„Du bist Miss Gemein und ich bin Mister Einsam“: Die neue Männlichkeit in Lyrics

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Dass Popkultur den Zeitgeist und gesellschaftliche Veränderung widerspiegelt, ist nichts Neues. Auch wie wir lieben, streiten und zwischenmenschliche Beziehungen aushandeln, bleibt davon nicht unberührt – und umgekehrt prägen unsere Erfahrungen die Popkultur. Was sagen Songlyrics also über unser derzeitiges Datingverhalten aus?

Dass Männer ihre Emotionen und Unzulänglichkeitsgefühle offen thematisieren, ist noch relativ neu. Das ist zunächst ein positives Signal, geprägt von einem stärkeren Blick auf Mental Health und feministischen Impulsen. Die Bekennung zu Gefühlen oder dem „Lost-Sein“, wie wir sie momentan oft in Lyrics wiederfinden, kann hier als Ausdruck einer weicheren, verletzlicheren Männlichkeit gelesen werden.

Leider wird diese neue Verletzlichkeit oft in Passivität, Anspruchshaltung und Verantwortungslosigkeit umgeschrieben. Männliche Artists inszenieren ihr Lost-Sein zunehmend als Teil ihrer Identität. Laufen sie dadurch Gefahr sich auf diesem Image auszuruhen anstatt Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen?

„Ich kann machen was ich möchte, weil ich bin eine Frau“ – as she should

Während auf der männlichen Seite die Bekennung zu Verletzlichkeit und Lost-Sein die Diskussion prägt, zeigen Frauen in der Popkultur eine ganz andere Strategie. Hier dreht sich alles um Selbstermächtigung, Lust und die Abrechnung mit unzulänglichen Männern. Ikkimel lässt sich zum Beispiel gar nicht mehr auf solche emotionalen Spielchen ein, stattdessen macht sie überspitzt Gebrauch von etwas, das lange in einer männlichen Tradition stand: Der aktive, dominierende Part sein, der Sex sehr genießt.

Männer sollten sich unterwerfen, werden fast lächerlich gemacht. Ikkimel singt „Sprich mich einmal an und ich mach dich zu mei’m Wauwau“ (in „KETA UND KRAWALL“) und „Schnauze halten, Leine an / Schatz, jetzt sind die Weiber dran“ (in „BÖSER JUNGE“). Einfach nur ein Mann zu sein reicht hier höchstens für Sex, sonst sind sie eher „nicht zu gebrauchen“.

Neben der Unterwerfung der Männer findet das Reclaimen der eigenen Sexualität als Frau statt. Ob diese Inszenierung von Hypersexualität nicht nur wieder den Male Gaze bedient oder doch ein guter Weg ist, um Gleichberechtigung zu erlangen – einfach mal die Rollen tauschen – bleibt abzuwarten.

Female Empowerment speist sich aus der Popkultur „Herzschmerz“

Was sich aber über die Jahrzehnte hinweg wie ein roter Faden zieht, ist der in Lyrics verpackte Herzschmerz von Frauen. Spätestens seit „Since U Been Gone“ rechnen Frauen mit ihren unzureichenden Kerlen ab – und das bis heute.

In „Er’s ne Bitch“ stellt Wa22ermann nicht nur ihren Ex-Lover, sondern gleich ein ganzes Feld potenzieller Lover an den Pranger: „Es gibt so viele seiner Art / Ich würd von einem mal verarscht“ – und bedient somit den, ich nenn ihn mal „Alle-Männer-sind-Schweine“ Komplex. Frauen werden belogen, betrogen, klein gehalten und nach der Trennung realisieren sie, was da eigentlich abgegangen ist und rechnen mit ihren Mackern ab.

Diese emotionale Dysbalance und Unzufriedenheit der weiblichen Seite sickert immer mehr ins Bewusstsein als gesellschaftliches Problem. Auch Marnele gibt zu: Ja, ihr Crush ist ein Loser.

Dominanz oder Abrechnung, beide entspringen derselben Quelle – dem Frust über unzureichende Männer und der Suche nach Selbstbehauptung in Beziehungen. Was bei Ikkimel laut, aggressiv und sexuell aufgeladen daherkommt, formulieren andere in Liebeskummer-Kampfansagen.

Aber haben Männer es nicht endlich geschafft nun über Gefühle zu sprechen? Warum treffen diese beiden Bewegungen so krass aufeinander? Und was ist vielleicht noch immer nicht genug?

What about dem guys?

