Vom Stadtfuchs zum Zyniker: „No Country For Old Grim“ von Grim104
Mit „No Country For Old Grim“ veröffentlicht Grim104 am 27.03.2026 sein fünftes Album und erstmals eines komplett ohne Label im Rücken. Was euch erwartet, ist ein dichtes, teilweise widersprüchliches Album über Zugehörigkeit, Stillstand und die Frage, wie lange man sich noch einreden kann, dass alles schon irgendwie wird.
Was euch mit “No Country For Old Grim” erwartet
Wenn ihr bei Grim104 ein weiteres klassisches Deutschrap-Album erwartet, könnt ihr diese Erwartung direkt wieder einpacken. „No Country For Old Grim“ funktioniert eher wie eine lose Sammlung von Momentaufnahmen, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammensetzen.
Ihr bekommt Songs, die sich anhören, als wären sie im ersten Take ins Mikro geschrien worden, mit dieser typischen, leicht heiseren Grim-Stimme, die irgendwo zwischen Underground-Rap und Punk-Attitüde liegt. Gleichzeitig stehen daneben verspielte Tracks, stellenweise sogar tanzbar.
Inhaltlich bewegt sich das Album konstant um eine zentrale Frage: Was passiert, wenn die Version von deinem Leben, die du dir mit Anfang zwanzig vorgestellt hast, einfach nicht eingetreten ist? Der Artist beschreibt genau diesen Zustand, mit Orten, Erinnerungen und Situationen, die sich ziemlich persönlich anfühlen.
Der Bruch mit dem Label von Grim104
Dass „No Country For Old Grim“ sein erstes Release ohne Label ist, wird nicht nur irgendwo im Hintergrund erwähnt, sondern direkt thematisiert. In „Mantra“ fällt die Zeile: „Ich fic*e den A&R / ich rippe das Label ab“.
Das ist mehr als ein provokanter One-Liner. Für alle, die sich nicht täglich mit der Struktur der Musikindustrie beschäftigen: A&R bezeichnet die Abteilung eines Labels, die Artists auswählt, betreut und oft auch mitentscheidet, in welche Richtung sich ein Projekt entwickelt.
Der Bruch wirkt auf diesem Album nicht wie ein PR-Move, sondern wie eine tatsächliche Verschiebung im Sound und in der Haltung des Artists. Die Songs sind weniger poliert, lassen mehr Ecken stehen und geben Grim104 deutlich mehr Raum, Dinge auszuprobieren, die vielleicht unter klassischen Labelbedingungen so nicht durchgegangen wären. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der nächste Track.
Grim104 geht zum Griechen (zumindest musikalisch)
Gemeint ist das nicht ganz wörtlich, auch wenn man sich das kurz vorstellt. „Zum Griechen“ heißt einer der auffälligsten Tracks auf dem Album und basiert laut Grim104 auf einem Abendessen in einem Restaurant in Brandenburg. Der Song ist einer dieser Tracks, bei denen man beim ersten Hören nicht ganz sicher ist, ob man lachen oder schnell skippen soll.
Die Melodie lehnt sich unverkennbar an „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ an, was dem Song zunächst etwas fast schon Albernes gibt. Gleichzeitig steckt dahinter eine Geschichte, die Grim selbst auf einen Abend im Restaurant „Taverna Neptun“ in Werneuchen zurückführt: Ein Ort, den man allerdings nicht so einfach findet, wenn man danach sucht.
Ob es dieses Restaurant wirklich gibt oder nicht, bleibt offen. Und genau diese Unklarheit macht den Song interessant, weil er sich auch problemlos als Metapher lesen lässt: Wenn es in der Stadt nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, landet man irgendwann an Orten, an denen die Erwartungen plötzlich ganz andere sind.
Vielleicht sitzt man dann in irgendeiner Kleinstadt, wird freundlich empfangen und merkt, dass man hier mehr Anerkennung bekommt als in der Szene, für die man sich eigentlich jahrelang verbogen hat. Mit so einem Track hat auf diesem Album wohl kaum jemand gerechnet. Außer vielleicht Mehnersmoos, die hier ja ohnehin mitmischen.
Was steckt “Hinter der Tür” von Grim104?
Mit „Hinter der Tür“ (feat. Crimson Blood) greift Grim104 aktiv in seine eigene Diskografie zurück. Die Zeile „Da sind Risse im Boden“ verweist direkt auf den Song „Risse“ aus dem Album „Das Ende Der Nacht“ von 2023.
Solche Selbstzitate funktionieren hier nicht wie Fanservice, sondern eher wie ein Hinweis darauf, dass sich bestimmte Themen durch das Album ziehen und nicht einfach verschwinden. Inhaltlich geht es um die Dringlichkeit, Dinge zu verändern, während man gleichzeitig merkt, wie lange man sie schon vor sich herschiebt.
