druck zu funktionieren auf energiegeladenen Art-Pop – manchmal absurd, manchmal traurig, oft beides zugleich.
Kennengelernt haben sich die beiden schon vor über zehn Jahren, als Cherilyn mit Dear Reader auf Tour war. Nach einer langen Pause fanden sie während der Pandemie wieder zueinander – ohne Plan, ohne Ziel, nur mit dem Wunsch, etwas Neues auszuprobieren. Aus ihren freitäglichen Sessions voller Albernheit und Experimentierfreude entstand schließlich ein Album, das zwischen Euphorie und Ernst pendelt, zwischen Spaß am Chaos und ehrlicher Verletzlichkeit.
Im Interview erzählen Crow Baby, warum Berlin für sie der richtige Ort ist, wie aus einem Spiel plötzlich eine ernsthafte Band wurde – und weshalb man in einer zynischen Welt Haltung nur durch Freude bewahren kann.
Hey, wir sind Crow Baby, eine Art-Pop-Band – „with a punk spirit!“. Unsere Spezialität ist raffiniert – leichtlebige Songs mit schrägen Texte – mit ein bisschen Verrücktheit on top!
BANDUP: Ihr seid beide in Johannesburg (Südafrika) geboren und aufgewachsen und habt euch nacheinander dazu entschieden nach Berlin zu ziehen. War es die Musik, die euch hier hergeführt hat, oder gab es einen anderen Impuls der euch zum Umzug bewegt hat?
Crow Baby: Ich (Cherilyn) bin 2010 für meine Band, Dear Reader, nach Berlin gezogen. Ich hatte hier eine Plattenfirma (City Slang) und nach der Veröffentlichung meines Debütalbums hat es Sinn gemacht, nach Europa zu ziehen. Südafrika ist von allem weit weg und hat nur einen kleinen Markt für Indie Musik. Um berufliche Künstlerin zu sein, war Berlin die beste Möglichkeit. Viele Südafrikanische Künstler ziehen aus demselben Grund nach Berlin.
Fast zehn Jahre später: Wieder zusammen in Berlin
BANDUP: Als Cherilyn nach Berlin zog haben sich eure Wege erstmal getrennt. Wie kam es dazu, dass Jean-Louise nach fast zehn Jahren die Entscheidung gefasst hat ebenfalls hierherzuziehen?
Crow Baby: Jean-Louise und ihr Mann, Alex, sind nach Berlin gezogen, weil es hier so viel mehr Gelegenheiten für Künstler gibt.
BANDUP: Euer Debütalbum „Get Yourself Together“ ist jetzt draußen. Was ist es für ein Gefühl nach all der harten Arbeit endlich releasen zu dürfen?
Crow Baby: Wir freuen uns wie sau! Es hat ziemlich lange gedauert, und wir sind so froh, dass unser Album endlich draußen ist. Besonders die Vinyl – das Cover ist so schön geworden! – in der Hand zu halten ist richtig aufregend.
BANDUP: Wie kamt ihr zu dem Namen „Crow Baby“ für euer Duo?
Crow Baby: Wir haben einen Namen gesucht und viele lustige Ideen, aber keine von ihnen fühlte sich genau richtig an. Es war 2021, und wie viele andere, habe ich (Cherilyn) während Covid ein starkes Interesse an Vögeln entwickelt. Eines Tages habe ich einfach laut gefragt: „I wonder what crow babies look like?” (Schnelle Image Search = rund, schwarz und fusselig!) und dann hatten wir einen Namen.
Freitags-Sessions ohne Plan: So entstand die Band
BANDUP: Bei eurer Gründung habt ihr für euch festgelegt, dass ihr keine Musikinstrumente der Klassik mehr einsetzen wollt. Wie kam es dazu, dass ihr euch zeitgleich dafür entschieden habt jetzt gemeinsam das Genre wechseln zu wollen?