Im Gegensatz zu den desillusionierten Frauenstimmen, scheinen viele deutsche Indieboys hoffnungslos romantisch. Sie verkörpern eine neue Männlichkeit in touch mit ihren feelings. Ob AnnenMayKantereit, Zartmann, Ski Aggu oder makko – die Scham vor Gefühlen scheint besiegt, nicht klarzukommen und unsicher zu sein wird ausgesprochen und akzeptiert. A win muss man mal ganz klar sagen, sowohl für die Männerseelen als auch für ihre Umfelder.

Auch den Blame finden Männer häufig bei sich. In „P.S.“ singt Makko: „Und die Weste nicht mehr weiß, doch ich hoff, dass du verzeihst / Ja, ich wart auf deinen Rückruf, ich würd rangeh’n jederzeit“.

Männer halten am romantischen Zeitalter und Co-Abhängigkeit fest

Sogar, dass sie emotional nicht in der Lage sind, sprechen die jungen Liedermacher aus. So heißt es im Song „Vielleicht, Vielleicht“ von AnnenMayKantereit: „Und dann merk‘ ich, es ist leicht / Weil dir so wenig reicht / Du gibst mir Zeit“. Stellt man das unseren Herzschmerzpassagen gegenüber muss man sagen, na ja, vielleicht reicht es eben eigentlich nicht, wenn man mal ganz ehrlich ist.

An sich klingt das erstmal schön, romantisch sehr, legt aber ein Ungleichgewicht der Bedürfnisse offen. Das ist ein hoher Anspruch an einen Beziehungspartnerin. „Weil du siehst, was ich sonst niemandem zeige / Ich kann dir erzählen, was ich mir selbst verschweige“ – please seek therapy, möchte ich sagen. Das sollte nicht eine Beziehungsperson leisten müssen.

Diesen Wunsch nach Rettung durch die Partnerin finden wir auch wieder in Zartmanns „tau mich auf“. Die Verantwortung wird erneut in die Hände der woman in question gelegt: „Komm schon, reiß mich auf, bist stark und schlau und weißt es auch / Ich bin wie eingefror’n, komm, zünd mich an, komm, hol mich raus“. Sind Männer nun die Prinzen, die aus dem Dornröschenschlaf geweckt und dem Turm befreit werden müssen? Fungieren Frauen nun als vermeintliche Retterinnen?

Zeitgleich werden Partnerinnen idealisiert. Wie in so vielen Repräsentationen sind wir auch hier überzeugt vom Bild der perfekten Frau, die es in Wirklichkeit nicht gibt und immer hinter die durch solche Bilder erweckten Erwartungen zurückfallen wird. Denn wenn der weibliche Gegenpart, diesen vermeintlichen Anspruch nicht erfüllen will, lässt sich das sowohl zwischen als auch in den Zeilen lesen.

So wie in Ski Aggus eigentlich doch sehr verliebten Song „mietfrei“, stößt einem die Line „Du bist Miss Gemein und ich bin Mister Einsam“ doch unangenehm auf. So richtig selbstreflektiert klingt das nicht, obwohl das doch gerade Sinn dieser ganzen Selbstbeschäftigung sein sollte und bringt uns wieder zu der Frage: Sind verletzliche Männer wirklich reflektiert – oder nur neue Varianten des Typus der Verantwortung abgibt?

Wirklich so selbstreflektiert und unschuldig?

Wenn wir ehrlich sind: Jein. Denn es findet schon die rückläufige Bewegung statt, und wir können den problematischen Trend ablesen, dass Lost-Sein als Ausrede benutzt wird. So singt zeck in seinem Song „maybe„, von einer Situationship, in der ihm bewusst ist, wie schlecht es ihr geht: „She’s having such a bad time / My words are cruising her mind, her mind“.

Er schafft den Absprung nicht und sträubt sich eine Entscheidung zu treffen, obwohl er weiß, dass seine Unentschlossenheit auf ihre Kosten geht „I don’t know what to tell you / Can’t deny I’d like to like you“. Aber ach, statt Verantwortung zu übernehmen, stellt er seine eigenen Bedürfnisse nach Freiheit und Unentschlossenheit über alles: „I’ll call you maybe (Mm, mm) / I’ll text you maybe (Mm, mm) / But please don’t chain me“. Vielleicht ruf ich an, vielleicht texte ich, who knows – verbindlich ist gerade nichts.

