CARUS: „Glitzer ist nicht immer Erlösung – manchmal nur Oberfläche“

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Claudia Carus bewegt sich zwischen Theater, Performance und elektronischem Art Pop. Mit ihrer neuen Single „Alles Glitzer Glitzer“, die am 24. März erscheint, liefert die in Berlin geborene und in Wien lebende Künstlerin den Titelsong zu ihrem für 2027 angekündigten Debütalbum. In einer bewusst überzeichneten, fast kindlichen Bildwelt verhandelt sie große Themen unserer Zeit: Überforderung durch unendliche Möglichkeiten, kuratierte Social-Media-Realitäten und die stille Müdigkeit einer Generation zwischen Glanz und Erschöpfung.

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Ihre Musik verbindet deutschsprachigen elektronischen Art Pop mit performativem Indie und funkelnder Popästhetik – dabei geht es ihr weniger um perfekte Oberflächen als um hörbare Spannungen. Im Interview spricht CARUS über ihre lange Theaterkarriere, die Entstehung des Songs, kollektive Videoproduktion und darüber, wie ihre Ausbildungen in Mentaltraining und Trauerbegleitung ihre künstlerische Perspektive prägen.

BANDUP: Hallo Claudia, für alle die dich noch nicht kennen, stell dich doch gerne einmal kurz vor.

Hinter CARUS stehe ich, Claudia Carus. Ich bin in Berlin geboren, lebe seit vielen Jahren in Wien und arbeite seit langem zwischen Theater, Performance und Musik. CARUS ist für mich kein radikaler Neuanfang, sondern eher eine Verdichtung all dessen, was ich schon lange mache: Geschichten erzählen, Emotionen sichtbar machen und gesellschaftliche Themen künstlerisch verarbeiten…

… Meine Musik bewegt sich im deutschsprachigen elektronischen Art Pop, performativem Indie sowie funkelnder Popästhetik. Mich interessiert dabei weniger ein Genre als die Haltung dahinter. Ich schreibe meine Songs meist am Klavier, Keyboard oder an der Gitarre und entwickle sie dann gemeinsam mit meinen Produzenten weiter. Es geht mir nicht darum, perfekte Popoberflächen zu bauen, sondern Spannungen hörbar zu machen. Glanz und Brüche dürfen gleichzeitig existieren. Vielleicht beschreibt das meine Arbeit am besten: ein Popentwurf, der nicht glatt sein will, sondern ehrlich ist, auch wenn er dadurch oft eher abseits vom Mainstream stattfindet.

BANDUP: Mit „Alles Glitzer Glitzer“ erscheint am 24. März deine neue Single und gleichzeitig der Titelsong deines kommenden Debütalbums. Was steckt hinter diesem Song – und warum ist gerade er zum konzeptionellen Kern geworden?

CARUS: „Alles Glitzer Glitzer“ ist für mich eine Art Brennglas für die zentralen Themen des Albums. Der Song reagiert auf eine Gegenwart voller Möglichkeiten, in der Freiheit schnell in Überforderung umschlägt und Orientierung fragil wird, und bildet als Titelsingle zugleich den konzeptionellen Kern meines gleichnamigen Debütalbums, das sich derzeit im Entstehungsprozess befindet und für 2027 angekündigt ist. In einer bewusst überzeichneten, fast kindlichen Bildwelt treffen Glitzer, Sticker und Wunschlogik auf Erschöpfung und innere Leere. Ideale und Kindheitsträume, lange genährt durch Medienbilder und gesellschaftliche Projektionen, beginnen zu zerfallen.

Das Kinderzimmer ist ausgeräumt, das Stickeralbum verschwunden. Zurück bleibt eine Welt voller Reize und Versprechen, denen oft jede Verbindlichkeit fehlt. Glitzer erscheint hier nicht als Erlösung, sondern als Oberfläche. Kurz tragfähig, aber nicht erfüllend. Der Song spiegelt eine Generation, die zwischen perfekt kuratierten Bildern und widersprüchlicher Realität navigiert. Hinter glänzenden Feeds zeigen sich Risse, graue Zwischenräume, Zweifel und Ambivalenz. Nicht alles, was funkelt, trägt Substanz. Musikalisch imitiert „Alles Glitzer Glitzer“ die Sprache der Dauerablenkung, bis sie zu bröckeln beginnt: große Begriffe verlieren Gewicht, Sinn zerfällt, Strukturen lösen sich auf. Die Leere entsteht dabei nicht aus Mangel, sondern aus permanenter Verfügbarkeit und der Überforderung durch unendliche Möglichkeiten.