Crow Baby: Crow Baby wurde aus Spaß geboren. Wir haben uns gefreut, dass wir beide wieder in der gleichen Stadt waren. Während Covid haben wir Erlösung gebraucht. Wir haben uns freitagnachmittags getroffen, um einfach rum zu spielen. Wir wollten beide was ganz Anderes ausprobieren, und haben sogar gesagt, dass wir keine Band gründen wollten. Wir wussten nicht, wie wir vorgehen sollten, und haben uns entschieden, ein Spiel zu spielen – einer von uns hat etwas aufgenommen (mit Bass, Gitarre, Midi-Drums oder Stimme) und dann musste die andere den nächsten Layer machen, und immer wieder hin und zurück. Dadurch haben wir zusammen ganz witzige Ideen entwickelt und uns gegenseitig die komischsten Seiten zum Vorschein kommen lassen. Nach 6 Freitagen haben wir festgestellt, dass wir was richtig cooles machen, und haben einen Antrag auf Förderung gestellt, um unser Album aufzunehmen.
BANDUP: Euer Album behandelt unter anderem Themen wie emotionale Überforderung, Leistungsdruck und Selbstzweifel. In welcher Phase eures Lebens hattet ihr persönlich selbst damit zu kämpfen?
Crow Baby: JL war neu in Berlin und musste von Grund auf ein neues Leben in einem fremden Land aufbauen. Das hat bestimmt die Texte beeinflusst. Aber als Künstler sind Leistungsdruck und Selbstzweifel immer präsent. Ich glaube, wir beide kämpfen gerade dagegen. Wir wollen Vergnügen an der Arbeit haben; Zufriedenheit finden. Dieses Streben wollen wir eigentlich nicht mehr, und sind vielleicht deshalb auch darauf fokussiert.
BANDUP: Im vierten Track eures Albums „Run!“ heißt es „Can’t do much else than join this broody, bloody selfish army“, womit wahrscheinlich die Weigerung sich an die Gesellschaft anzupassen gemeint ist. Was am System hat euch hier am meisten gestört, als ihr diesen Song geschrieben habt?
Crow Baby: Ich würde sagen, das nimmt Bezug auf Online-Kultur: Den Nihilismus und die generelle Malaise in den Sozialen Medien. Man fühlt sich heutzutage manchmal komplett hoffnungslos; man hat das Gefühl, alles geht auf einem schlechten Weg, und es gibt nichts, was gemacht werden kann. JL redet häufig über das Konzept von “Radical Joy” – dass man diese zynische Weltanschauung bekämpfen muss. Spaß haben beim Musik machen ist Teil davon.
Kontraste als künstlerisches Prinzip
BANDUP: Eure Songtexte setzen klar einen emotionalen Ton an, während der tatsächliche Sound eurer Tracks eher gute Laune macht, was auf den ersten Blick erstmal etwas widersprüchlich erscheint. Warum wird dieser Kontrast hier so eingesetzt?
Deine Antwort: Das wird nicht unbedingt absichtlich gemacht, aber ich habe immer Musik gemocht, wo es solche Gegensätze gibt. JL und ich neigen dazu, melancholisch zu sein. Wir nehmen uns Sachen zu Herzen. Laute, komische Musik ist ein Gegenmittel dafür. 🙂
BANDUP: Wenn ihr euren Fans nur eine Botschaft aus dem Album mitgeben könntet, welche wäre das?
Crow Baby: “Get Yourself Together! Great things get lost.” (von ‘All Better’) Das ist ein Aufruf, um unsere Zeit und Talente gut zu nutzen. Manchmal hat man das Gefühl, es gibt endlos viel Zeit, oder dass alles sowieso nichts bedeutet. Aber wir wollen sagen, dass wir unser Leben ernst nehmen müssen.
MEHR INFOS
Du möchtest weitere Beiträge zu Neuveröffentlichungen, Events und Musik-News lesen? Hier kannst du weiterstöbern.
Anzeige*