Auch im Feature „25 grad“ hat Kasi ne Zeile wo ich am liebsten sagen möchte, weiß ich nicht, Maus: „Ich ignoriere deine Nachricht ey mein Handy auf stumm / bisschen Drama ist normal wir sind doch beide noch jung“. Hier wird nämlich gar nicht mal mehr „Lost-Sein“ als Ausrede benutzt; stattdessen wird aktiv signalisiert: stell dich nicht so an, ich bin ein junger fun dude, ein Lausebengel. Hier wird ein Verhalten, bei dem man weiß, dass es der anderen Person weh tut – schließlich wird Drama von vornherein einkalkuliert) normalisiert.

Ich schätze, die Jungs haben sich nicht so viel dabei gedacht – doch vielleicht genau darin das Problem. Natürlich soll man über sein Leben rappen, so wie es ist, und seine struggles da reinpacken. Doch gerade wenn man in touch mit seinen eigenen feelings ist, wäre doch der nächste Schritt die anderen feelings im Raum wahrzunehmen und zu berücksichtigen.

Schließlich handelt es sich hier nicht um einen Ikkimel-Song, der auf provokative Überspitzung ausgelegt ist, sondern um ein Song, der eigentlich eine alltägliche Dating-Situation beschreibt, an wirkliche Leben und Gefühlswelten anknüpfen soll, – zumindest ist er so verpackt. Jung und „lost“ sein, mag ne Zeit lang cute sein, bis es einfach nur verletzend ist.

Es gibt Hoffnung: Blond, Nina Chuba und makko halten dagegen

Zum Glück callen Künstler*innen wie Blond so ein Verhalten out. In ihren Songs kritisieren sie nicht nur verletzendes Verhalten, sonder auch die Selbstgefälligkeit, die so mancher an den Tag legt: „Es ist so schön auf dieser Welt zu sein / In der schon so wenig reicht / Um ein cooler Typ zu sein“. Das vermeintliche Ausruhen auf dem normalisierten „Lost-Sein“, das „bare minimum“, ist halt eben nur das und etwas, worauf Frauen keinen Bock mehr haben.

In „ich sage ja“ widersprechen Blond zudem dem Bild der idealisierten Frau, die ja ruhig die emotionale Last tragen könnte, denn ihr würde das ja nichts ausmachen: „Ich sage ja, ich bin brav / Nehm‘ alles hin denn ich bin ein hübsches Mädchen / Ich rede ganz ruhig / Warum sollte ich schrei‘n / Es gibt keinen Grund für mich / Um wütend zu sein“.

Das Feature „Fucked Up“ von makko und Nina Chuba wirkt da gerade richtig heilsam. Der Song legt den Schmerz beider Stimmen offen ohne die emotionale Verantwortung auf die Partnerin, hier Nina, abzuwälzen. Stattdessen wird dieser alleinige Fokus auf das männliche Ich benannt und outgecalled: „Pack die Karten auf den Tisch: Meine Welt dreht sich um mich“.

Gleichzeitig wird aus weiblicher Sicht klar, das ein solch unausgeglichenes Verhältnis auf Dauer untragbar ist: „Junge, ich sag dir wie es ist: Du bist fucked up / Pass nicht mehr auf dich auf, ich kann’s nicht mehr ertragen“.

Noch schärfer wird die Kritik am Fokus auf die männliche Person bei bucci. In einem Reel übernimmt er makkos Rap-Part und stellt den heulenden „Fuckboy“ und seine Ähnlichkeit zum „Lostboy“ heraus, der das ja alles nicht so gemeint hat und es nicht schafft, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Stattdessen werden die Partnerin und ihre Reaktionen in Frage stellt: „Ich hab dich betrogen, oft belogen und verarscht / Trotzdem find ich deine Reaktion viel zu hart“ oder sogar gegaslighted „Du bist viel zu empfindlich / Das bildest du dir ein, nein, das stimmt nicht“.

Es ist wichtig, diese Tendenzen klar zu benennen – besonders, wenn sie drohen, in alte Muster zurückzufallen. Natürlich ist das Bekenntnis zu Gefühlen ein Fortschritt und ein Schritt hin zu einer weicheren, reflektierteren Männlichkeit. Aber: Verletzlichkeit darf nicht zum Freifahrtschein werden, um Verantwortung abzugeben.

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Gefühle zuzulassen ist der Anfang. Verantwortung dafür zu tragen – das ist der eigentliche Maßstab.

Disclaimer:

Hier wird von einer überspitzt binären Perspektive auf Geschlechterrollen ausgegangen. Wie sich diese im nicht-binären und nicht-heterosexuellen Kontext verhalten, hat die Autorin noch nicht untersucht.