Ich wollte bewusst keinen moralischen Kommentar schreiben. Der Song verzichtet auf Anklage oder Erlösungsnarrative und beschreibt eher einen Zustand. Wir sind nicht nur Beobachterinnen und Beobachter dieser glitzernden Oberfläche, sondern Teil ihrer Mechanik. Gleichzeitig öffnet sich eine zweite Ebene. Eine leise Einladung, Glitzer wieder in kleinen Momenten wahrzunehmen, nicht als Illusion, sondern als bewusste Entscheidung für Gegenwärtigkeit. Vielleicht ist genau diese Ambivalenz der Grund, warum der Song zum Zentrum des Albums geworden ist.

BANDUP: Du arbeitest mit einer überzeichneten, fast kindlichen Bildwelt. Gleichzeitig geht es um Erschöpfung und innere Leere. Wie bist du auf diese Verbindung gekommen?

CARUS: Mich interessiert, wie stark Idealbilder aus Kindheit und Medien unsere Erwartungen an das Leben prägen. Glitzer, Sticker oder Wunschlogik stehen eigentlich für Unbeschwertheit. Wenn man diese Bilder jedoch in einen erwachsenen Kontext setzt, entstehen Risse und genau dort liegt für mich die Spannung. Viele von uns sind mit Versprechen eines nahezu perfekten Lebens aufgewachsen, und diese Bilder werden über Social Media bis heute weiterproduziert.

Wenn sich diese Versprechen nicht einlösen, entsteht oft keine große Wut, sondern eher eine stille Müdigkeit. Als Kind fühlt man sich im besten Fall eingebettet, sicher, lebt stärker im Moment. Diese Mischung wollte ich sichtbar machen: Das Funkeln bleibt, aber seine Bedeutung verschiebt sich.

BANDUP: Der Song spricht von einer Generation zwischen kuratierten Bildern und Realität. Wie gehst du selbst mit diesem Spannungsfeld um?

CARUS: Ich erlebe das selbst als paradox. Als Künstlerin brauche ich Sichtbarkeit, gleichzeitig beobachte ich kritisch, wie stark Social Media unsere Wahrnehmung formt. Ich versuche deshalb, diese Räume eher als Bühne zu begreifen und nicht als Wahrheit. Es ist ein Werkzeug, aber kein Maßstab für Wert. Ganz ehrlich: Diese permanente Selbstdarstellung kostet mich oft Energie.

Manchmal habe ich das Gefühl, mich zwingen zu müssen, den nächsten Post zu machen, während mir eigentlich die Zeit fehlt, Songs zu schreiben oder einfach Musik zu machen. Ich versuche inzwischen freier damit umzugehen und zu spüren, ob etwas noch authentisch ist. Der Satz „wer vergleicht, verliert“ ist dabei ein wichtiger Reminder. Vielleicht liegt auch ein Schutz darin zu wissen, dass das alles nur kurze Ausschnitte aus einem komplexen Leben sind, eine verzerrte Realität.

Vom Theater zur Popmusik

BANDUP: Du hast eine lange Theaterkarriere. Was hat dich dazu bewegt, jetzt als CARUS in die Popmusik einzutauchen?

CARUS: Musik war eigentlich immer da. Aufgewachsen in der Berliner Musikszene war ich früh als Sängerin und Frontfrau eigener Bands aktiv. Nach dem Abitur am Hans und Hilde Coppi Musikgymnasium und einer Musicalausbildung am Studio für Musical und Musiktheater Paul Hindemith studierte ich Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München. Es folgte ein vierjähriges Festengagement am Salzburger Landestheater, wo ich als Schauspielerin, Musikerin, Komponistin, Choreografin, Co-Regisseurin und Sprechtrainerin gearbeitet habe und meine interdisziplinäre Arbeitsweise weiterentwickeln konnte. Mit Projekten wie „Harp Hinz und die schnellste Frau der Welt“ und dem Album „augenblick mal“ setzte ich erste Akzente als Songwriterin.

Seit 2015 lebe ich freischaffend in Wien, spielte unter anderem bei den Bregenzer Festspielen, am Phönix Theater Linz, im Kosmos Theater Wien, an der Comödie Dresden oder am Alten Schauspielhaus Stuttgart. Parallel dazu habe ich mich im Bereich Kulturmanagement und Mental Health weitergebildet und Ausbildungen als Mentaltrainerin, Trauerbegleiterin und im Hospizbereich absolviert. Mit CARUS finde ich nun eine musikalische Form, die all diese Erfahrungen bündelt. Viele meiner Songs funktionieren wie kleine Szenen oder Monologe. Oft arbeite ich mich dabei auch an einem spezifischen Thema ab, taste mich in verspielten Bildern und Metaphern daran entlang und lasse Widersprüche stehen. Meine Bühnenarbeit hat mich gelehrt, Emotionen nicht zu glätten, sondern auszuhalten, das prägt auch meinen Sound.

