clausy im Interview über neue EP, ungefragten Krach und Alltags-Slang
Der Hamburger Rapper clausy hat seine neue EP veröffentlicht und erzählt uns in diesem Interview von dem Prozess hinter „NACHSCHLACH“. Dabei erzählt er was ihn dazu bringt, Alltagssprüche in Songs zu verwandeln, zwischen Selbstironie und Gesellschaftskritik zu navigieren und sich dabei bewusst von klassischen Rap-Konventionen zu lösen.
Erste Rap-Gehversuche hatte ich schon in meiner Teenie-Zeit, und nun gute 10-15 Jahre später kickt die quarterlife crisis und ich greife zum Leidwesen aller wieder zum Mikrofon.
BANDUP: „Auch wenn ihr meine Fresse satt habt, komm‘ ich ungefragt mit neuem Krach an!“. Das ist eine ziemlich provokante Ansage für deine neue EP. Wie ernst meinst du das?
clausy: Ich würde sagen: Ernster Hintergedanke, flapsige Formulierung. Ich neige bei meinen Songs dazu, Botschaften provozierend umzudrehen. Ich sage lieber „Ihr Idioten, das habt ihr jetzt davon, dass ihr konsumiert ohne nachzudenken! Irgend so ein Möchtegern-Rapper tischt euch jetzt ungefragt einen Nachschlach auf“ als „Der böse Algorithmus verlangt von uns armen Künstler*innen, dass wir monatlich neue Songs droppen“. Insgeheim hoffe ich natürlich darauf, dass doch ein paar Leute Bock auf meine Fresse haben.
Kreatives Chaos Mal 2
BANDUP: Du arbeitest bei „NACHSCHLACH“ wieder mit Timon Lanzinger zusammen. Was macht eure Zusammenarbeit aus und warum beschreibst du ihn als deine „schlechtere Hälfte“?
clausy: Wir kennen uns seit zehn Jahren, sind Nachbarn und hängen viel zu viel miteinander ab. Quasi ein Ehepaar. Im Studio herrscht ein rauer Ton, aber den brauchen wir irgendwie, um kreativ zu werden. Wir ergänzen uns gut, aber Timon will mich immer noch etwas gemeiner machen, als ich eigentlich bin, und hat einen furchtbar schlechten Einfluss auf mich. Lieben tu ich ihn trotzdem.
BANDUP: Die EP ist eine Mischung aus Drum’n’Bass, Techno, Trap und Boom-Bap. Wie kam es zu diesem Genre-Mix und was war die Idee dahinter?
clausy: Klingt stumpf, aber wir wollen uns einfach nicht beschränken. Uns ist wichtiger, dass die Beats scheppern, irgendwie unperfekt klingen und zum Text passen, als dass wir irgendein Genre bedienen. Außerdem kommen wir beide auch aus anderen Musik-Stilen und verstehen absolut nichts von Hip-Hop, außer dass man mit dem Kopf nicken muss.
100 Sprüche als Ideenfundus
BANDUP: Songs wie „MACH MA“ oder „WASMAN HATMAN“ entstehen aus „stumpfem Alltags-Slang“. Wie gehst du vor, wenn du aus so einem Spruch einen ganzen Track entwickelst?
clausy: Genau, das ist der Grundgedanke von clausy. Ich habe eine Liste mit über hundert Sprüchen, die mir in Gesprächen mit Menschen über den Weg laufen. In meinem Kopp haben die dann schon oft einen Rhythmus oder eine Melodie und die Hook steht. Entweder entsteht dann aus dem Flow heraus schon ein Text, der dem Spruch eine Bedeutung gibt, oder ich überlege mir vorher, wo die Reise hingehen soll. Parallel dazu kommt dann der Beat ins Spiel, der das Ganze dann musikalisch untermalen soll.
clausy hat eigentlich zu allem etwas zu melden
BANDUP: Thematisch rappst du über Selbstsabotage, den Druck ständig liefern zu müssen und die Folgen vom „Ja-Sagen“. Welche dieser Themen beschäftigt dich persönlich am meisten?
clausy: Kein spezifisches Thema tatsächlich. clausy hat eigentlich zu allem etwas zu melden. Wichtig ist mir, dass ich nicht mit erhobenem Zeigefinger Gesellschaftskritik ausübe, sondern mich eher als Teil des Problems darstelle. Quasi ein liebevolles Arschloch, was die Gesellschaft spiegelt. Ich setzte mich selten hin und will über ein bestimmtes Thema schreiben, sondern gucke, wo der nächste witzige Spruch mich so hinführt. Einen gewissen „Abfuck“ über aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen kann und will ich aber natürlich nicht verstecken.
Norddeutsch geprägt, musikalisch gewachsen
BANDUP: Du kommst ja aus Hamburg. Wie prägt die Stadt deinen Sound und deine Texte? Oder tut sie das überhaupt?
clausy: Hamburg prägt mich schon ziemlich dolle! Zum einen funktionieren viele der oben genannten Sprüche nur mit einem starken norddeutschen Slang, zum anderen kommen viele meiner Vorbilder, allen voran natürlich Deichkind, von hier.
BANDUP: Zwischen deiner Debüt-EP „quarterlife crisis“ und „NACHSCHLACH“ liegt etwa ein Jahr. Was hat sich für dich in dieser Zeit verändert?
clausy: So viel hat sich tatsächlich nicht verändert. Wir haben genauso weitergemacht wie bisher. Ein paar tolle Konzerte im letzten Jahr, positives Feedback zur Debüt-EP und eine Förderzusage der Initiative-Musik haben mich motiviert und bestätigt, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. (Cheeesy). Die neue EP ist eine gute Ergänzung zur ersten geworden. „quarterlife crisis“ klingt etwas ruffer und hat etwas „plakativere“ Lyrics, „NACHSCHLACH“ ist etwas dicker produziert, kommt vielleicht etwas nachdenklicher daher und hat mehr gesungene Hooks.
weg von klassichen Rap-Klischees
BANDUP: Du sagst, ihr löst euch bewusst von Hip-Hop-Konventionen und wollt die Szene „durchschütteln“. Was stört dich an klassischen Rap-Klischees?
clausy: Ich sollte lieber nicht erzählen, wie wenig Ahnung ich von der Rap-Szene und ihren Klischees habe (ups), und will keiner Person Themen oder Gefühle absprechen, über die sie rappt. Mal abgesehen von misogyner, rassistischer, queer-feindlicher, ableistischer und jeder anderen ausgrenzenden Kackscheiße.
Ich habe Spaß daran, aus dummen Sprüchen Songs zu schreiben, die ins Ohr gehen, ich mache mich gerne über mich und nicht andere lustig, ich bringe gerne kleine politische Botschaften unter und ich freue mich tierisch, wenn ich auf meinen Konzerten Leute tanzen und lachen sehe. Um auf Playlisten wie Deutschrap-Brandneu zwischen Shirin David und Haaland936 zu landen, müsste ich aber mein komplettes Konzept und meinen Charakter ändern. Das meine ich wohl damit, wenn ich sage, dass ich mich von Hip-Hop-Konventionen löse.
BANDUP: Hast du zum Abschluss noch eine Song- oder Artist-Empfehlung für uns?
clausy: Na klar. Frago solltet ihr unbedingt mal abchecken.

Gewinnspiel
BANDUP verlost auf Instagram eine Vinyl von dem Album “Ambiguous Desire” von Arlo Parks.