Der Track wirkt dadurch wie ein Punkt, an dem sich verschiedene Linien aus früheren Releases kreuzen. Für OG-Fans sind genau diese Rückbezüge natürlich ein kleines Highlight, weil man ikonische Zeilen sofort wieder erkennt. Und wer ganz genau hinhört, kann vielleicht noch mehrere Insider entdecken…
Doch kleine Brüche im Sound sind wichtig. Was „No Country For Old Grim“ spannend macht, ist auch, wie unterschiedlich es klingt. „Unvernünftig“ (feat. Katanna) bringt plötzlich eine Leichtigkeit rein, die man auf den ersten Ton nicht erwartet. Der Song hat fühlbare Day-Rave-Vibes, funktioniert in Bewegung, in der Sonne, eher draußen als im dunklen Club. Gleichzeitig ist das Feature von Katanna ein wichtiger Moment auf dem Album, weil es eine FLINTA-Perspektive reinbringt, die wir im deutschen Rapgame oftmals vermissen. Die Künstlerin hatten wir übrigens schon letztes Jahr am Release-Friday auf dem Radar.
Der Song „Monstera“ geht nochmal in eine andere Richtung: lofi-lastig und entspannt, bis Grim den Song nach dem ersten Part stoppt und einfach nochmal neu beginnt. Wer sich das schwer vorstellen kann, sollte einfach selbst in den Song reinhören. Inhaltlich dreht sich der Track um Sommer, um Dinge, die man sich vornimmt, und um dieses bekannte Gefühl, dass zwischen Plan und Umsetzung oft eine ziemlich große Lücke liegt.
“Haus in Lübars” ist der Underdog des Albums
Dieser Song ist der womöglich stärkste Track auf dem Album. “Haus in Lübars” klingt am ehesten nach diesem klassischen, ungeschliffenen Grim, der einfach nach vorne geht, ohne sich groß zu erklären.
Der Song hat etwas von diesem auf-die-Fresse-Rap, der nicht geschniegelt oder durchkonzipiert wirkt, sondern direkt und ein bisschen trotzig. Kopfnicken, bisschen Aggression, bisschen Trotz: Alles fühlt sich fast an wie früher, nur dass der Blick heute ein anderer ist.
Inhaltlich ist der Song ziemlich gesellschaftskritisch. Die Kritik vergibt der Artist eher nebenbei, in erzählten Bildern und Beobachtungen, die hängen bleiben, wenn man genau hinhört. Es passt damit auch perfekt ins Album, weil genau diese subtilen, unangenehmen Wahrheiten hier immer wieder durchscheinen.
Und dann ist da noch der Ort selbst: Lübars, ein Ortsteil im Berliner Bezirk Reinickendorf. Für alle, die sich in Berlin nicht auskennen, das ist nicht das Berlin, das man aus Imagevideos kennt. Eher Randgebiet, ruhiger, weniger Szene und der Bus kommt hier nur im 20-Minuten-Takt. Genau diese Verortung gibt dem Track nochmal eine zusätzliche Ebene, weil sie uns aus dieser typischen Großstadt-Bubble rausholt. “Zum Griechen” kam schon überraschend, aber mit einem Song über Lübars hat nämlich nun wirklich niemand gerechnet.
Grim104 auf der großen Bühne
Am Ende bleibt „No Country For Old Grim“ ein Album, das sich nicht ganz festlegen will. Es bewegt sich ständig zwischen Rückblick und Gegenwart, zwischen Resignation und so einer kleinen, unterschwelligen Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch irgendwas dreht.
Grim104 wirkt hier weniger wie jemand, der Antworten gibt, sondern eher wie jemand, der laut über Fragen nachdenkt, die viele wahrscheinlich ganz gut kennen. Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment für so ein Album. Eins, das nicht so tut, als hätte es Antworten, sondern dir genug Raum lässt, selbst etwas darin zu finden. Deshalb an der Stelle auch einfach mal Danke an den Artist für ein Album, in dem man sich emotional wiederfinden kann.
Wenn ihr das Ganze nicht nur über Kopfhörer erleben wollt, könnt ihr die Tour-Daten zu “No Country For Old Grim” im Eventkalender auschecken. Ich werde mir das Ganze am 08.05. live in Berlin anschauen. Wenn ihr das Album bis dahin auch ein bisschen gefühlt habt, kommt rum. Könnte gut werden.
Anzeige*

Gewinnspiel
BANDUP verlost auf Instagram eine Vinyl von dem Album „ARIRANG“ von BTS.