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BANDUP: Das Musikvideo zu „Alles Glitzer Glitzer“ ist ein kollektives Projekt. Wie wichtig ist dir dieser Ansatz?

CARUS: Sehr wichtig. Ich wollte bewusst kein klassisches Performancevideo, in dem ich allein im Mittelpunkt stehe. Stattdessen entsteht ein Popmosaik aus verschiedenen Perspektiven. Rund zehn Mitwirkende, darunter auch Kinder, haben eigenes Material beigesteuert, das von der Videokünstlerin Dominika Kalcher zu einer vielschichtigen Bildcollage montiert wurde. Das Video transportiert etwas, das der Song allein nicht kann: Gemeinschaft. Unterschiedliche Körper, Realitäten und Räume existieren parallel und erzeugen ein Gefühl von Gleichzeitigkeit.

BANDUP: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Bernhard Hammer und Julian Hruza aus?

CARUS: Die Zusammenarbeit ist sehr organisch. Ich bringe die Songidee, Text und Grundstruktur mit. Julian Hruza ist oft ein wichtiger Wegweiser für das finale Gerüst im Songwriting, bevor Bernhard Hammer mit seinem Sounddesign, seinen musikalischen Arrangements und im gemeinsamen Kompositionsprozess den Tracks Tiefe und Stil verleiht. Danach gibt Julian den Songs mit seinem Input häufig noch einmal den finalen Schliff. Diese Mischung aus Intuition und Struktur ist für mich extrem wertvoll. Es fühlt sich weniger nach klassischer Produktion an als nach einem gemeinsamen Forschen.

Zwischen Existenz und Popkultur

BANDUP: Du hast Ausbildungen in Mentaltraining und Trauerbegleitung gemacht. Wie prägt das deine Musik?

CARUS: Diese Erfahrungen haben meine Perspektive stark verändert. Wenn man Menschen in existenziellen Situationen begleitet, relativiert sich vieles. Ich habe gelernt, genauer hinzuhören und auch Stille auszuhalten. Als Mentaltrainerin bin ich Gestalterin und das spiegelt sich auch in meiner Musik wider. Ich erzähle eigene Geschichten, beschäftige mich mit sozialpolitischen Themen und natürlich auch mit den Lebensrealitäten anderer Menschen. Die klassische Erfolgsfrage stellt sich mir dadurch weniger.

Wenn man sich intensiv mit Endlichkeit beschäftigt, verändert das den Blick auf Erwartungen und Prioritäten. In meinen Songs geht es deshalb selten um schnelle Lösungen. Mich interessiert eher, wie wir mit Ambivalenzen leben können. Vielleicht tragen sie dadurch manchmal eine gewisse Ernsthaftigkeit in sich, zugleich blitzen aber auch immer wieder Ironie und Witz durch.

BANDUP: Dein Album erscheint 2027. Welche Themen erwarten uns?

CARUS: Wenn alles gut geht, Ende 2027, aber ich setze mich da bewusst nicht unter Druck, weil ich vieles selbst finanziere und manage. Für mich ist das Album ein künstlerischer Prozess, fast wie ein Roadtrip durch verschiedene Zustände: Glanz, Ironie, Wut, Humor und Verletzlichkeit. Es geht um Beziehungen, gesellschaftliche Erwartungen, mentale Überforderung, aber auch um kleine Momente von Leichtigkeit.

Musikalisch wird jeder Song seinen eigenen Klangraum bekommen. Mich interessiert weniger ein einheitlicher Stil als eine gemeinsame Haltung, in der Widersprüche nebeneinander existieren dürfen.

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BANDUP: Zum Abschluss: Welchen Song würdest du unseren Leserinnen und Lesern ans Herz legen?

CARUS: Nur einen zu nennen ist schwierig. Ich mag oft Songs, die sich nicht sofort erschließen. Von meiner lieben Kollegin und Freundin Pippa, aber auch von Nichtseattle gibt es Stücke, die für mich zeigen, dass Musik gleichzeitig emotional, unbequem und poetisch sein kann. Genau diese Mischung interessiert mich generell an Musik: wenn sie nicht nur unterhält, sondern eine eigene Welt öffnet.

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