„überall hört der himmel auf.“ – Ole Tiedens Debüt gegen die Gefühlskälte
Wenn Zärtlichkeit zum politischen Akt wird, kann Musik mehr sein als nur schöne Töne, sondern wird zur leisen Revolution gegen eine gefühlskalte Gegenwart. Ole Tieden veröffentlichte am 28. März sein Debütalbum „überall hört der himmel auf.“ über das Label Hey!acoustics und setzt damit ein Zeichen: In einer Welt voller Kälte und digitaler Distanz ist das Zeigen von Verletzlichkeit der wahre Widerstand.
Der Liedermacher aus Schleswig, dessen Künstlername plattdeutsch für „alte Zeiten“ steht, verbindet auf elf Tracks akustische Gitarren mit Field Recordings vom Wattenmeer und erschafft dabei eine intime Klangwelt. Das Album versammelt Lieder aus den letzten zehn Jahren, in denen Ole Tieden parallel zu seiner Ausbildung zum Schauspieler und Engagements an deutschen Bühnen komponierte und seine Gedanken in Noten verwandelte.
Verletzlichkeit statt Heldenpose
Ole Tieden besingt auf diesem Album leere Häuser, dunkle Gewässer und die dünne Grenze zwischen Zweisamkeit und Einsamkeit, ohne dabei in Resignation zu verfallen oder falsche Hoffnungen zu versprechen. Besonders im Song „widerstand“ wird deutlich, wie radikal die Entscheidung für Gefühle sein kann: „Zärtlich sein ist Widerstand“ singt er und meint damit einen bewussten Ausbruch aus den Verstandeskasernen einer modernen, gefühlsleeren Welt.
In „fische aus beton“ beschreibt er die Selbsterkenntnis eines Menschen, der sich als Held inszeniert, aber nur „kniehoch in zahmen Fluten“ steht, während andere in seelischen Tiefen versinken. Mit „Nachts II.“, einer musikalischen Aufarbeitung eines Gedichts von Mascha Kaléko, zeigt er, dass Hoffnung nicht viele Worte braucht: „Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“
Heimat klingt wie das Wattenmeer
Produziert wurde das Album gemeinsam mit Stefan Wurz im Subterrasound Tonstudio in Hildesheim, wobei die Arrangements bewusst Raum für Stille und die Wirkung jedes einzelnen Tons lassen. Neben Tiedens Gitarre und Gesang prägen Wurz‘ Bass, E-Gitarren und Piano sowie Dennis Brendes am Schlagzeug den intimen Sound der elf Stücke, die ohne künstliche Effekte auskommen.
Die subtil eingewobenen Naturklänge des Wattenmeers, aufgenommen von Frank Wendeberg und der Audio Union GbR, verleihen dem Album eine fast meditative Qualität und erinnern daran, dass Heimat nicht nur ein Ort, sondern auch ein Gefühl ist. Die anstehenden Konzerte haben wir euch oben verlinkt. Solltet ihr unbedingt auschecken, wenn ihr in der Nähe seid. Nach dem Album stellen wir uns die Frage: Ist Zärtlichkeit wirklich die radikalste Form des Widerstands in einer Zeit, die uns lehrt, Gefühle zu rationalisieren?
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